Von Torsten Richter-Zippack

Das Synthesewerk Schwarzheide war zwischen 1954 und 1990 einer der größten Chemiebetriebe in der DDR. Und der Betrieb inspirierte fünf junge Burschen, ihre neu gegründete Musikgruppe an den Werksnamen anzulehnen. So schlug im Jahr 1969 die Geburtsstunde der „Synthetic’s“.

Am 7. Oktober vor 50 Jahren gab es das erste Konzert mit drei Titeln auf der Freilichtbühne Wandelhof im Herzen von Schwarzheide. Das war sechs Wochen bevor die legendären Puhdys erstmals losrockten. Während die DDR-Kultband vor drei Jahren ihre Abschiedstournee bestritt, denken die „Synthetic’s“ noch gar nicht ans Aufhören.

Ganz im Gegenteil: „Wir feiern unser 50-jähriges Bestehen am 26. Oktober mit einem großen Konzert im Schwarzheider Narrenhof“, kündigt Gitarrist Honsa Ehmke an. Mit einem Streifzug durch ein halbes Jahrhundert Musikgeschichte soll das Jubiläum gefeiert werden. „Vielleicht sind wir sogar die älteste, heute noch bestehende Amateurband Deutschlands“, mutmaßt Ehmke.

Um dies herauszufinden, bemühen die Schwarzheider die bekannte TV-Sendung „Außenseiter, Spitzenreiter“. Die entsprechende Redaktion hat den „Synthetic’s“ inzwischen mitgeteilt, dass dieses Thema tatsächlich aufgegriffen werden soll. Wann genau, stehe aber noch nicht fest.

Während sich die Schwarzheider in früheren Jahrzehnten gern und oft von westlichen Bands inspirieren ließen, steht heute der Ostrock im Fokus. Warum, erklärt Honsa Ehmke so: „Jeder, der drei Griffe auf der Gitarre beherrscht, kann die Titel der Rolling Stones nachspielen. Dagegen sind die Lieder von Karat, Electra und Co. schon anspruchsvoller.“ Die Schwarzheider hätten insgesamt 180 Titel in ihrem Repertoire, davon könnten 40 bis 70 aus dem Effeff gespielt werden. Die Spannbreite reicht von Songs von Tamara Danz über Petra Zieger bis zu Ute Freudenberg und Frank Schöbel.

Während der DDR-Zeit war es den Bands vorgeschrieben, mindestens 60 Prozent Osttitel zu präsentieren und höchstens 40 Prozent Westmusik. Darüber hinaus mussten neu gegründete Bands vor einer Prüfungskommission für Unterhaltungskunst auftreten. Von der entsprechenden Bewertung hingen Gagen sowie Kilometer- und Technikgelder ab.

Die Geschichte der „Synthetic’s“ begann Ende der 1960er-Jahre im Lager für Gesellschaft, Sport und Technik (GST) der Berufsschule des Synthesewerkes Schwarzheide. Es ging darum, den Mädchen mittels der Gitarren zu imponieren. Von den damals fünf 17-jährigen Jungs halten bis heute Keyboarder Wolfgang Oder und Bassist Dieter Linack der Band die Treue. Darüber hinaus zählen Dietmar Kreisl, Detlef Sagasser und Bernd Majchrak zu den Gründungsmitgliedern.

Während der 1970er- und 1980er-Jahre gab es lediglich vereinzelte Auftritte. Erst im Jahr 1998 rauften sich die Musiker wieder zusammen. Auch die Besetzung änderte sich. Gitarrist und Sänger Honsa Ehmke stieß 2001 zur Band. „Ich befand mich damals in einem Mandantengespräch“, erinnert sich der Steuerberater. „Wolfgang Oder fragte, ob ich für einen erkrankten Musiker einspringen könne. Um das Gespräch kurz zu halten, schließlich wartete ja mein Mandant, sagte ich zu“, berichtet der gebürtige Mecklenburger schmunzelnd.

Im Jahr 2007 kam mit Sängerin Christin Sellnow (heute Kaufmann) die erste und bislang einzige Frau zu den „Synthetic’s“, 2012 folgte Schlagzeuger David Hamann sowie 2016 die Leadgitarristen Alex Model und Peter „Piit“ Oldenbossel.

Jeden Montag um 18 Uhr probt die Band im Keller der Familie Ehmke, der heute ein Tonstudio ist. „Diese Zeit ist uns heilig“, sagt Honsa Ehmke. Manche der sieben Musiker und zwei Techniker nehmen dafür lange Wege in Kauf. Peter „Piit“ Oldenbossel reist dafür extra aus Berlin an.

Eiserne Regeln halten die „Synthetic’s“ zusammen. „Soll ein neuer Titel einstudiert werden, müssen sich alle dazu bekennen. Sagt nur einer nein, hat es sich erledigt“, plaudert Honsa Ehmke aus dem Nähkästchen.

Pro Monat steht im Durchschnitt ein Auftritt im Bandkalender. Meist wird im Umkreis von 50 Kilometern gespielt, manchmal auch in Polen und Ungarn. Die Schwarzheider Partnerstädte Krosno und Karcag lassen grüßen. Lediglich das italienische Partnerstädtchen Piano di Sorrento fehlt noch. „Das kann ja noch werden“, sagt Honsa Emke. „Wir sind ja erst seit 50 Jahren auf der Bühne.“