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Schaulustige behindern Einsatzkräfte nach Explosion im Zollhaus

Sanitäter des Deutschen Roten Kreuzes bringen Verletzte zum Sammelplatz.
Sanitäter des Deutschen Roten Kreuzes bringen Verletzte zum Sammelplatz. FOTO: Sattler/sam1
Ruhland. Im Zollhaus Ruhland sind am Sonnabend 22 Leute im Alter zwischen vier und 78 Jahren zu einer gemütlichen Sause vereint, als eine Gasexplosion die Party jäh unterbricht. Qualm und das Geschrei um Hilfe sind Teil einer Übung. Mirko Sattler / sam1

Sonnabend 18.03 Uhr: Die Leitstelle Lausitz löst unter dem Stichwort B den Einsatz aus: Explosion. Die Rettungskräfte werden alarmiert. Knapp sieben Minuten später treffen die Feuerwehrleute aus dem Amt Ruhland ein. Unter Atemschutz löschen sie den Entstehungsbrand und bringen die ersten Verletzten in Sicherheit. Die Kameraden arbeiten ruhig, lassen keine Panik aufkommen. Sehr schnell sitzen schon zehn Verletzte in Sicherheit am inzwischen eingetroffenen Rettungswagen. Doch klar wird auch: Es werden weitere Helfer gebraucht. Jetzt wird in Größenordnung nachalarmiert. Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und die Schnelleinsatzgruppe der Sanitäter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) treffen ebenso ein wie die Rettungshundestaffel aus Finsterwalde. Permanent halten Blaulichtfahrzeuge am Zollhaus Ruhland. Das lockt Schaulustige an - die teilweise mit Kindern an der Hand die Rettungskräfte behindern.

Erstmals die Seite gewechselt

Während die Feuerwehrkameraden unter Atemschutz pausenlos Verletzte aus dem Zollhaus bringen, versorgen die ersten eingetroffenen Helfer des Roten Kreuzes die Menschen, beruhigten sie.

Brigitte Gärtner ist dabei. Sie sagt: "Ich bin seit 1975 beim DRK und habe schon viele solcher Übungen mitgemacht. Doch heute ist das für mich eine Premiere. Ich bin einmal auf der Seite der Opfer und habe eine Schnittverletzung an der Hand. Außerdem spielt mein Kreislauf verrückt", sagt die 72-Jährige, die an eine Laterne gelehnt auf ihren Abtransport wartet. Die Lage ist ernst: Dass die Schaulustigen den Sanitätern laufend im Weg seien, gehe gar nicht.

Zeltaufbau im Eiltempo

Der Behandlungsplatz für die Verletzten ist vom Zollhaus entfernt auf einer Elsterwiese. Hier koordiniert Martin Auer den Aufbau der Zelte. "Wir bauen aus unserem Abrollbehälter insgesamt drei der vier verstauten Zelte auf. Ein weiteres Zelt stellt eine andere Einheit. Sieben Minuten stehen dafür zur Verfügung. Je nach Schweregrad und medizinischer Ausrüstung haben in den Zelten zwischen acht und zehn Personen Platz", sagt der Gruppenführer, der mit seiner Einheit in Senftenberg stationiert ist. Jedes der drei Behandlungszelte bekommt einen Farbcode. Angefangen von grün wie leicht verletzt über gelb wie mittelschwer verletzt bis hin zu Rot für schwerst verletzt. Für die Personen, die mit schwarz gekennzeichnet sind, wird neben den Zelten ein Ablageplatz bereitgehalten. Diesen bewacht Robert Heuschkel. "Es ist schon ein mulmiges Gefühl, für die Toten hier zuständig zu sein. Auf der anderen Seite zählt nicht die einzelne Person, sondern die ganze Gruppe hier. Und da ist es wiederum ein gutes Gefühl, gebraucht zu werden", erklärt der 30-Jährige aus Schlieben, der seit gut drei Monaten ehrenamtlich seinen Dienst beim Roten Kreuz ableistet.

Langes Warten auf fixe Retter

"Die Feuerwehr hat mich gleich gefunden. Ich habe mehrfach um Hilfe gerufen", berichtet Werner Wohlrabe (68) aus Ruhland, der als erster Verletzter von der Feuerwehr entdeckt worden war. "Obwohl die Rettungskräfte sehr schnell da waren, kam mir das doch lange vor", ergänzt er. Nur ein Opfer können das nachempfinden. Werner Wohlrabe ist selbst Ausbilder beim DRK.

Menschen werden vermisst. Die Rettungshundestaffel aus Finsterwalde sucht deshalb im großen Garten und auf den nahen Elsterwiesen nach weiteren Verletzten, die panisch die Flucht ergriffen haben könnten. Es dauert auch nicht lange, bis der sechsjährige Ajuka einen Mann auf dem Elsterdamm entdeckt hat und anschlägt. "Wir sind mit fünf Teams und je einem Hund hier. Unsere Tiere sind abgerichtet für die Flächensuche", sagt Staffelleiter Andre Wagner (52). 45 Minuten am Stück arbeiten die Vierbeiner mit der guten Spürnase - in völliger Dunkelheit.

Die Einsatzleitung hat am Ende Kenntnis von 16 Verletzten. 84 Kameraden der Feuerwehr, des Technischen Hilfswerkes und des DRK-Katastrophenschutzes sind vor Ort. Selbst Christian Konzag, der Leiter des Ordnungsamtes im Amt Ruhland, ist ahnungslos gewesen, bis sein Bereitschaftstelefon am Abend klingelte.

Lob und Manöverkritik

Mit der Übung wird das Zusammenspiel aller Rettungskräfte geübt - unter realen Bedingungen. Das betont Martin Höntsch, der Kreisbereitschaftsleiter des DRK. Lob kommt vom Landkreis. "Ich muss sagen, dass diese Übung gut vorbereitet und gut organisiert wurde. Das Ziel ist nach meiner Ansicht erreicht. Klar gibt es Schwachstellen, die wir nun abzustellen versuchen", erklärt Vize-Landrätin Grit Klug, die Beobachterin ist. Vier Mitarbeiter der technischen Einsatzleitung Oberspreewald-Lausitz sind zudem mit vor Ort.