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| 15:08 Uhr

Ehrenamt
Schlichten, bevor Streitigkeiten eskalieren

Astrid Reiß leitet die Schieds- und Schlichtungsstelle der Stadt Großräschen. In ihrem Büro in Senftenberg hat die hauptberufliche Mediatorin zur Entspannung ein Bild mit einem Spreewald-Motiv angebracht. Bei ihrer Arbeit als Schiedsfrau sind entspannende Momente eher die Ausnahme.
Astrid Reiß leitet die Schieds- und Schlichtungsstelle der Stadt Großräschen. In ihrem Büro in Senftenberg hat die hauptberufliche Mediatorin zur Entspannung ein Bild mit einem Spreewald-Motiv angebracht. Bei ihrer Arbeit als Schiedsfrau sind entspannende Momente eher die Ausnahme. FOTO: Uwe Hegewald
Großräschen. Ohne Ehrenamt wäre das Leben im Landkreis Oberspreewald-Lausitz nicht so bunt, wie es ist. Für ihr Wirken wird verdienstvollen Bürgern regelmäßig gedankt. Doch wer sind diese engagierten Leute? Die RUNDSCHAU geht auf Personensuche. Heute: Astrid Reiß (Großräschen).


Ihr Lächeln ist ansteckend, ihre Wortwahl souverän und ihre Aufgeschlossenheit bemerkenswert. Astrid Reiß bringt alles mit, was sie in ihrem Job als Mediatorin insbesondere auf dem Gebiet des Gesundheitsmanagements in Firmen benötigt. Sie ist aber auch ehrenamtliche Schiedsfrau, und dafür sind ihre Wesenszüge ebenso gefordert.

Seit elf Jahren bekleidet sie in Großräschen das (Ehren-)Amt und kann sich noch immer nicht so recht mit der Bezeichnung „Schiedsstelle“ anfreunden. „Meine Aufgabe ist es zu schlichten. Bei bürgerlichen Rechtsstreitigkeiten, Strafsachen oder einem Täter-Opfer-Ausgleich kann in der Schiedsstelle eine Schlichtung erreicht werden“, erklärt sie. Ein rechtsverbindlicher und vollstreckbarer Vergleich habe dann 30 Jahre Bestand. „Ein massiver Einschnitt, den ich den streitenden Parteien immer vor Augen führe“, sagt sie.

Konflikte müssten auf den Tisch gebracht und Streitigkeiten geschlichtet werden, bevor sie eskalieren; auch wenn sich manche Probleme für Dritte als belanglos darstellen. Zugespitzt tritt dieser Fall ein, wenn etwa der Zweig eines Obstbaumes über den Gartenzaun ragt und der Nachbar dadurch nicht mehr ruhig schlafen kann.

Astrid Reiß muss bei jedem einzelnen Fall die Contenance bewahren, unparteiisch auftreten und Akzeptanz üben. Das gelingt ausschließlich mit einer entsprechenden Haltung zum Konflikt. „Der Konflikt liegt zwischen den Parteien und hat mit mir nichts zu tun. Manche versuchen, mich zu beeindrucken und auf ihre Seite zu ziehen. Wenn ich dann die Argumente der Gegenseite höre, klingen auch diese plausibel“, erzählt sie aus ihrer Erfahrung. Astrid Reiß hat Verständnis, dass „die Leute immer emotional dabei sind“. Dabei helfe es in der Regel nicht, immer wieder den sprichwörtlichen Urschleim aufzurühren. „Es geht nicht darum, in Erfahrung zu bringen, wie lange die Nachbarschaftsstreitigkeiten schon ausgetragen werden. Wir sind da, um eine Lösung zu finden und nicht um Freunde zu werden“, bringt es die Schiedsfrau auf den Punkt.

Wie soll es ab heute weitergehen? Was macht es so schwer, sich zu einigen? Wie kann jeder selbst dazu beitragen, dass bei Begegnungen mit der anderen Partei nicht jedes Mal „der Kragen platzt“? Darauf mit allen Beteiligten Antworten zu finden, sei das erklärte Ziel; auch wenn immer wieder Personen die Schiedsstelle betreten, die eher den Konflikt anfeuern, als ihn lösen zu wollen.

Astrid Reiß, die Rechtswissenschaften, Arbeitspsychologie und Pädagogik studiert und abgeschlossen hat, weiß um die Herausforderungen:  „Dieses Ehrenamt ist kein leicht zu nehmendes Amt“, betont sie. Pro Jahr leistet die Großräschener Schiedsfrau mehr als 20 Sprechstunden, die an jedem zweiten und vierten Donnerstag im Monat (16.30 bis 17.30 Uhr) in Wettigs Hof (Ordnungs- und Sozialamt) stattfinden.

Unterstützt wird sie von ihrem Stellvertreter Martin Hunschag, der alle administrativen Arbeiten übernimmt. „Alles, was mit Papier zu tun hat, erledigt er. Ich übernehme das Verhandeln“, fasst Astrid Reiß die Aufgabenteilung in der Schiedsstelle zusammen. Dass es dort mitunter laut zugeht, will die Schlichterin nicht verschweigen. „Der Ton ist rauer geworden, die Parteien verschaffen sich zunehmend Gehör – manchmal auch schonungslos“, erklärt sie. Immer öfter müsse sie die eigentliche Verhandlung unterbrechen, um die Einhaltung von Gesprächsregeln  abzufordern. „Das hat es zu Beginn meiner Tätigkeit in diesem Umfang noch nicht gegeben.“

Die Möglichkeiten der Maßregelung von schlechtem Verhalten, wie im Gerichtssaal, stehen in der Schlichtungsstelle nicht zur Verfügung. Ordnungsgeld oder Ordnungsstrafen kennt das Schiedsstellengesetz nicht. Schiedsfrauen und -männer müssten vielmehr auf Augenhöhe operieren und Dialoge anschieben, damit streitende Parteien selbst Vorschläge entwickeln, um Situationen dauerhaft zu entschärfen. Ein resolutes Auftreten sei hilfreich. „Ich bevorzuge eine deutliche, klare Kommunikation. Bei Bedarf gehe ich zum Vergleich auch mal an den Gartenzaun, um mir vor Ort ein Bild von der Situation zu machen“, so Astrid Reiß.

Ihr Gartenzaun gilt indes als imaginäre Linie, hinter der zu verhandelnde Fälle nichts zu suchen hätten. „Es ist nicht hilfreich, Probleme anderer Leute in die eigene Familie zu tragen“, sagt sie. Das Schiedsamt – die Schlichtungsstelle, gehören nicht in den privaten Bereich. „Es ist ein Amt – ein Ehrenamt.“