Seit nunmehr 73 Jahren lebt Alice Steinborn in ihrer 60 Quadratmeter großen Wohnung in der Schwarzheider Rosa-Luxemburg-Straße. Mit ihren 91 Jahren gilt sie als derzeit wohl älteste Bewohnerin der Wasserturmsiedlung. Als die im heutigen Polen geborene Frau nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in den kleinen Wohnblock in unmittelbarer Nähe des namensgebenden Bauwerkes einzog, war die Siedlung erst sechs Jahre alt. Somit jährt sich der Baubeginn anno 2019 zum 80. Mal. Und jetzt im November sind 20 Jahre ins Land gegangen, als die Komplettsanierung des Ensembles vollendet wurde.

„Bevor unsere Familie Ende 1945 hier einzog, mussten wir uns ein Zimmer in einer Wohnung in der benachbarten Bahnhofstraße, die einer anderen Familie gehörte, teilen“, erinnert sich Alice Steinborn. Die Flucht vor der Roten Armee hatte die Steinborns nach Schwarzheide verschlagen. „Als wir wenig später in die Wohnung in der ehemaligen Hindenburg-Straße, der späteren Rosa-Luxemburg-Straße, einzogen, war kurioserweise die Küche der größte Raum. Damals wurde alles in der Küche erledigt. Dort haben wir gekocht, gegessen und so weiter“, sagt Steinborn. Nebenan befand sich ein kleines Wohnzimmer, die gute Stube sowie eine Toilette. Im Dachgeschoss gab es zwei weitere Zimmer. Ein Bad existierte indes nicht. „Gereinigt haben wir uns am Waschbecken oder aber in der Wanne, die im Keller stand.“

Später wurde die Küche zum Wohnzimmer umfunktioniert, das sich seinerseits zur Küche wandelte. Gab es anfangs noch transportable Öfen, kamen später feste Öfen in die Wohnungen. „Jeden Morgen ging es raus in den Schuppen, um Kohlen zu holen. Zudem wurde die Asche raus gebracht“, erinnert sich Frank Steinborn, Sohn von Alice Steinborn, der im Jahr 1951 im Wohnzimmer des elterlichen Heims das Licht der Welt erblickte. Zudem gab es auf dem winzig erscheinenden Grundstück, das zur Wohnung gehörte, eine Werkstatt. Zudem durfte der obligatorische Kaninchenstall nicht fehlen. In der Wasserturmsiedlung hielt sich fast jede Mietpartei diverse Haustiere. Neben Hasen und Hühnern hatte mancher auch Ziegen und Schafe eingesperrt. Dennoch blieb auch Platz für kleine Beete. „Die dienten zur Versorgung mit frischem Gemüse“, erinnert sich Alice Steinborn.

Meldete sich Besuch an, nächtigte dieser wahlweise auf der Küchencouch, im Zelt im Garten oder aber im Wohnwagen. „Immer wenn unsere Verwandten aus Frankreich kamen, gab es in der ganzen Siedlung große Augen. Schließlich hatten die meisten zuvor noch nie einen Wohnwagen gesehen“, erinnert sich Fred Steinborn.

In den Jahren 1995/1996 begann die Sanierung der Wasserturmsiedlung. Die Häuser entlang der Rosa-Luxemburg-Straße waren als erste an der Reihe. Während der eigentlichen Bauarbeiten mussten alle Mieter vorübergehend umziehen. „Ich lebte damals bei einer meiner Enkeltöchter“, sagt Alice Steinborn. Viele weitere Leute wurden in die insgesamt fünf Blöcke der Arbeiterwohnunterkünfte (AWU) in der Naundorfer Straße umquartiert. Die Möbel lagerten während dieser Zeit in den beheizten Bereitschaftsblöcken an der BASF.

Die Mieter durften im Zuge der Sanierung diverse Wünsche äußern. So ließ sich Familie Steinborn ein Bad im Dachgeschoss einbauen. „Der Platz musste von meinem alten Kinderzimmer abgezwackt werden“, erinnert sich Fred Steinborn. Auch das Außengelände erfuhr eine komplette Neugestaltung. „Ich bin bereits Ende 1996 in meine Wohnung zurückgekehrt“, sagt Alice Steinborn und lächelt. Ein gänzlicher Wohnungswechsel war für die Frau, die unter anderem in der Kontaktfabrik im Synthesewerk gearbeitet hatte, nie eine Option. „Mir gefällt es hier wirklich bestens“, begründet Steinborn. Sohn Fred Steinborn wohnt mit seiner Familie ebenfalls in der Wasserturmsiedlung, nur einen Steinwurf von Mutters Eingang entfernt: „Wir wollen hier auch nie weg.“