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Schlechte Noten für die Inklusion

Sonderpädagogin Michaela Wyrembek (r.) beim Projektunterricht an der Großräschener Pestalozzi-Grundschule.
Sonderpädagogin Michaela Wyrembek (r.) beim Projektunterricht an der Großräschener Pestalozzi-Grundschule. FOTO: Rasche/str1
Landkreis Oberspreewald-Lausitz. Das ist der Alltag in den Inklusions-Pilotschulen des Landkreises: Förderstunden fallen aus, viel zu volle Klassenzimmer mit 28 und mehr Kindern, Lehrer an der Schmerzgrenze. Statt guter Noten für das Modellvorhaben gibt es in Schipkau, Großräschen und Guteborn große Verunsicherung, ob und wie es weitergeht mit der Schule für alle. Andrea Budich

Schipkaus Schulleiterin Ramona Warlich spricht aus, was alle denken: "Wir fühlen uns alleingelassen. Konkrete Aussagen, wie es weitergeht, fehlen." Dabei hatten sich alle drei Grundschulen in Schipkau, Guteborn und Großräschen vor zwei Jahren auf den Weg gemacht, zu erproben, wie Kinder mit Förderbedarf zusammen mit anderen Kindern unterrichtet werden können. Inzwischen ist das Ende in Sicht. Im Sommer läuft das Brandenburger Modellprojekt Inklusion aus. Das Land hängt eine zweijährige Auswertungsphase dran. An dieser können die Pilotschulen weiter teilnehmen, wenn die Schulkonferenzen dafür grünes Licht geben. "Das haben wir gemacht, ohne zu wissen, was auf uns zukommt", erklärt Warlich. Der ungewisse Ausgang ist die eine Seite. Die Kinder mit Förderbedarf, die so oder so in den Klassen sitzen, die andere. "Ein Zurückrudern kam für uns deshalb nicht infrage", sagt Ursula Simon von der Pestalozzi-Grundschule Großräschen. Denn diese Kinder bleiben in den Klassen, auch wenn die Pilotschulen an der Verlängerung nicht teilnehmen würden. Dann aber ohne Förderunterricht.

Der bleibt den drei Schulen mit der Bereitschaft zum Weitermachen jetzt erhalten. In Guteborn und Schipkau sind es jeweils 26 Wochenstunden, die zusätzlich für Förderunterricht, Teilungsstunden und die Arbeit mit Therapiehund Theo genutzt werden können. "Die personelle Ausstattung ist nicht schlecht, funktioniert aber nur solange, wie alle Kollegen da sind", sagt Guteborns Schulleiterin Gabi Theiss. Sobald ein Lehrer krankheitsbedingt ausfällt, sind die Förderstunden weg. Die Fachkräfte werden dann zur Absicherung der regulären Unterrichtsvertretung herangezogen. "Meinen Förderunterricht kann ich dann vergessen", kritisiert Sonderpädagogin Christiane Scholze, die mit Therapiehund Theo in Guteborn im Einsatz ist. Sie hat sogar schon Klassenleitertätigkeiten übernehmen müssen. Weil es aber die Förderstunden sind, die Inklusion leben lassen, sind die Schulen mit diesem Zustand sehr unzufrieden. Dazu kommen die vollen Klassenzimmer. In der neuen ersten Klasse werden in Guteborn 27 Abc-Schützen sitzen. "So kann Inklusion nicht funktionieren", stärkt Guteborns Schulleiterin der Sonderpädagogin den Rücken. Beide plädieren dafür, dass, wie im Schulgesetz verankert, nicht mehr als 23 Kinder in einer Inklusionsklasse sitzen sollten.

Einig sind sich die drei Direktorinnen darin, dass die Schule für alle eine gute Idee ist. Die aber nur funktionieren kann, wenn der vom Land gesetzte Rahmen passt. Vom Pilotprojekt freilich hatten sie erwartet, dass am Ende jede Schule eine Inklusionsschule wird. "Mit dem ungewissen Ausgang selbst für uns Modellschulen sind wir davon weit entfernt", stellt Gabi Theiss ernüchternd fest.

Zum Thema:
Das Pilotprojekt Inklusion war im Schuljahr 2012/13 gestartet worden. Seitdem nehmen 84 Grundschulen daran teil, die vom Land mit rund 120 zusätzlichen Lehrkräften ausgestattetet wurden. Erprobt wird, wie Kinder mit den Förderschwerpunkten Lernen, emotionale und soziale Entwicklung und Sprache zusammen mit anderen Kindern unterrichtet werden können.