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Schwarzheider tanzen mit den Beatles

Mit einer Beatles-Coverband haben die Schwarzheider mit ihren Gästen am Sonnabend in die Nacht hineingefeiert.
Mit einer Beatles-Coverband haben die Schwarzheider mit ihren Gästen am Sonnabend in die Nacht hineingefeiert. FOTO: Steffen Rasche/str1
Schwarzheide. Die Schwarzheider können nicht nur tüchtig arbeiten, sie verstehen es auch ordentlich zu feiern. Bei der großen Jubiläumsparty zum 50. Stadtgeburtstag im Wandelhof haben sie es schwungvoll gezeigt. Ebenso mit einem Lied, das ihren Stolz eindrucksvoll belegt. Manfred Feller

"Es ist ein wunderschönes Lied, das ins Herz geht." Treffender hätte der Schwarzheider Bürgermeister Christoph Schmidt (parteilos) die Premiere des Schwarzheide-Songs am Sonnabend zum 50. Stadtgeburtstag nicht in Worte fassen können. Und mehr noch: Er und so manch ein Zuhörer im Partytempel Wandelhof musste vor Rührung die eine oder andere Träne verdrücken.

Eine Hymne ist geboren

Was die 1969 gegründete heimische Kultband "Synthetics" in Text und Melodie unter dem Titel "Schwarzheide bist 'ne Stadt mit Pep" hingezaubert hat, untermalt mit Bildern aus dem bunten Lebensalltag der Einwohner, besitzt durchaus das Potenzial, in dem Städtchen zur Hymne zu werden.

Erst Ende Oktober sei die Verwaltung an die Musiker herangetreten, ein Lied für Schwarzheide zu schreiben. "Oh, Gott!", war die erste Reaktion, verrät Musiker Honsa Ehmke. Die sieben Bandmitglieder um Sängerin Christin Sellnow aus Lauchhammer machten sich in Gruppen sofort ans Werk. Schon am 24. Oktober lief die erste Probe. Im Studio in Lauchhammer wurde dem Lied durch den Produzenten Enrico Cibulka der Feinschliff verpasst.

"Die Musik soll das positive Gemeinschaftsgefühl ausdrücken. Es ist ein zeitloser, rockig-poppiger Rhythmus", beschreibt der Sänger und Gitarrist Honsa Ehmke. Das Video dazu stammt von Mario Bothge aus Schwarzheide. "Ich musste zwar nicht auf die Bühne, hatte aber mehr Lampenfieber als sonst", verrät der Musiker. Das Publikum ist begeistert.

Die Silberscheibe zum Lied

Beim Knutfest der Karnevalisten am Sonntag wurde das Lied von den "Synthetics" zum ersten Mal live vor Publikum gespielt. Die CD mit einer Radiofassung und einer Langversion mit dem Prolog zur Stadtgeschichte kommt Ende Januar heraus.

Die relativ kurzweilige Eröffnung ohne lange Reden, mit persönlichen Grüßen der Bürgermeister aus den Partnerstädten Krosno (Polen) und Karzag (Ungarn) kommt ohne Ehrungen nicht aus. Auf Beschluss der Abgeordneten werden zwei Ehrenmedaillen für Verdienste um die Stadt Schwarzheide verliehen. Die eine erhält Dr. Hans-Joachim Jeschke. Der damalige Generaldirektor des Synthesewerkes habe sich in der Nachwendezeit erfolgreich für die Überführung des Großbetriebes in die Marktwirtschaft eingesetzt. "Es war die erste Übernahme eines ostdeutschen Betriebes durch einen westdeutschen Konzern", erinnert Brandenburgs Ministerpräsident und Schirmherr des Schwarzheider Jubiläumsjahres, Dr. Dietmar Woidke. In Schwarzheide könnte er sich fast wie zu Hause fühlen. Denn er lebt in Naundorf (bei Forst) und Schwarzheide besteht zu einem Teil aus dem ehemaligen Dorf Naundorf.

Die zweite Ehrenmedaille erhält Doris Lanzke. "Das ist eine Riesenüberraschung für mich" gibt die 67-jährige Archivarin des Kultur- und Heimatvereins zu. Sie zeichnet für den ersten, etwa 170-seitigen Teil der dreiteiligen Chronik verantwortlich, die ebenfalls zur Festveranstaltung erstmals der Öffentlichkeit präsentiert wurde.

Das Besondere daran: Doris Lanzke ist keine Ur-Schwarzheiderin, sondern erst 1997 der Liebe wegen dorthingezogen. "Ich habe diese Stadt von Anfang an gemocht und möchte nicht mehr zurück nach Berlin", sagt sie.

Zur Stadtgeschichte sei sie schon bald durch den Heimatforscher Werner Klemenz gekommen. Er hat den geschichtlichen Nachlass des Lehrers Georg Lempke weitergeführt. Das umfangreiche Erbe in Form von Daten, Texten, Dokumenten und Fotos hat Doris Lanzke weiter aufgearbeitet und mit Unterstützung vieler Schwarzheider systematisch vervollständigt. Auch wenn die Chronik auf dem Tisch liegt - fertig ist sie noch lange nicht. "Geschichte hört nie auf", sagt sie. An der Chronik hat die Ingenieurökonomin für Elektro- technik und Elektronik fast ein Jahr lang jeden Tag gearbeitet.

Stimmen

In einem Film während der Festveranstaltung zeigen sich Einwohner stolz auf ihre Heimatstadt. Klar, es sind nur ausgesuchte Leute.

Doch auch die Partygäste sind voll des Lobes. "Schwarzheide hat sich gut entwickelt", schwärmt Sylke Neumann. Ob Kitas, Schulen, die Skaterbahn - es sei viel für die Jungen getan worden. Die 54-Jährige ist einst aus Kraußnitz zu ihrem Mann hergezogen. Dessen Großeltern hatten ein Fuhrunternehmen. Mit dem Bruder ihres verstorbenen Mannes betreibt sie einen Brennstoffhandel.

Der Bäckermeister im Ruhestand Hagen Herrmann hatte vor etwa 40 Jahren als ehemaliger Bahnsdorfer, dann Sedlitzer (Anna-Mathilde) eine Bäckerei in Schwarzheide übernommen. "Es ist ein schöner, sauberer Ort mit Einkaufsmöglichkeiten, sozialen Einrichtungen und auch für uns Rentner gut", sagt er.

Na, ja: Die Älteren könnten sich mit Schwarzheide abgefunden haben. Doch auch die Jüngeren sind voll und ganz zufrieden. Doreen Manshen (38), Bankkauffrau aus Cottbus, hat nach Schwarzheide eingeheiratet: "Ich bleibe hier, weil ich die Kleinstadt schätze. Es ist viel persönlicher." Als kleine Gegenleistung für den Umzug hat ihr Mann Silvio (geb. Hamann) den Nachnamen seiner Gattin angenommen. Dieser stammt aus dem Englischen, sei selten und dürfe nicht aussterben, schmunzelt er. Der 45-Jährige ist Feuerwehrmann bei der BASF und in Viktoria aufgewachsen. Schwarzheide sei ein hervorragender Ort für seine Familie: "Wir haben hier eine Zukunft. Unsere Kinder können ohne Ängste groß werden." Das Glück perfekt macht das eigene Haus. Sogar der Bürgermeister wird gelobt: "Er zieht die Stadt mit, begeistert alle Altersgruppen."

Florian Brose (20) hat es als Azubi der Verwaltung geschafft, in der Heimat zu bleiben: "Ich fühle mich sehr wohl." Die Familie sei hier seit vier Generationen sesshaft. Seine Freundin Lisa-Marie Noack (18) wohnt gleich um die Ecke - in Lauchhammer.

Auf eine lange Familiengeschichte im Ort kann auch Oliver Koppelt (27) verweisen. Sein Urgroßvater Paul Hanke hatte einst in Zschornegosda Tankstelle und Werkstatt. Er selbst ist seit zehn Jahren Erzieher und freut sich über den Kinderzuwachs. "Wir sind fast der Speckgürtel von Dresden", bemerkt er zu der Entwicklung seiner Stadt.

Zum Thema:
Die Industriegemeinde Schwarzheide ist aus den Nachbardörfern Naundorf (heute Schwarzheide-Ost) und Zschornegosda (West) 1936 entstanden. Im Jahr 1934 hatte mit dem Bau des Werkes für synthetischen Treibstoff durch die Braunkohle-Benzin Aktiengesellschaft (Brabag) die Entwicklung des Industriestandortes begonnen.Am 11. Januar 1967 hat die Gemeinde, beurkundet von Hans Schmidt vom Rat des Bezirkes Cottbus, das Stadtrecht erhalten. Bis zu dem Jahr war die Einwohnerzahl von Schwarzheide auf etwa 10 000 angewachsen. Das erste Stadtwappen zeigte auf blau-grünem Grund eine silberfarbene Industrieanlage, eine goldene Ähre und ein schwarzes S.