Der Diplom-Mathematiker und Naturfreund Klaus Hauptvogel lebt in Ortrand an der Pulsnitz - und mit ihr. Gern, aber oft auch mehr schlecht als recht. Deshalb hat die Kunde von geplanten Investitionen in Höhe von etwa zwölf Millionen Euro in den Hochwasserschutz am Fluss den Ortrander schnell ins Rathaus gelockt. Dort liegen die Unterlagen für das erforderliche Planfeststellungsverfahren aus. Doch die lösen bei dem Anwohner blankes Entsetzen aus.

Die Pulsnitzbrücke über die A 13 war Ende der 90er-Jahren erneuert worden. Nach starken Regenfällen wurde das Flüsschen zehn Jahre später erstmals wieder zum reißenden Strom und trat über die Ufer - und überflutete die Autobahn. Denn im Zuge des Autobahnausbaus war auch das alte Grabensystem zum Ableiten des Wassers gekappt worden. Dieser Fehler wurde später behoben. Doch hochwassersicher ist die Autobahn damit nicht.

Auch deshalb soll das Pulsnitzbett unter dem Bauwerk jetzt vertieft werden. Das macht aber nur Sinn, wenn die Sandfracht, die die Pulsnitz naturgemäß über viele Kilometer und in Massen schon aus Sachsen mit sich führt, vorher zurückgehalten wird.

Vorwurf: Sandfang viel zu klein

Oberhalb der Stadtgrenze soll dafür ein Sandfang errichtet werden. Laut der Projektunterlagen des Landes Brandenburg ist dieses Rückhaltebecken für eine Sandfracht von 30 Tonnen im Jahr ausgelegt. Der Kostenfaktor: 337 990 Euro. "Das ist großer Unsinn und rausgeworfenes Steuergeld", behauptet Klaus Hauptvogel. Der Sandfang sei viel zu klein. Die Pulsnitz führe weit mehr Geschiebe mit sich, als die Planer auswiesen. "Für die Datenerhebung hat das Planungsbüro nur einmal an einem Tag, dem 21. Mai 2008, einen Geschiebefänger (spezieller Kescher) an drei Stellen zehn Minuten lang ins Wasser gehalten und den aufgefangenen Sand gewogen", stellt der Ortrander nach ausgiebigem Sichten der Unterlagen fest. Aus dieser Sandladung sei auf die Menge geschlossen worden, die die Pulsnitz jahrein und jahraus transportieren soll. "Unwissenschaftlicher geht es kaum noch", sagt Klaus Hauptvogel. Doch der ermittelte Wert ist Basis für die geplante Größe des Sandfanges.

In den 37 Seiten der Unterlagen, die sich allein dem Sandfang widmen, ist die Geschiebemenge zwar am Rande auch mit dem in Deutschland am häufigsten angewandten Meyer-Peter-Müller-Verfahren berechnet worden. Zwischen 6000 und 10 000 Tonnen Sand trägt die Pulsnitz demnach im Jahr mit sich. Doch diese Werte werden in der Landesplanung schlicht verworfen. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz bestätigt dem Anwohner dagegen, dass seine Bedenken berechtigt sind und die Größe des Sandfanges definitiv zu klein bemessen ist. Die Geschiebefracht liege bei 11 000 Tonnen im Jahr, eher noch höher.

"Die Idee, das Problem mit einem Sandfang zu lösen, sollte als größter Unsinn verworfen werden", schlussfolgert Klaus Hauptvogel. Grob überschlagen seien in der wirklich erforderlichen Größe etwa 100 Millionen Euro an Baukosten zu erwarten. "Offensichtlich sollen hier erfolgte Fehlplanungen mit weiteren Fehlplanungen nur scheinbar behoben werden", stellt er fest. Dass dies nicht funktioniere, könne praktisch erst das nächste große Hochwasser zeigen. Von einem Schutz für Menschenleben und Werte sei die Hochwasserplanung für Ortrand weit entfernt.

Verwundert zeigt sich auch das zuständige Bundesautobahnamt. Dieses ist nach Auskunft des Sachgebietes Entwurfs- und Erhaltungsplanung "in ein mögliches Planfeststellungsverfahren zum Hochwasserschutz an der A 13 nicht involviert". Bei einem Eingriff in das Pulsnitzbett unter der Autobahnbrücke aber müssten zwingend auch Auswirkungen auf die Statik geprüft werden, merkt Klaus Hauptvogel an.

Der Pulsnitz-Anwohner hat die Stadtväter und die Amtsverwaltung in der jüngsten Sitzung der Ortrander Ratsrunde unmissverständlich aufgefordert, das Planfeststellungsverfahren kritisch zu begleiten und die erhobenen Daten prüfen zu lassen.

Hilfloses Unverständnis

Doch Klaus Hauptvogel ist auf hilfloses Unverständnis gestoßen. Bürgermeister Niko Gebel (CDU) sagt, er verlasse sich auf die Planer und Verfahrensführer. Er könne diese als Stadtoberhaupt nur einladen, um das Hochwasserschutzprojekt nochmals öffentlich zu hinterfragen.

Amtsdirektor Kersten Sickert erklärt, "die unbegründeten Widersprüche von Bürgern verzögern das Planfeststellungsverfahren". Damit werde die Sicherheit der Stadt Ortrand riskiert.

Zum Thema:
Die Pulsnitz gilt als einer der an Sedimenten reichsten Fließgewässer Deutschlands. Der Fluss, der gewöhnlich als gemütlicher Bach anmutet, ist in den vergangenen Jahren wieder öfter zum reißenden Strom mutiert. Die großen Sandfrachten im Bett sorgen dafür, dass die Pulsnitz bei Hochwasser schneller über die Ufer tritt.