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| 15:21 Uhr

Interview mit Sebastian Krumbiegel
„Unterhaltung hat mit Haltung zu tun“

„Courage zeigen“:  Prinzen-Frontmann Sebastian Krumbiegel ist am Mittwochabend, 24. Oktober 2018, 19.30 Uhr, mit seiner Lesung mit Musik  in der Senftenberger Neuen Bühne zu Gast.
„Courage zeigen“: Prinzen-Frontmann Sebastian Krumbiegel ist am Mittwochabend, 24. Oktober 2018, 19.30 Uhr, mit seiner Lesung mit Musik in der Senftenberger Neuen Bühne zu Gast. FOTO: privat
Senftenberg. Ein Prinz mischt sich ein: Warum Sebastian Krumbiegel „Courage zeigen“ will, erklärt er im RUNDSCHAU-Interview.

In diesen Herbsttagen war er schon in Düsseldorf, auf Fehmarn und dem Darß, in Magdeburg, Berlin, Goslar und in anderen Städten der Republik. Während unseres Telefongesprächs fährt er vom Saarland ins Augsburger Land. Mit seiner musikalischen Lesung „Courage zeigen“ kommt er am 24. Oktober nach Senftenberg in die Neue Bühne: Sebastian Krumbiegel, 52 Jahre, in Leipzig mit der Familie zu Hause, meist unbequem und aufmüpfig, ehrlich und couragiert, einst Thomaner, immer noch „Prinzen“-Frontmann und jetzt Buchautor.

Wie war es im Saarland?

Krumbiegel Sehr schön, ich bin gern dort, die Veranstaltung war gut besucht, und die Leute sind interessiert. Doch 630 Kilometer von Leipzig ist die Welt schon eine andere. Die Saarländer sind sehr an Frankreich orientiert, auch ihre Lebensart. Das ist einfach ein Kulturunterschied, der mir bei der Lesereise kreuz und quer durchs Land nochmal richtig bewusst geworden ist, gar nichts Politisches. Jede Gegend hat ihr eigenes Flair – und das ist schön und bereichernd.

Im Kleinen wie im Großen.

Krumbiegel Genau. Ich kann nicht verstehen, wenn jemand sagt, er möchte keine westdeutschen Verhältnisse und damit meint, so ein buntes Straßenbild, wie ich es vor kurzem auch in Köln erlebt habe, wäre schrecklich. Dabei ist das so interessant, belebt, weltoffen, einfach schön – und dort auch längst normal. Davor muss ich keine Angst haben. Es ist einfach geistig arm, so zu tun, als würde sich die Welt nicht verändern. Sie rückt näher zusammen. Unsere Kinder fahren zum Schuljahr, Au pair oder Work und Travel in die Welt – das finden wir doch auch wunderbar.

Aber in Chemnitz gab es in den letzten Wochen Anschläge auf jüdische, persische oder türkische Restaurants. Nach Medienberichten will die Polizei mehr vor Ort sein. Haben Sachsen ein Problem mit der Weltoffenheit?

Krumbiegel Ich finde dieses Sachsen-Bashing ätzend. Wenn ich außerhalb Sachsens bin, verteidige ich Sachsen immer. Denn bei uns leben nicht nur rassistische Idioten. Es sind viel mehr Leute, die sich engagieren, die weltoffen sind und Menschlichkeit leben. Ich habe erst vor wenigen Tagen bei der interkulturellen Woche auf dem Neumarkt in Chemnitz, der voll mit Menschen war, so ein wunderbares Fest der Freude an unterschiedlichen Kulturen erlebt. Das tat gut! Dann ärgert es mich, wenn ich im Westen die Ressentiments höre, dass man Angst habe, in den Osten zu reisen. Wenn ich wieder zu Hause bin, lege ich aber auch den Finger in die Wunde: Ja, wir haben ein Problem in Sachsen. Ich bin froh, dass das mittlerweile auch die Landesregierung begriffen hat und handelt. Und für die Sicherheit in den Restaurants sorgen zu wollen, ist immerhin schon ein Eingeständnis des Problems. Die Anfälligkeit für Rechts wurde ja früher bei Biedenkopf und seinen Nachfolgern immer kleingeredet. Man muss aber Probleme benennen und drüber sprechen. Ich denke, das ist inzwischen auch Kretschmer, dem Ministerpräsidenten, klar. Man ist kein Nestbeschmutzer, wenn man Probleme benennt.

Landesväter und Kommunalpolitiker beklagen den Imageschaden, den Rechte für Sachsen oder auch andere Bundesländer anrichten.

Krumbiegel Das ist meiner Meinung nach eine falsche Herangehensweise. Ich bin nicht gegen Rechte und Rassisten, weil sie dem Image Schaden zufügen oder die Wirtschaftskraft schwächen. Ich bin dagegen, weil es unmenschlich ist, was sie sagen und tun. Ich glaube, wenn sich alle Demokraten auf diese Gemeinsamkeit einigen könnten, wären wir schon einen Schritt weiter. Seit auf der Pegida-Demo in Dresden „Absaufen, absaufen“ skandiert wurde, als es um die Flüchtlingsboote im Mittelmeer ging, braucht mir niemand mehr etwas von „besorgten Bürgern“ zu erzählen. Wer da mitläuft, weiß, mit wem er es zu tun hat. Das ist menschenverachtend, unmenschlich. Und ähnlich ist es mit der AfD, deren Vertreter von den Verbrechen der Nazis als Vogelschiss der Geschichte sprechen oder vom Holocaust-Denkmal als einem Denkmal der Schande. Das ist keine Meinung, das ist rechtsextremer Scheiß.

Seit im Frühjahr 2017 Ihr Buch „Courage zeigen“ erschienen ist, hat sich die Stimmung im Lande noch einmal verändert. Wie nehmen Sie das wahr?

Krumbiegel Das Schräge an dem Buch ist ja, dass es anderthalb Jahre nach dem Erscheinen noch aktueller geworden ist. Ich kriege natürlich die Stimmung hautnah mit. Und ich habe beispielsweise das Gefühl, dass der Graben zwischen Ost und West, von dem wir vor zehn Jahren glaubten, er verschwindet langsam, noch tiefer geworden ist.

Woran, glauben Sie, liegt das?

Krumbiegel Da gibt es viele Gründe. Zum einen hatten wir keine Vereinigung auf Augenhöhe, sondern eine Übernahme. Das fängt mit dem Treuhand-Handeln an, mit dem oft unliebsame Konkurrenz ausgeschaltet und damit unnötig viele Betriebe dicht gemacht wurden. So ist Kapitalismus. Das geht weiter mit den unterschiedlichen Einkommen, den Besetzungen von Führungspositionen, den großen Unterschieden beim Immobilienbesitz. Solche Verletzungen bis hin zu Demütigungen sitzen meiner Meinung nach tief. Das waren politische Fehler, die benannt werden müssen. Andererseits hilft allerdings auch kein Rumjammern. Und es rechtfertigt schon gar nicht, dass nach unten weiter getreten wird.

Kann denn Kunst die Welt verändern, gar verbessern?

Krumbiegel Eine oft diskutierte Frage. Ich glaube schon, wenn auch nicht die ganze Welt, so doch einzelne Menschen. Ich will meine Bühne - ohne Agitation und Propaganda - nutzen, um den Leuten zu zeigen, dass ich wie einst die Beatles für Peace and Love stehe und nicht für Krieg und Hass, und ich glaube, dass die Mehrheit auch eher friedliebend, liebevoll und empathisch ist. Ich denke, es ist ein großer Fehler, sich politisch raus zu halten. Ich jedenfalls gehe zu jungen Leuten und unterstütze außerdem einige Initiativen, die sich um ein menschliches Miteinander bemühen.

Das auch immer mit einem Augenzwinkern. Hilft Satire?

Krumbiegel Ich denke schon, sowohl manche Situationen zu ertragen, aber auch, die Leute zu erreichen. Mir gelingt das leider nicht immer. Manchmal rege ich mich auf und koche ganz schön hoch. Dann erinnere ich mich an den Tipp meiner Mutter: Bis zehn zählen, ruhig und vor allem freundlich bleiben. Wenn man miteinander im Gespräch bleiben will, muss man auch zum Perspektivwechsel bereit sein und den anderen respektieren.

Das Buch erzählt unterhaltsam von Ihrem Bemühen, im Leben Courage zu zeigen. Wie ist es dazu gekommen?

Krumbiegel Auf der Bühne will ich zuallererst Spaß haben und Unterhaltung bieten. Für mich hat Unterhaltung auch etwas mit Haltung zu tun, und die habe ich immer in meinen Konzerten kundgetan. Deshalb hat die Hamburger Agentur, über die ich seit einigen Jahren meine Soloprogramme bestreite, das Buch angeregt. Und dann habe ich, immer wenn ich Zeit hatte, aufgeschrieben, was ich erlebt habe und mich bewegt – und so ist ein Buch entstanden, mit dem ich jetzt zu meinem eigenen Erstaunen auf Lesereise gehe. Dabei erzähle ich lustige Sachen aus der Schule oder heitere Geschichten von den Reisen des Thomanerchores. Aber ich bin in erster Linie Musiker, und so gibt es auch viele Lieder – und in der Pause komme ich mit den Leuten ins Gespräch, und danach geht es dann auch ans Eingemachte, dann wird es politisch - wie gesagt – möglichst ohne zu moralisieren, und das funktioniert sehr gut: erst Unterhaltung pur und dann Unterhaltung mit Haltung.

Was machen die Prinzen?

Krumbiegel Nach dem letzten Konzert der Saison im September erst einmal Pause. In diesem Jahr waren wir mit Sinfonieorchester auf Tour. Höhepunkt war das Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie. Das machen wir übrigens im nächsten Jahr in Berlin auf dem Gendarmenmarkt. Wir finden uns im Frühjahr zur nächsten Runde und zur Tour Kirchenkonzert zusammen. Das Gute bei uns ist, dass wir uns zwischendurch immer in Ruhe lassen und jeder andere Wege geht. Das ist wohl der Grund, dass wir uns immer noch verstehen.

Mit Sebastian Krumbiegel sprach Heidrun Seidel