ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 16:38 Uhr

Schornsteinfeger klären auf
Wenn das Glück doppelt aufs Dach steigt

Auf dem Weltschornsteinfeger-Treffen im kleinen Santa Maria Maggiore (Italien) trafen sich 2017 etwa 2500 Schornsteinfeger aus 26 Nationen. Roland Kaubisch (rechts) machte dabei Bekanntschaft mit seinen kanadischen und italienischen Kollegen.
Auf dem Weltschornsteinfeger-Treffen im kleinen Santa Maria Maggiore (Italien) trafen sich 2017 etwa 2500 Schornsteinfeger aus 26 Nationen. Roland Kaubisch (rechts) machte dabei Bekanntschaft mit seinen kanadischen und italienischen Kollegen. FOTO: Roland Kaubisch
Senftenberg. Vierblättrige Kleeblätter, Schornsteinfeger und Hufeisen: Zu Silvester haben Glücksbringer Hochkonjunktur. Von Josephine Japke

Schwarze Jacke, goldene Knöpfe und Zylinder - was andere Menschen für einen Besuch in der Dresdner Semperoper tragen, ist für Roland Kaubisch die alltägliche Berufsbekleidung. Denn der Lindenauer ist hauptberuflich Schornsteinfeger - und nebenberuflich Glücksbringer.

Ob er durch seinen Beruf selbst mehr Glück im Leben hat, als andere, kann der 62-Jährige nicht mit Gewissheit sagen. Trotzdem war 2017 für ihn ein besonderes Jahr. Zum ersten Mal nahm er am Weltschornsteinfeger-Treffen im norditalienischen Santa Maria Maggiore teil. Hunderte Spazzacaminos (Italienisch), Chimney Sweepers (Englisch) und Ramoneur (Französisch) machen das kleine Dörfchen jährlich zum glücklichsten Ort der Welt.

„Mehr als 2500 Schornsteinfeger aus 26 Nationen trafen sich dort und feierten unseren Beruf“, erklärt Roland Kaubisch stolz. Er selbst putzte sich - ganz untypisch für Schornsteinfeger - heraus und präsentierte auf seinem Parade-Anzug zehn Abzeichen, die er sich auf den jährlichen Glückstouren der Schornsteinfeger quer durch Deutschland auf dem Fahrrad erstrampelte. Etwa 190 000 Euro Spendengelder kamen so im letzten Jahr für die Krebshilfe zusammen. Doch Roland Kaubisch geht es nicht nur um das Geld, sondern auch um die Geste: „Die Menschen glauben daran, dass wir ihnen Glück bringen und den Glauben werden wir ihnen nicht nehmen.“

Auf einem Umzug durch das Dorf Santa Maria Maggiore präsentieren sich die Schornsteinfeger aus aller Welt in ihrer typischen Berufsbekleidung und schmeißen, ähnlich wie beim Karneval, mit kleinen Bonbons. Die Anwohner stehen am Rand und danken den fleißigen Spazzacaminos für ihre Arbeit.
Auf einem Umzug durch das Dorf Santa Maria Maggiore präsentieren sich die Schornsteinfeger aus aller Welt in ihrer typischen Berufsbekleidung und schmeißen, ähnlich wie beim Karneval, mit kleinen Bonbons. Die Anwohner stehen am Rand und danken den fleißigen Spazzacaminos für ihre Arbeit. FOTO: Roland Kaubisch

Glück bringen gehört neben der Überprüfung der Heizung und des Kamins, der Reinigung des Schornsteins und der Wartung der Lüftungsanlage zur Haupttätigkeit der Schornsteinfeger. Doch woher kommt der Mythos vom glückbringenden Mann in schwarz?

Ingo Wernau, Bezirksschornsteinfeger in Senftenberg und wohnhaft in Lübben, hat die Antwort sofort parat: „Die Häuser waren früher mit Stroh gedeckt und standen eng nebeneinander. Brannte durch einen verrußten Schornstein ein Dach, brannten alle. Wenn der Schornsteinfeger auf seiner Wanderung an einem Dorf vorbei kam, reinigte er die Schornsteine, damit es nicht zum Brand kommt und das Glück im Dorf bleibt.“ Außerdem sind Menschen am glücklichsten, wenn sie eine warme Stube und einen vollen Bauch haben. Der Schornsteinfeger sorgte also zusätzlich dafür, dass geheizt und gekocht werden konnte.

Ingo Wernau (links) und sein Zwillingsbruder Karsten sind beide Schornsteinfeger aus Leidenschaft. Das liegt wohl in der Familie: Opa Gerhard Wernau war ebenfalls Schornsteinfeger.
Ingo Wernau (links) und sein Zwillingsbruder Karsten sind beide Schornsteinfeger aus Leidenschaft. Das liegt wohl in der Familie: Opa Gerhard Wernau war ebenfalls Schornsteinfeger. FOTO: Ingo Wernau

Für Ingo Wernau kam schon seit der 9. Klasse kein anderer Beruf mehr infrage. In einem Schülerpraktikum schaute er sich an, was sein Opa schon sein Leben lang ausübte: den Beruf des Schornsteinfegers. Das Besondere: Ingo Wernau hat einen Zwillingsbruder - und der ist ebenfalls Schornsteinfeger. Doppeltes Glück also für die Familie! „Ich habe deshalb nicht mehr Glück als alle anderen Menschen“, sagt Ingo Wernau lachend und fügt hinzu: „Das ist bei uns der ganz normale Wahnsinn, wie überall.“

Er selbst glaubt zwar nicht an Talismane, freut sich aber darüber, dass er selber einer ist. „Manche Menschen betrachten uns ganz ehrfürchtig, andere sind fasziniert, fast jeder klopft uns auf die Schulter und freut sich, dass er einen echten Glücksbringer berühren durfte“, gibt Ingo Wernau zu.

Doch wer ihn berührt, muss damit leben, selbst schmutzige Finger zu bekommen. Denn durch die schwarze Uniform fällt vielen nicht auf, wie verrußt er eigentlich ist. „Durch den Ruß würden wir eh schwarz werden, da liegt schwarze Berufsbekleidung also nahe. Die Krux ist aber, dass wir unsere Uniform durch den besonderen, undurchlässigen Stoff schlecht waschen können. An meiner Uniform befindet sich Ruß von vor drei Jahren“, sagt er und verrät wofür der auffällige Zylinder gebraucht wird. Denn wenn es zu windig ist und der Zylinder wegfliegt, sollte man vorsichtshalber nicht aufs Dach steigen.

Wer, so wie Ingo Wernau, auf 20 Meter hohe Giebeldächer klettert - ohne Sicherung und trotzdem ohne Angst - der sollte eben vorsichtig sein. Für Torsten Schulze, Schornsteinfeger aus Großräschen, ist das ebenfalls eine ganz normale Arbeitshöhe. „Schon mit 13, während der in der DDR typischen Ferienarbeit, half ich meinem Vater, der auch Schornsteinfeger ist, auf den Flachdächern von Plattenbauten. Direkt an meinem ersten Tag der Lehre stieg ich mit ihm dann hoch auf ein Giebeldach“, erzählt er. Zwei Tage dauerte es, dann verflogen die erste Höhenangst und wackeligen Knie.

Torsten Schulze glaubt ebenfalls nicht an Talismane. Die Vorstellung davon, dass er anderen wirklich Glück bringt, freut ihn allerdings. „Aber ich bin selbst nicht der glücklichste Mensch der Welt, nur weil ich ein Glücksbringer bin“, sagt der Großräschener. Bei der Frage was ihn denn glücklich mache, muss er einige Momente nachdenken und sagt schließlich: „Die Zufriedenheit der Menschen, mit denen ich zusammenarbeite und denen ich helfen kann, macht mich glücklich.“