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| 17:38 Uhr

Ärger nach Rutschung am Senftenberger See
Schuldvorwurf verärgert Schiffsführer

Rolf Bothen, Schiffsführer der Santa Barbara, weist den Vorwurf, dass die Rutschung auch durch die Fahrgastschiffe ausgelöst worden sein sollen, entschieden zurück. Vielmehr kritisiert er hochmotorisierte Sportboote, die teilweise viel zu schnell unterwegs sein sollen.
Rolf Bothen, Schiffsführer der Santa Barbara, weist den Vorwurf, dass die Rutschung auch durch die Fahrgastschiffe ausgelöst worden sein sollen, entschieden zurück. Vielmehr kritisiert er hochmotorisierte Sportboote, die teilweise viel zu schnell unterwegs sein sollen. FOTO: LR / Jan Augustin
Senftenberg. Die Rutschung am Senftenberger See schlägt immer höhere Wellen. Am Freitagnachmittag ist das komplette Gewässer gesperrt worden. Den Vorwurf, dass die Fahrgastschiffe Mitschuld am Inselabbruch haben, weist der Betreiber entschieden zurück. Von Jan Augustin

Ulla und Dietmar Zschernig sitzen entspannt auf dem Oberdeck der altehrwürdigen Santa Barbara. Die September-Sonne meint es nochmal gut mit den Urlaubern aus dem sächsischen Bielatal. Eine Woche lang sind die Zschernigs in der Lausitz zu Besuch. Mit ihrem nagelneuen Wohnanhänger gastiert das Ehepaar auf einem „schönen Stellplatz“ des Niemtscher Comfortcampingplatzes. Die Rundreise auf dem Fahrgastschiff der Reederei M. Löwa über den Senftenberger See am vergangenen Donnerstag ist einer ihrer Höhepunkte. Dass sie ihren Urlaub angetreten sind, ist jedoch keine Selbstverständlichkeit. Kurz nach der Rutschung vor gut einer Woche, als ein Teil der Insel ins Wasser geflossen ist, wurde zunächst kolportiert, dass der gesamte See gesperrt ist. Einen Tag später wurde richtiggestellt, dass nur die Niemtscher Bucht betroffen ist. Die Zschernigs haben sich von diesen Nachrichten und haarsträubenden Meldungen – etwa, dass die Insel in gurgelnden Strudeln untergegangen sei – nicht beeindrucken lassen. „Wir genießen die Natur“, sagt Dietmar Zschernig (76), während Ehefrau Ulla (77) die Landschaft fotografiert.

Nun aber die erneute Hiobsbotschaft: Das Landesamt für Bauen und Verkehr hat am Freitagnachmittag den See bis auf weiteres voll gesperrt. Aufgrund des außergewöhnlichen Niedrigwasserstandes von 97,93 Metern über Normalhöhennull besteht nach wie vor eine Gefahrenlage, erklärt der Präsident des Landesbergamtes, Hans-Georg Thiem. Die vorübergehende Sperrung könne erst ab einem Wasserstand von 98,3 Metern wieder aufgehoben werden. „Erfahrungsgemäß kann davon ausgegangen werden, dass der See im kommenden Jahr zu Saisonbeginn wieder diesen Wasserstand erreicht“, so Thiem.

Ulla und Dietmar Zschernig genießen die Rundfahrt auf dem See.
Ulla und Dietmar Zschernig genießen die Rundfahrt auf dem See. FOTO: LR / Jan Augustin

Durch die Wasserhörde des Oberpreewald-Lausitz-Kreises werde jegliche Nutzung untersagt. Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft sei beauftragt worden, die gefährdeten Uferbereiche südlich der Insel abzusperren.

Der Wellenschlag der Santa Barbara ist verschwindend gering.
Der Wellenschlag der Santa Barbara ist verschwindend gering. FOTO: LR / Jan Augustin

Viele Touristen werden jetzt noch verunsicherter reagieren, was Reederei-Chefin Marianne Löwa zu spüren bekommt. Ihr Handy klingelt im Minutentakt. Das E-Mail-Postfach quillt über. „Die Leute haben Angst, dass Touren nicht stattfinden“, sagt sie. Auch die Reiseveranstalter informieren sich, ob alles wie geplant abläuft. „Ja“, hat sie bis Donnerstag dann immer noch betont – die beiden Schiffe ihrer Reederei fahren, nur die Niemtscher Bucht wird nicht wie gewohnt angesteuert.

Auf die nun neue Situation hat Marianne Löwa schnell und pragmatisch reagiert. Kurz vor der Sperrung brachte sie ihren Solarkatamaran, die Aqua Phönix, schnell in den benachbarten Geierswalder See, sodass nun von dort die Touren gefahren werden können. Trotz des aktuellen Wirrwarrs sei die Saison bisher gut gelaufen. „Wir sind sehr zufrieden“, sagt Marianne Löwa als Chefin von sieben festen und vier auf Stundenbasis angestellten Mitarbeitern.

Verärgert ist die ehrgeizige Unternehmerin allerdings über einen jetzt geäußerten Vorwurf, dass die Fahrgastschifffahrt schon im August hätte eingestellt werden müssen, weil Bug- und Heckwellen angeblich die Uferkante der Insel beschädigen sollen. „Da ist nichts, da kommen vielleicht drei Zentimeter an – wenn überhaupt“, sagt Marianne Löwa.

Freilich, von der Santa Barbara gehen Wellen aus. Diese sind aber erstens extrem flach und zweitens legen sie sich schon nach ein paar Metern wieder. Bis ans Ufer schaffen sie es so gut wie gar nicht. Warum das so ist, kann Rolf Bothen sehr gut erklären. Der 65-Jährige ist eine Institution in Senftenberg und kennt den See wie kaum ein anderer. Seit 1975 arbeitet er hier, war jahrelang sein eigener Chef. Jetzt steuert er das Schiff noch an zwei, drei Tagen pro Woche, nur eben als Angestellter.

Die Barbara gehöre zur Typ-III-Serie, die auf der Yachtwerft Berlin ab 1976 für die Flussschifffahrt gebaut wurde. Rumpf und Bug seien so konstruiert worden, dass die Bugwelle so niedrig wie möglich ist, um Uferbeschädigungen zu vermeiden. Außerdem wolle und dürfe er nicht schneller als zwölf Kilometer pro Stunde fahren, auch um den Gästen eine erholsame und entspannte Schifffahrt zu bieten. „Bedenklich ist eher, dass es im Stadthafen und von Geierswalde kommend doch einige hochmotorisierte Sportboote gibt, deren Steuermänner, wenn die Wasserschutzpolizei nicht da ist, mal richtig Gas geben“, kritisiert Rolf Bothen in seinem kleinen Steuerhaus und fragt sich, ob vielleicht am Abend des 12. September wieder so ein schnelles Boot unterwegs war.