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| 20:22 Uhr

Vor 100 Jahren
Asyl für den Sachsenkönig in Guteborn

Peter Gajda ist Ortschronist von Guteborn. Am 13. November soll auf dem Areal des ehemaligen Schlosses Guteborn ein Gedenkstein enthüllt werden, an jenem Ort, an dem der letzte sächsische König abgedankt hat.
Peter Gajda ist Ortschronist von Guteborn. Am 13. November soll auf dem Areal des ehemaligen Schlosses Guteborn ein Gedenkstein enthüllt werden, an jenem Ort, an dem der letzte sächsische König abgedankt hat. FOTO: LR / Catrin Würz
Guteborn. Sachsens letzter König hat vor genau 100 Jahren im preußischen Guteborn seine Abdankung erklärt. Das Schloss gibt es nicht mehr. Aber ein Gedenkstein soll dort künftig an den historischen Vorgang erinnern.   Von Catrin Würz

Was sich da vor genau 100 Jahren im kleinen Guteborn abgespielt hat, ist der Stoff, aus dem Filme sind: hochdramatisch und ein bisschen Welt verändernd. Im Schutze der Dunkelheit sind am Abend des 10. November 1918 zwei Autos mit durchlauchtigen Insassen auf Nebenstraßen über Hermsdorf bis in den Park von Guteborn gerollt. Im Verborgenen wird das Gepäck auf Handwagen umgeladen und ins nahe Schloss der Prinzenfamilie von Schönburg-Waldenburg gebracht, während die hochkarätigen Passagiere der Autos – niemand Geringeres als der sächsische König Friedrich August III. und sein kleines Gefolge – den restlichen Weg bis zum Schloss zu Fuß zurücklegen, um möglichst nicht gesehen zu werden. Eine Nacht- und Nebelaktion sozusagen. Der König von Sachsen ist an diesem Abend bereits zwei Tage lang auf der Flucht vor den Soldatenaufständen und dem Umsturz in Dresden. Denn auch in der sächsischen Residenzstadt marschiert die Revolution, die das Ende der Monarchie fordert.

Friedrich August III. fürchtet um sein Leben für sich und seine Familie und flüchtet aus Dresden nach Schloss Moritzburg und von dort sofort weiter nach Schloss Schönfeld. Hier ist die Sicherheit ebenso nicht gegeben wie bei der nächsten Station, dem Schlösschen Linz bei Großenhain. Von hier aus werden jedoch eilig die Fäden bis hinter die sächsisch-preußische Landesgrenze gezogen und die Königsfamilie findet endlich Asyl in Guteborn im Schloss derer von Schönburg-Waldenburg. Dort verweilt der Sachsenkönig drei Tage lang als Gast - bis sich die politischen Ereignisse in Dresden überstürzen und er in Guteborn am 13. November 1918 gegen 14 Uhr gezwungen ist, auf einem kleinen Zettel in knappen Worten seine Abdankung zu erklären.

Güterdirektor Ernst Habekuß vom Schloss Guteborn.
Güterdirektor Ernst Habekuß vom Schloss Guteborn. FOTO: Archiv Peter Gajda

So schreiben es die Geschichtsbücher über die aufregenden Tage vor genau 100 Jahren. Diese Historie kennt natürlich auch Peter Gajda. Der 65-Jährige ist heute Ortschronist von Guteborn – doch vor einigen Monaten bekam er noch einen ganz besonderen Zugang zu dieser Historie. „Bei mir meldete sich Renate Fischer. Die heute 84-jährige Dame – eine geborene Habekuß – ist die Enkelin des einstigen Güterdirektors Ernst Habekuß. Dieser führte dazumal die Wirtschaft auf Schloss Guteborn und war in jenen Novembertagen vor 100 Jahren Augenzeuge der Geschehnisse rund um die Abdankung des Sachsenkönigs“, berichtet Peter Gajda. Güterdirektor Habekuß hat seine Erinnerungen in einer Festschrift festgehalten, die er seiner Herrschaft – dem Ehepaar Ulrich Prinz von Schönburg-Waldenburg und Pauline Prinzessin von Schönburg-Waldenburg – im Jahr 1925 zur Silberhochzeit überreichte. Die entscheidenden zwei Seiten, die über jene drei Tage im November 1918 minutiös berichten, und ein Foto des damaligen Güterdirektors Habekuß kann der Guteborner Ortschronist nun in seinen Fundus aufnehmen. „Ein Glücksfall“, freut er sich. Allerdings sei in der Schrift absolut nichts davon zu lesen, dass der König den Zettel mit den Worten „Macht euern Dreck alleene“ verfasst hätte. Im Gegenteil: Habekuß berichtet vom Benehmen seiner Majestät, dass sie sich „auch bei der Abdankung königlich benommen“ habe. Die oben zitierte Floskel sei ein „Schwindel mit wohlweislicher Berechnung für die Masse“.

Das Schloss Guteborn als ein Ort der Geschichte besteht heute nicht mehr. Es wurde im Sommer 1948 als ein Symbol der reaktionären Zeit gesprengt. Doch einige wenige Inventarstücke konnten gerettet werden – darunter auch jener Schreibtisch, an dem der letzte König Sachsens seinen Verzicht auf den Thron vermutlich notierte. Das Möbelstück steht schon seit Jahrzehnten im Stadtmuseum Schloss Hoyerswerda. Als 2014 die Erben des Prinzen Ulrich von Schönburg-Waldenburg ihren Anspruch auf das einstige Inventar aus dem Schloss Guteborn anmeldeten, kaufte das Hoyerswerdaer Museum den Schreibtisch an. Dieser ist just in den vergangenen Monaten zu großen Ehren gekommen. Der Schreibtisch mit königlicher Aura war seit April die Attraktion einer Sonderausstellung im Schlossmuseum Pillnitz zum Thronverzicht vor 100 Jahren. „Wir haben den Schreibtisch nach Pillnitz ausgeliehen, inzwischen ist er aber wieder zurück“, berichtet Kerstin Noack, die Leiterin des Stadtmuseums Hoyerswerda. Das gute Stück soll hier eines Tages Teil der neuen Dauerausstellung RuhmReich werden.

Dass die 800-jährige Tradition der sächsischen Monarchie ausgerechnet in einem kleinen Dorf in der preußischen Oberlausitz beendet wurde und damit hier der Weg zum Freistaat Sachsen begann, ist bemerkenswert, das finden nicht nur Geschichtsbewusste. Deshalb soll am Ort des Geschehens nun eine kleine Erinnerungsstätte geschaffen werden. Initiiert haben dies die Heimatvereine Königsbrück, Ort­rand und Ruhland zusammen mit dem Zentrum für Kultur und Geschichte. „Wir werden am 13. November - also genau 100 Jahre nach der Abdankung von König Friedrich August III. – an historischer Stelle einen Gedenkstein öffentlich einweihen“, erklärt Werner Lindner vom Königsbrücker Heimatverein. Das geschehe ausdrücklich nur zur Pflege des Geschichtsbewusstseins und habe keinerlei politische Aussage, so bekräftigt es die Einladung zur Gedenksteinenthüllung. Ein neuer interessanter Pilgerort dürfte aber damit geboren sein.

Vermutlich an diesem Schreibtisch schrieb König Friedrich August III. seine Abdankung. Das Möbelstück gehört dem Stadtmuseum Hoyerswerda.
Vermutlich an diesem Schreibtisch schrieb König Friedrich August III. seine Abdankung. Das Möbelstück gehört dem Stadtmuseum Hoyerswerda. FOTO: Archiv Peter Gajda