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| 15:12 Uhr

Noch echtes Handwerk: die Reformationsbrötchen aus Ortrand
Schützes zuckersüße Tradition

Zum Anbeißen lecker: die Reformationsbrötchen von Ortrands Bäckermeister Frank Schütze. Die süßen Teilchen sind meist schon mittags in seinem Laden verkauft. Für das Reformationsfest am Mittwoch im Freibad schiebt er die letzten 300 Brötchen in den Ofen.
Zum Anbeißen lecker: die Reformationsbrötchen von Ortrands Bäckermeister Frank Schütze. Die süßen Teilchen sind meist schon mittags in seinem Laden verkauft. Für das Reformationsfest am Mittwoch im Freibad schiebt er die letzten 300 Brötchen in den Ofen. FOTO: Rasche Fotografie / STEFFEN RASCHE
Ortrand. Zum Anbeißen: Ortrander Reformationsbrötchen gehen in den Export bis nach Berlin, Lüdenscheid und Geiselwind. Die letzten 300 leckeren Rosinenteilchen schiebt Bäckermeister Frank Schütze am morgigen Reformationstag in den Ofen. Dann ist Schluss für dieses Jahr. Von Andrea Budich

Die Tradition hat Frank Schütze (52) von seinem Vater Karl übernommen und nie aufgegeben, obwohl er selbst mit der Kirche nichts am Hut hat. „Ich bin nicht getauft und kein Kirchgänger“, sagt er. Die Reformationsbrötchen sind ihm trotzdem wichtig, sie gehören für ihn einfach dazu.

Für seine Reformationsbrötchen braucht es nicht viel: Mehl, Milch, Hefe, Zucker, Margarine, Rosinen - und natürlich Zeit und Liebe. Denn der Hefeteig muss Zeit haben, um zu gehen und groß und fein zu werden. Dabei ähnelt der süße Hefeteig einem Stollen. „Aber nicht so schwer und nicht so fettig“, bringt es Bäckersfrau Sylvia Schütze auf den Punkt. Und das mit der Liebe ist bei Schützes nicht  nur so daher gesagt. Vier Ecken, Rosinen und obendrauf Zuckerglasur - darauf allein wollen sie ihre Reformationsbrötchen nicht reduziert sehen. Denn in ihnen steckt mehr. Wichtigste Zutat: jede Menge Liebe. Und sie sind echte Handarbeit, produziert nach altem Familienrezept. Frank Schütze ist die vierte Bäckergeneration in der Familie.

Noch echte Handarbeit: Die Reformationsbrötchen schneidet Bäckersfrau Sylvia Schütze Stück für Stück über Kreuz mit der Schere ein.
Noch echte Handarbeit: Die Reformationsbrötchen schneidet Bäckersfrau Sylvia Schütze Stück für Stück über Kreuz mit der Schere ein. FOTO: Rasche Fotografie / STEFFEN RASCHE

Einfach einen Kuchen- oder Schneckenteig nehmen und Rosinen rein - so läuft das deshalb bei Schützes nicht. Das geht schon mit den Rosinen los. Die werden einen Tag vorher in Zitronensaft, Wasser und einem Schuss Rum eingeweicht. So haben sie Zeit, sich richtig vollzusaugen. Das leckere Aroma geben sie dann dem Teig zurück.

„Bei uns ist das alles Handwerk. Und Handwerk kommt von der Hand“, kommentiert Frank Schütze. So wird jeder Teigling per Hand mit der Schere über Kreuz eingeschnitten. Die Ecken werden dann noch leicht  gegeneinander aufgedrückt. Nach dem Backen wird der Zuckerguss mit dem Pinsel aufgetragen.

Schützes legendäre Reformationsbrötchen wanderten schon zu tiefsten DDR-Zeiten bei seinem Vater Karl in der Bäckerei in Lauchhammer-Mitte über den Ladentisch. Damals wurden sie nur an einem einzigen Tag gebacken. Am 31. Oktober, der damals noch kein Feiertag war. „Die Leute haben sich für unsere Reformationsbrötchen die Beine in den Bauch gestanden“, erinnert sich Frank Schütze.

Das Ranschaffen der Zutaten für das Reformationsgebäck war auch recht abenteuerlich. Schließlich waren in der DDR Orangeat und Zitronat Mangelware. Viele ersetzten die gezuckerten Zitrusfrüchte durch kandiertes Gemüse, Möhren oder grüne Tomaten. „Kandinat“ hieß das.

Die Zutaten sind heute für Bäckermeister Schütze kein Problem mehr. Dafür ärgert er sich umso mehr darüber, dass die Tradition der Reformations-Bäckerei zur beliebigen Massenware verkommt. Frank und Sylvia Schütze versuchen gegenzusteuern. Auch wenn die Leute ihnen den Laden einrennen, die Brötchen gibt es bei ihnen erst ab Anfang Oktober. Und am morgigen Reformationsfeiertag ist dann auch Schluss. Um die 1500 Reformationsbrötchen haben Schützes in dieser Zeit gebacken. Einige davon gehen sogar in den Export bis nach Berlin, Lüdenscheid und Geiselwind. Wenn Schützes zu den internationalen AC/DC-Fantreffen aufbrechen, dann dürfen ihre Reformationsbrötchen nämlich nie fehlen.

Für das Reformationsfest am Mittwoch im Ortrander Freibad schiebt der Meister die letzten Bleche in den Ofen. Dann ist Schluss für dieses Jahr.