Der 11. Mai 2019 hat seinen Platz in den Großräschener und Lausitzer Geschichtsbüchern sicher. Denn um Punkt 14.51 Uhr wird trotz des Nieselregens eine Vision Wirklichkeit. Die Schiffsglocke läutet symbolisch die Eröffnung des Hafens am Großräschener See ein. Ein Wermutstropfen trübt allerdings den historischen Akt. Denn die allgemeine Schiffbarkeit für das rund 800 Hektar große geflutete Restloch des Tagebaus Meuro ist noch nicht erklärt worden. Immerhin übergibt OSL-Landkrat Siegurd Heinze (parteilos) an den Großräschener Bürgermeister Thomas Zenker (SPD) in einer Flaschenpost eine beschränkte Nutzungsgenehmigung für das Gewässer.

Erst am Freitag hatte die Wasserbehörde des Kreises insgesamt sechs Einzelgenehmigungen für die Nutzung des Sees erteilt. Dazu gehört auch das historische Fahrgastschiff, das künftig an den Wochenenden seine Runden unterhalb der IBA-Terrassen drehen wird. Die Genehmigungen, so sagt Thomas Zenker, gelten bis Ende Oktober. Der Rathauschef hofft, dass die allgemeine Schiffbarkeit noch während des laufenden Jahres erklärt wird. Diese ist nämlich die Voraussetzung, dass auch alle anderen Freizeitkapitäne auf den Großräschener See dürfen. Bislang ist das nicht möglich.

„Ganz wichtig ist uns, dass endlich Bewegung auf das Gewässer kommt“, resümiert der Bürgermeister. „Gute Jahrzehnte liegen vor den Großräschenern“, prophezeit indes der ehemalige Brandenburger Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD). Er gratuliert den Vorort-Protagonisten zu deren Mut, eine große Vision umgesetzt zu haben.

Deren Anfänge liegen inzwischen ein Vierteljahrhundert zurück. Anno 1994 war der Wunsch entstanden, das Restloch des Tagebaus Meuro mit einem Hafen zu versilbern. Nur zwei Jahre später war es soweit, als im Spätherbst 1996 der Schaufelradbagger den entsprechenden Geländeeinschnitt herstellte. Im Fachjargon wurde das Vorhaben als „Böschungssonderausformung“ bezeichnet. „Die Beteiligten hatten damals Stillschweigen vereinbart“, plaudert Bürgermeister Zenker aus dem Nähkästchen. Denn damals konnten sich nur die wenigsten vorstellen, dass sich der Ende 1999 geschlossene Tagebau Meuro einmal zu einem 800 Hektar großen See mit Hafen verwandeln würde. „Wir wurden belächelt und mit Häme bedacht“, erinnert sich Thomas Zenker. Übrigens: Der verantwortliche Schaufelradbagger, im Volksmund als „Blaues Wunder bezeichnet“, fristet heute am Lausitzring ein trauriges Dasein. Derzeit wird in der Region um die Zukunft des Stahlkolosses gerungen.

Jetzt ist der einst visionäre Großräschener Hafen also vollendet. Insgesamt zwölf Millionen Euro, davon neun Millionen aus Fördertöpfen, sind investiert worden. „Das Ensemble ist längst der Motor für die weitere Entwicklung in Großräschen geworden“, weiß Zenker. „Die Hafenfreigabe wurde auch wirklich Zeit“, urteilt Walter Karge, der in der Meuroer Grube letzter Tagebauleiter war. „Wir Bergleute haben sehnsüchtig auf den heutigen Moment gewartet“, bekennt der Senftenberger. Nach alten Planungen wäre das das jetzige Hafengebiet einschließlich der IBA-Terrassen, des Seehotels und des IBA-Studierhauses dem Bergbau zum Opfer gefallen. „Wir haben hier auf rund 15 bis 17 Millionen Tonnen Kohle verzichtet“, rechnet Karge vor.

Ohnehin zollen die Protagonisten am Tag der Hafeneinweihung den Bergleuten höchsten Respekt. An der Landesbergparade, die ausschließlich zu ganz besonderen Anlässen stattfindet, nehmen diesmal 330 Bergleute aus 39 Vereinen aus zehn Bundesländern teil. Trotz des Regens marschieren sie in ihren Bergkitteln eine 1,3 Kilometer lange Strecke entlang zahlreicher Besucher. Über mehrere Etagen geht es hinunter zum Hafen. „Wir dürfen ruhig Stolz auf das Geschaffene empfinden“, bringt Hans-Jürgen Schmidt, Vorsitzender des Landesverbandes Brandenburg-Berlin der Bergmanns-, Hütten- und Knappenvereine, die Stimmung auf den Punkt.

Aus Bergleuten werden nunmehr Seeleute. Beide haben einiges gemeinsam, wie Thomas Zenker betont. „Sie sind widerstandsfähig und wetterfest“, befindet das Stadtoberhaupt. „Eigenschaften, die gerade heutzutage, enorm wichtig sind“, fügt Zenker im Blick auf den Lausitzer Strukturwandel an.