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Schnäppchen auf Pferdemarkt werden seltener

Mit den beiden Apfelschimmeln Sina und Scalo und dem Schweren Warmblut Carlo sind die Pferdefreunde Stefan Kurjat, Reiner Krugen und Jacqueline Ruckhaber (v.l.) aus Commerau bei Königswartha zum Pferdemarkt nach Arnsdorf geritten.
Mit den beiden Apfelschimmeln Sina und Scalo und dem Schweren Warmblut Carlo sind die Pferdefreunde Stefan Kurjat, Reiner Krugen und Jacqueline Ruckhaber (v.l.) aus Commerau bei Königswartha zum Pferdemarkt nach Arnsdorf geritten. FOTO: Steffen Rasche/str1
Arnsdorf. Dem Gaul ins Maul schauen und den Kauf mit Handschlag besiegeln – das war einmal. Früher, das war in Arnsdorf Anfang der 1990er-Jahre, standen noch 100 Pferde auf der Festwiese, mehrere Dutzend davon wurden zum Kauf angeboten. Andrea Budich

Dem Gaul ins Maul schauen und den Kauf mit Handschlag besiegeln - das war einmal. Früher, das war in Arnsdorf Anfang der 1990er-Jahre, standen noch 100 Pferde auf der Festwiese, mehrere Dutzend davon wurden zum Kauf angeboten. Heute sind es noch 15 Pferde, die an der Stange stehen. Kein einziges davon steht zum Verkauf. "Die Zeiten haben sich geändert", erklärt Armin Dausel, der Pferdeflüsterer aus Arnsdorf. Alles, was sich auf dem Traditionsmarkt ums Pferd dreht, wird von dem 59-Jährigen gemanagt und abgenommen. Am Samstag ist er froh, dass trotz des Regenwetters am Vortag so viele Pferdehalter mit ihren Rössern doch noch angetrabt sind. Es gibt zwar noch etliche freie Plätze an der Anbindeanlage auf der Festwiese. Aber unterm Strich sind es in diesem Jahr sogar ein paar Tiere mehr als im Vorjahr.

Der Pferdehandel von einst ist so gut wie ausgestorben. "Weil es nicht mehr reicht, dem Gaul ins Maul zu schauen", sagt Armin Dausel. Früher wurde geschaut, geprüft und gekauft. Die Regelungen waren lockerer, der Pferdekauf eine Vertrauenssache. Heute läuft ohne den kostspieligen Pferdepass nichts mehr. Für ein betagtes Tier wollen die Pferdehalter diese Investition aber oft nicht mehr tätigen. Armin Dausel hat selbst auf dem Arnsdorfer Markt schon zwei Pferde verkauft. Seine Stute Lene und den Wallach Felix. Natürlich nur in gute Hände. Das war beim Handel immer Ehrensache.

Heute hat Armin Dausel Max und Moritz auf die Festwiese gestellt. Seine beiden Schwarzwälder Füchse, die zur kleinsten Kaltblutrasse gehören, stehen nicht zum Verkauf. Die beiden Apfelschimmel Sina und Scalo in unmittelbarer Nachbarschaft auch nicht. Die Schweren Warmblüter scharren mit den Hufen über das Weidegras und schnauben durch die Nüstern. Sie gehören zu den Pferden, die den weitesten Ritt nach Arnsdorf hinter sich haben. "Wir haben die Tiere am Freitag gegen 15 Uhr gesattelt", erzählen die beiden Pferdeliebhaber Reiner Krugen und Jacqueline Ruckhaber aus Commerau bei Königswartha. Bei strömenden Regen haben sie mit ihrem kleinen Trupp aus fünf Pferden und vier Reitern gegen 20 Uhr Grünewald erreicht. Dort wurde übernachtet, und frühmorgens ging es weiter zum Pferdemarkt nach Arnsdorf.

Was die Pferdehalter zum Markt treibt, ist das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Lust am Austausch, was übers Jahr passiert ist. Wenngleich Handel und Tausch in den Hintergrund getreten sind, bleibt die Fachsimpelei für die Besitzer wichtig. Sie tauschen sich aus, was zu tun ist, wenn das Pferd nicht mehr richtig zieht oder lahmt. Sie suchen nach Zubehör und messen sich bei traditionellen Wettkämpfen.

"Man kennt sich untereinander", bestätigt Fabian Schnabel aus Wittichenau. Der erfahrene Osterreiter ist mit seinen beiden Schweren Warmblütern Nico und Lorenz nach Arnsdorf gekommen. Er will am Sonnabend beim Hahnschlagen sein Glück versuchen. "In der Bautzener Ecke pflegen wir das Kranzstechen", sagt er und verrät dabei, dass er nicht ganz ungeübt in den Wettbewerb einsteigt.

Dass Pferdehalter zusammenhalten, hat Michael Röhl aus Bernsdorf praktisch unter Beweis gestellt. Er greift beherzt mit an, als Warmblüter Carlo Hilfe benötigt. Seine Eisen sind locker. Damit er sie auf dem mehrstündigen Heimritt am Sonntag nach Königswartha nicht verliert, zieht Michael Röhl ihm "die Schuhe" aus. Dann schneidet er noch mit dem Hufmesser aus - fertig. "Das habe ich mir von meinem Vater abgeguckt. Er ist gelernter Hufschmied", erklärt Michael Röhl. Nach Arnsdorf gekommen ist er mit zwei Deutschen Reitponys und einer geschmückten Kutsche aus dem Baujahr 1904. Angespannt hat er Heike und Cora in Bernsdorf morgens um 5 Uhr. Fünf Stunden später hat er den Arnsdorfer Pferdemarkt erreicht. Der selbstständige Landwirt ist zum vierten Mal in Arnsdorf dabei. Der leichte Aufwärtstrend in der Teilnehmerzahl freut ihn sehr. Er ist dabei, um Kontakte zu pflegen und neue zu knüpfen. Ein Hengstpfohlen zu verkaufen, ist ihm indes in den Vorjahren nicht gelungen. Mit seiner Kutsche ist er in diesem Jahr erstmals beim Geschicklichkeitswettbewerb angetreten.

Eine Institution ist der Arnsdorfer Pferdemarkt über all die Jahre, weil er vom Engagement solcher Pferdefreunde wie Mirko Krause getragen wird. Der Arnsdorfer hat seine beiden Kaltblüter Gangster und Nil mitgebracht. Neffe Marcel will mit Nil beim Hahnschlagen den Titel aus dem Vorjahr verteidigen. Dass über die Jahre das Wiehern beim Pferdemarkt leiser geworden ist, macht den passionierten Pferdefreund traurig. Auch auf dem eigenen Hof hat er zwei Haflinger abgeschafft.

Die Pferde-Liebe indes gehört zu Arnsdorf. Es gibt ein gutes Dutzend Pferde auf den Höfen. Und im August des nächsten Jahres auch wieder den 27. Pferdemarkt. Da gibt es für den Pferdeflüsterer Armin Dausel überhaupt keine Zweifel.

Einer, der dann wieder mit seinen Shetland-Ponys antrabt, ist Enrico Jonscher aus Frauenhain bei Gröditz. In Arnsdorf geboren, ist es für ihn Ehrensache, mit seinen beiden Schecken Cindy und Sina auf dem Markt dabei zu sein. "Pferdehalter sterben nicht aus", stellt er nach einem prüfenden Blick über die Wiese fest.