| 02:49 Uhr

"Rote Teppiche brauche ich nicht"

Jennipher Antoni (l.) und ihre Mutter Carmen-Maja Antoni.
Jennipher Antoni (l.) und ihre Mutter Carmen-Maja Antoni. FOTO: Naumann Concept
Senftenberg. Heiteres, Schräges und Spezielles "Von großen Männern und großen Frauen" bringen Carmen-Maja und Jennipher Antoni am Sonntag auf die Senftenberger Theaterbühne. Heidrun Seidel / hsd1

"Hier ziehen gerade Hunderte Wildgänse über mein Haus", ruft Carmen-Maja Antoni mitten im Telefongespräch begeistert aus. "Herrlich! Der Frühling ist da!" Solche Momente genießt die Schauspielerin, wie auch den freien Blick in die Landschaft aus ihrem Mecklenburger Häuschen. Zeit zum Durchatmen. "Die kann ich mir jetzt nehmen", sagt sie, und das hört sich so verschmitzt an, als ob Zwerg Nase aus dem Defa-Märchenfilm von 1978, die Anderthalbmeter-Großmutter aus Strittmatters Laden 1998 und Elsa, die Schwester von Brandenburgs pensioniertem Dorfsheriff Horst Krause aus jüngster Zeit, gleichzeitig vor einem stehen und in der ganz speziellen Antoni-Mischung aus schelmischer Direktheit, unverkrampfter und geerdeter Offenheit sprechen.

Die Zeit zum Genießen kann sie sich nehmen, auch weil sie 2013 im Berliner Ensemble gekündigt hat. Das sorgte damals für Aufsehen, denn immerhin war sie fast 40 Jahre am renommierten Brechttheater fest engagiert. Doch die intensive, Kräfte zehrende Theaterarbeit hatte begonnen, ihr die Luft zu nehmen - und sie wollte "noch einmal etwas Neues anfangen, Leute kennenlernen. Jetzt mach ich meinen Beruf wieder gern. Und ich bin ein freier Mensch, der niemandem sagen muss, wo er gerade ist."

Trotzdem beschränkt sich das Sich-Zeit-Nehmen auf höchstens drei Tage am Stück. Denn die inzwischen 71-Jährige ist eine gefragte Künstlerin. "Je älter ich werde, umso mehr Angebote kommen komischerweise", sagt sie lachend. Es gäbe nicht so viele Schauspielerinnen, die so gern alte Frauen verkörpern wie sie, spielt sie den wohl eigentlichen Grund für die große Nachfrage herunter: ihre Vielschichtigkeit, die Fächerbreite, die sie mit ihrer Kunst bedient. Die Antoni-Typen, die lieb wie böse sein können, laut und frech, aber auch leise und hintergründig, bodenständig und doch immer wandlungsfähig und auch skurril. So steht sie weiter in fünf Produktionen des Berliner Ensembles auf der Bühne, nunmehr als Gast, "der nicht so herumdirigiert wird wie früher". Sie gibt Brechts Mutter Courage ebenso wie den Obristen Kottwitz in Kleists "Prinz Friedrich von Homburg" - und wird gefeiert in dieser letzten Inszenierung Claus Peymanns am Berliner Ensemble, mit dessen Weggang eine Ära in der deutschen Theaterszene zu Ende geht und in der auch Carmen-Maja Antoni ihre Hauptrollen hatte.

Darüber hinaus war sie jüngst im Weimarer Tatort als Olga zu sehen, um die sich "Der scheidende Schupo" gekümmert hat. Aktuell dreht sie mit Lars Krume als Regisseur "Das schweigende Klassenzimmer", das in der Zeit des Kalten Krieges spielt und 2018 zu sehen sein soll. Sie hat mit der Autorin Brigitte Biermann das autobiografische Buch "Im Leben gibt es keine Proben" geschrieben. Sie erzählt darin, wie sie bereits mit elf Jahren zum Fernsehen kam und so ihre Familie ernährte, wie sie als jüngste Studentin an der Film- und Fernsehhochschule Potsdam lernte, am Hans-Otto-Theater und der Volksbühne spielte. Sie produziert mit ihrer markanten Stimme Hörbücher und Hörspiele. Besonders aber liebt es die zweifache Mutter, mit ihrer Tochter Jennipher Antoni auf Lesereise zu gehen: "Jennipher hat wunderbare Literatur in ganz unterschiedlichen Programmen zusammengestellt." Einige davon lesen Mutter und Tochter gemeinsam, in anderen geht Jennipher Antoni mit anderen Künstlern oder allein auf Reise - wenn auch sie nicht gerade dreht oder andere Projekte verfolgt. Die 40-Jährige kennen Fernsehzuschauer aus "Letzte Spur Berlin", "Alles Klara", "Der Kriminalist", "Soko Wismar" und vielen anderen TV-Rollen.

Nach Senftenberg kommen die beiden Antonis mit Geschichten von Umberto Eco, Stefan Heym, Robert Gernhardt, Peter Hacks oder Kurt Tucholsky. Und Carmen-Maja Antoni freut sich darauf. Zwar hat sie selbst noch nie in der Neuen Bühne gespielt, kennt aber den guten Ruf des kleinen Theaters und war Gast von Sewan Latchinian in der Reihe "Der Intendant lädt ein" im Jahr 2010. "Und Manuel Soubeyrand war mein Kollege am BE", verrät sie.

Natürlich weiß die selbst 1,50 Meter kleine Darstellerin der Anderthalbmeter-Großmutter auch, dass einst Erwin Strittmatter in Senftenberg Zeitungsredakteur war. Schließlich ist sie Ehrenmitglied des Spremberger Strittmattervereins, kennt Bohsdorfer und hat erst vor Kurzem in "Grodk" gelesen. "Ich bin gern in der Lausitz", gesteht sie und spricht von einem besonderen Verhältnis zu dieser Region. "Ich bin sogar meinem Zahnarzt treu geblieben, als er von Berlin nach Cottbus gegangen ist", verrät sie - und da ist er wieder, dieser liebevoll schelmische Antoni-Ton.

Für Sonntag wünscht sie sich, dass die Zuschauer Lust auf Geschichten haben. "Ich freue mich, wenn die Leute von Herzen lachen - und vielleicht etwas Kraft mitnehmen." Wenn das gelingt, ist sie glücklich. Für den berühmten roten Teppich oder andere Promishows ist die bodenständige, ehrliche Frau dagegen nicht zu haben. "Diese Bühne brauche ich nicht, ich habe den Applaus der Zuschauer, das genügt."

Zum Thema:
Von großen Männern und von großen Frauen - Eine Lesung. Jennipher und Carmen-Maja Antoni in der Neuen Bühne Senftenberg am Sonntag, 5. März, ab 16 Uhr. Karten unter Telefon 03573 8012 86.