ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 17:03 Uhr

Der besondere Fall aus dem Krankenhaus Senftenberg
Schrauben, Stab und System gegen Lendenwirbel-Bruch

Bei Chefarzt Dietmar Salger (r.) ist Patient Jürgen Pötzsch in den besten Händen. Am Modell erklärt der Mediziner das Verfahren der Wirbelkörperersatz-Operation mit Schrauben-Stab-Verankerung. Der 66-jährige Rentner hat nach der Operation im Krankenhaus Senftenberg neuen Lebensmut geschöpft. Er kann sich wieder fast schmerzfrei bewegen und plant bereits die ersten Fahrradtouren nach dem Sturz im Herbst des Vorjahres.
Bei Chefarzt Dietmar Salger (r.) ist Patient Jürgen Pötzsch in den besten Händen. Am Modell erklärt der Mediziner das Verfahren der Wirbelkörperersatz-Operation mit Schrauben-Stab-Verankerung. Der 66-jährige Rentner hat nach der Operation im Krankenhaus Senftenberg neuen Lebensmut geschöpft. Er kann sich wieder fast schmerzfrei bewegen und plant bereits die ersten Fahrradtouren nach dem Sturz im Herbst des Vorjahres. FOTO: Klinikum Niederlausitz GmbH / STEFFEN RASCHE
Senftenberg. In unserer Serie „Der besondere Fall“ erzählen wir von außergewöhnlichen Schicksalen, Diagnosen und medizinischen Wegen. Der 42. besondere Fall kommt aus dem Krankenhaus Senftenberg des Klinikums Niederlausitz. Von Andrea Budich

Es war der letzte Mittwoch im vergangenen September. Das weiß Jürgen Pötzsch noch ganz genau. Der rüstige Rentner aus Gröditz schwingt sich morgens wie immer auf seinen Drahtesel, um im gut vier Kilometer entfernten Nachbarort frische Brötchen zu holen. Plötzlich radelt er schnurstracks einem Blaulichteinsatz der örtlichen Feuerwehr entgegen. Der Radweg ist gesperrt, rot-weißes Flatterband stoppt die Weiterfahrt und überall Blaulichter.

Jürgen Pötzsch muss runter von seinem Rad, um zu wenden. In der Hektik des Augenblicks verheddert er sich mit dem Fuß an der Querstange seines Rades, er verliert das Gleichgewicht und fällt ziemlich unsanft auf sein Hinterteil. Der pensionierte Elektriker, der bei seinen Montageeinsätzen auf den Baustellen viel erlebt hat, ist hart im Nehmen. Er rappelt sich wieder auf, schwingt sich erneut aufs Rad und radelt wieder heim. Ohne Brötchen. Dafür aber mit einem Schmerz im Rücken, der bei jedem Pedaltritt heftiger wird.

Sein Hausarzt diagnostiziert später eine sturzbedingte Prellung und verschreibt Schmerztabletten. Damit kommt Jürgen Pötzsch auch eine ganze Zeit einigermaßen gut hin – bis er an seinem Auto die Winterreifen aufschrauben will. „Der Schmerz war plötzlich wieder ungebremst da, ließ kaum einen Gedanken zu und hat mich regelrecht überwältigt“, beschreibt er. Diesmal wird er von seinem Hausarzt zum Röntgen geschickt. Nach einer zusätzlichen MRT-Untersuchung steht dann fest, was die Beschwerden und Schmerzen verursacht. „Ihr vierter Lendenwirbel ist gebrochen – und es ist nicht einmal ein schöner Bruch“, sagt damals der Arzt, der Jürgen Pötzsch auf der Stelle ins Krankenhaus überweist.

Chefarzt Dr. Dietmar Salger aus dem Krankenhaus Senftenberg entscheidet sich bei seinem Patienten Jürgen Pötzsch für ein minimal-invasives Vorgehen zur Versorgung der Wirbelsäulen-Verletzung. Diese Technik wird über kleine Hautschnitte durchgeführt. Sie ist deshalb mit kleineren Narben, einer schnelleren Heilung, kürzeren Rehabilitationszeiten und weniger Komplikationen als bei herkömmlichen invasiven Operationsmethoden verbunden.

Bei der ersten Operation am 8. Februar wird über eine kleine Hautöffnung bei einer Schlüsselloch-OP von hinten ein Schrauben-Stab-System eingesetzt. Dabei werden von links und rechts in den dritten und fünften Lendenwirbel Schrauben eingedreht, die dann mit einem Stab beidseits verbunden werden. Der gebrochene Wirbelkörper wird damit zur Überbrückung stabilisiert. „Es wirkt wie ein Gerüst, wie ein fester Gips. Das Schrauben-Stab-System stabilisiert den gebrochenen Wirbel beziehungsweise den Wirbelkörperersatz, bis dieser stabil eingebaut ist“, erklärt der Chefarzt die spezielle Technik.

Beim zweiten Eingriff gut eine Woche später legt der Operateur über einen fünf Zentimeter großen Schnitt bei Patient Pötzsch den vierten Lendenwirbel von der Seite frei. Dazu verwendet er spezielle Instrumente, zu denen ein sogenannter Spreizrahmen gehört. Dieser kann in der Tiefe weit aufgespreizt werden, sodass ein ausreichender Zugang zum gebrochenen Wirbel möglich ist.

Über diesen Zugang können die Bruchstücke des kaputten vierten Lendenwirbels problemlos und schonend entfernt werden. Nachdem auch beide benachbarte Bandscheiben entfernt sind, kann der Wirbelkörperersatz eingesetzt werden. Von dem bereits vorhandenen Gerüst der Schrauben-Stab-Verankerung zwischen dem dritten und fünften Lendenwirbel getragen, ist die Stabilität auch in dem Zeitraum gewährleistet, in dem der Wirbelkörperersatz einwächst.

Die Vorteile der gut anderthalbstündigen Schlüsselloch-OP kann Jürgen Pötzsch drei Monate danach mit gutem Gewissen bestätigen: kein hoher Blutverlust, eine kleine Narbe, erträgliche Schmerzen nach dem Eingriff, schnelle Genesung. Das Krankenhaus in Senftenberg kann er schon nach einer Woche verlassen. Regelmäßig Schmerzmittel schlucken wie vor der Operation muss der Rentner inzwischen nicht mehr. Er fährt schon wieder Auto und denkt darüber nach, sich ein neues Fahrrad zuzulegen.

„Dieses Mal ein Damenrad ohne Querstange“, sagt er schmunzelnd. Sein im Vorjahr neu gekaufter Fahrrad-Computer ist exakt beim Stand von 845 Kilometern am Unglückstag stehengeblieben. „Ich fange jetzt zwar wieder bei null an, will aber unbedingt wieder rauf aufs Rad“, blickt der 66-Jährige sehr optimistisch in die Zukunft. 1000 Kilometer will er in der Radelsaison abstrampeln – das verpasste Ziel aus dem Vorjahr ist jetzt erneut seine Zielvorgabe. Dass er nach einer so gefährlichen Verletzung so schnell wieder auf die Beine gekommen ist und sich schon wieder sportlich betätigen kann, empfindet Rentner Jürgen Pötzsch als ein großes Glück und dankt es seinem Operateur aus dem Senftenberger Krankenhaus mit festem Handschlag.

Der besondere Fall 4c
Der besondere Fall 4c FOTO: LR / Katrin Janetzko
Dr. Dietmar Salger
Dr. Dietmar Salger FOTO: Klinikum Niederlausitz GmbH / STEFFEN RASCHE