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| 02:59 Uhr

Schwerstarbeit nach Kollision von zwei Autos

Nach dem frontalen Zusammenstoß von zwei Autos mussten zwei Frauen aus den völlig lädierten Fahrzeugen befreit werden.
Nach dem frontalen Zusammenstoß von zwei Autos mussten zwei Frauen aus den völlig lädierten Fahrzeugen befreit werden. FOTO: Sattler/sam1
Lauchhammer/Kleinleipisch. Für die schnelle und professionelle Hilfe der Feuerwehrleute am Unfallort ist Linda Becher (24) aus Kleinleipisch den Einsatzkräften unendlich dankbar. Die Brustbeinfraktur und die Hüftprellung, die die tapfere junge Frau noch sichtlich schmerzen, hat sie nicht daran hindern können, das gestern in der Hauptwache Lauchhammer persönlich zu erklären. Und das ist höchst selten, bestätigt Stadtwehrführer Silvio Spiegel. Kathleen Weser

Die Krankenschwester ist am Freitag voriger Woche auf der Alten Kleinleipischer Straße mit dem Auto nach Lauchhammer unterwegs. Im Kurvenbereich fährt plötzlich ein Fahrzeug auf ihrer Straßenseite fast frontal auf sie zu. Der Schreck fährt Linda Becher in die Glieder. Doch reagieren kann sie nicht mehr. Die Fahrzeuge kollidieren krachend, die Airbags öffnen sich, der Wagen der jungen Frau wird um die eigene Achse geschleudert und kommt entgegen der Fahrtrichtung zum Stehen. Ein stechender Schmerz in der Brust und im Rücken lähmt die Frau - die dann vorsichtig versucht, sich zu bewegen. "Ich habe geglaubt, mein ganzes Becken ist zertrümmert", erzählt die 24-Jährige. Die Fahrertür bekommt sie nur einen Spaltbreit auf. Der Seat Ibiza ist durch die Wucht des Aufpralls völlig deformiert. Zwei ältere Herren eilen auf das Auto zu. Sie versichern, es komme Hilfe. Dann ist die verletzte Frau allein. Und jede Sekunde des Wartens unter starken Schmerzen wird zu einer Ewigkeit. "Aus dem Airbag hat es gequalmt. Ich hatte ja keine Ahnung, ob das Auto brennt", schildert Linda Becher weitere Minuten der Angst.

Panisch habe sie ihren Freund angerufen, der zur Arbeit im etwa eine Fahrstunde entfernten Luckau war. Und dann hat sie auch selbst den Notruf gewählt. "Mir ist nur die Frage im Kopf herumgeschwirrt: Wie komme ich hier raus?", erzählt sie. Eine beruhigende Stimme wäre während des Wartens auf die Rettungskräfte eine Hilfe gewesen, sagt sie seelisch noch immer aufgewühlt - aber nunmehr auch mit dem Abstand einiger Tage. Beim Anblick des Notarztes und der Feuerwehrleute habe sie sich sofort sicherer gefühlt. Und endlich verschaffte ihr ein Schmerzmittel dann Erleichterung.

Sehr schnell ausgerückt

Zufällig sind, als die Leitstelle Lausitz den Alarm auslöste, in der Hauptwache der Freiwilligen Feuerwehr Lauchhammer mehrere Kameraden vor Ort gewesen. "Wir konnten sehr schnell ausrücken", bestätigt Stadtwehrführer Silvio Spiegel, der den Einsatz auch geleitet hat. Der erste Notarzt aus Lauchhammer war schon am Unfallort. Zwei Rettungswagen aus Finsterwalde und Elsterwerda wurden nachgefordert.

Dach muss zerstört werden

Der Blick der Einsatzkräfte auf das Trümmerfeld auf der Straße ist emotionslos. Das sagt der erfahrene Feuerwehrmann. "So schlimm das auch klingt: Für Mitgefühl ist erst später Zeit. Am Unfallort heißt es nur, schnell zu helfen", erklärt Silvio Spiegel. Die vermutete Rückenverletzung bei Linda Becher lässt nur eine Entscheidung zu: Das Dach des Unfallwagens muss abgetrennt werden. Zügig und sehr vorsichtig muss die Frau befreit werden. Die Kameraden setzen die Hydraulikschere an. Das Unfallopfer nimmt die Schwerstarbeit, die die Feuerwehrleute hier leisten, nur vage wahr. Das Schmerzmittel wirkt. Bevor sie auf der Trage in den Rettungshubschrauber geschoben wird, der sie in die Universitätsklinik Dresden fliegt, nimmt sie noch ihre besorgten Eltern wahr. Beim Transport in luftiger Höhe setzt die Erinnerung aus.

Retter teilweise auch in Not

Stadtwehrführer Silvio Spiegel blickt zufrieden auf den schweren Einsatz - auch mit unnötigen Hindernissen - zurück. Die technischen Hilfeleistungen an Unfallorten nehmen zu. Die Fahrzeuge werden zwar stabiler und immer sicherer. "Das ist auch gut so. Wir haben schon viel gesehen. Und es grenzte nicht selten an ein Wunder, dass wir aus völlig lädierten Unfallfahrzeugen die meisten Menschen lebend herausholen konnten", bestätigt er. Der technische Fortschritt hat aber im Ernstfall auch Nachteile. Die Fahrzeugelektronik ist sehr unterschiedlich. Ist die Batterie ausgefallen oder musste abgeklemmt werden, damit die Feuerwehrleute sicher arbeiten können, sind Türverriegelungen gesperrt und Sitze unverstellbar. Die Werkstoffe, die in den Karossen verarbeitet werden, sind immer schwerer zu knacken. "Und jedes Auto ist anders", benennt Silvio Spiegel die großen Probleme der Retter. "Es gibt zwar Rettungskarten für jedes Fahrzeug, an denen wir uns sehr gut orientieren könnten. Aber Deutschland hat keine klare Regelung, dass diese im Wagen hinterlegt werden müssen und wo das zu erfolgen hat", ergänzt er. Dabei dürfte es inzwischen auch kein Problem sein, die für Hilfeleistungen erforderlichen Parameter schon vom Hersteller am Fahrzeug per Smartphone abrufbar hinterlegen zu lassen.

"Ich danke meinen Helfern herzlich", sagt Linda Becher, die in einigen Tagen beruflich auf der Intensivstation eines Krankenhauses neu durchstarten wollte - was jetzt noch warten muss.

Die 24-Jährige, die den menschlichen Körper schon von Berufes wegen genau kennt, zeigt sich schwankend in der Frage, ob es besser gewesen sei, weitgehend bei Bewusstsein geblieben zu sein. Die inneren Verletzungen, die zu befürchten waren nach der schweren Kollision, sind unbestätigt geblieben. "Ich habe großes Glück gehabt", stellt sie fest.

Das treffe auch auf die Unfallverursacherin (22) zu, deren Kindersitz im Auto unbesetzt war. Auch sie wurde verletzt ins Krankenhaus eingeliefert. Die Frau war laut Polizeisprecher Torsten Wendt führerscheinlos unterwegs. Die Fahrerlaubnis sei ihr bereits entzogen worden. "Dafür habe ich einfach keine Worte", sagt Linda Becher.