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Schwarze Schrankwände und Polstersessel mit Sternen

Das Möbelzentrum Großräschen liegt fest in Familienhand: Gerold Schellstede (l.) hat die Geschäfte an Sohn Lars übergeben.
Das Möbelzentrum Großräschen liegt fest in Familienhand: Gerold Schellstede (l.) hat die Geschäfte an Sohn Lars übergeben. FOTO: Rasche/str1
Großräschen. Die Küchen und Wohnzimmer vieler Lausitzer haben sie eingerichtet: Der norddeutsche Kaufmann Gerold Schellstede verkauft den Großräschenern vor 25 Jahren die ersten West-Polstergarnituren. Sein Sohn Lars hat inzwischen den familiären Staffelstab übernommen und schreibt die Erfolgsgeschichte des größten Möbelhauses der Region weiter. Andrea Budich

Schellstede Senior und Junior - die beiden gelernten Kaufmänner aus Niedersachsen sind ein Glücksfall für Großrä schen und die ganze Lausitz. Dabei war Gerold Schellstede im Sommer 1991 nicht gekommen, um zu bleiben.

Der gestandene Geschäftsmann aus Oldenburg hatte damals als Fünfzigjähriger schon beinahe mit dem Ruhestand geliebäugelt. In seiner Heimat ist er einer von drei Inhabern eines großen Möbelhauses mit über 300 Mitarbeitern. Weil er das Gefühl hat, dass der Laden auch ohne ihn bestens läuft, verabschiedet er sich von einem auf den anderen Tag.

Er steigt in Hamburg in das damals größte Möbelhaus Deutschlands ein. Als das Angebot der Treuhand kommt, als Aufbauhelfer in die DDR zu gehen, macht er sich auf den Weg, weil er einer ist, den das Bedürfnis treibt, Dinge verändern und bewegen zu wollen. Die DDR, das ist im Falle Schellstede der Bezirk Cottbus und ganz genau die Kleinstadt Großräschen.

Seine Neugier ist geweckt. Er fährt von der Autobahn ab und sieht die rauchenden Schlote der Brikettfabriken, Dreckschleudern an jeder Ecke, den Kohledreck und das triste Grau in Grau der Neubauplatten und alten Bergmannshäuser. "Da musste man sich ja gruseln", erinnert er sich an die ersten Eindrücke von Großräschen. Die Aufgabe, hier etwas aufzubauen und zu helfen, fasziniert den Geschäftsmann. "Wenn alles perfekt ist, wird es schnell langweilig", erklärt er heute, warum er seine sieben Sachen nicht wieder ganz schnell zusammengepackt hat.

Schellstede steigt als Geschäftsführer des noch zu DDR-Zeiten erbauten Möbelhauses am Woschkower Weg ein. Ein Jahr später, am 1. August 1992, kauft er den Laden. Und damit beginnt das wohl größte Abenteuer seines Geschäftslebens. Ein acht Quadratmeter großes Zimmer ist sein Büro und Schlafzimmer zugleich. Er schläft auf einem Feldbett mit mehreren Decken, weil die Heizung nicht funktioniert und die Ersatzteile aus DDR-Produktion nirgendwo mehr zu organisieren sind.

Tagsüber rennen die Leute ihm die Bude ein. "Alle wollten sich neu einrichten, stürmten die Ausstellungsräume und brachten das Bargeld gleich mit", erzählt er. Die Oststraße als Zufahrt zum Möbelhaus war komplett zugeparkt. Vorm Möbelhaus gab es nur 30 Parkplätze. Dass die Leute das Möbelhaus teilweise nur übers Feld erreichen konnten, störte niemanden.

Ein Renner waren die Polstergruppen mit blauem Bezugsstoff mit Sternen drauf. Bei den Wohnzimmerwänden war schwarz die am meisten nachgefragte Farbe. "Die Leute kannten nur Kunststoffmöbel. Naturholz mit der unregelmäßigen Zeichnung war unbekannt und wurde als minderwertig angesehen", erinnert sich Gerold Schellstede.

Der große Ansturm hält bis 1995 an. "Viele Großräschener, auch Mitarbeiter, dachten, dass ich weg bin, sobald alles abgegrast ist", blickt der Senior-Chef zurück. Doch er verspricht zu bleiben und hält sein Wort. 1995 legt er den Grundstein für das heutige Möbelzentrum direkt an der Bundesstraße. Halle 1 ist mit 8000 Quadratmetern doppelt so groß wie das bisherige Möbelhaus mit Provinz-Lage. Halle 2 kommt drei Jahre später. 13 000 Quadratmeter Verkaufsfläche und 70 Mitarbeiter, von denen einige von der ersten Stunden an mit dabei sind, gehören zur Erfolgsgeschichte.

Seit drei Jahren ist Gerold Schellstedes Sohn Lars (33) Chef im Hause. Von den Möbelgiganten in Berlin und Dresden lassen sich die beiden Kaufmänner nicht in die Knie zwingen. Ganz im Gegenteil trumpfen sie mit geschulten Verkäufern, Service, Kundennähe und großer Flexibilität auf. "Wir sind in vielen Bereichen besser aufgestellt", sagt Lars Schellstede selbstbewusst. Dass ihr Job erst erledigt ist, wenn die Möbel in 1-A-Qualität beim Kunden stehen, versteht sich für beide von selbst. Ihre Philosophie: Der Kunde kauft dort, wo Auswahl, Service und Beratung stimmen. Umfragen belegen, dass sich die Kunden in mehreren Möbelhäusern umschauen, am Ende aber in Großräschen kaufen und das Möbelzentrum gern weiterempfehlen.

Unterschiede in den Wohnzimmern in Großräschen und München gibt es längst nicht mehr. "Die Lausitzer kaufen genauso preis- und qualitätsbewusst wie die Düsseldorfer", schätzt Lars Schellstede ein.

Ein Phänomen sind jedoch die sogenannten Kastenmöbel, also Schrankkombinationen. Die werden im Vergleich zum bundesweiten Durchschnitt in der Lausitz noch deutlich häufiger gekauft.