Denn auch Rituale vermitteln ein Stück innere Vertrautheit, ähnlich jener Volksweisheit: Halte die Ordnung, auf dass sie dich hält, vor allem in Krisenzeiten.
Im Ritual wird in einer vordergründigen Handlung eine hintergründige Wirklichkeit dargestellt und erlebbar gemacht. Es ist eine Form geistiger Verwurzelung, die den Einzelnen davon entlastet, immer wieder neu darüber nachdenken zu müssen, was „man“ in dieser oder jener Lage zu tun hat.
Der Volkstrauertag thematisiert eine Erfahrung unseres Volkes. Und Trauer überfällt uns unangemeldet. Sie kann mich lähmen und mir das Leben verleiden. Sie macht mir zu schaffen, und deshalb gibt es einen dringenden Handlungsbedarf.
Denn Trauern ist eine Arbeit, um die wir nicht herumkommen. Trauer ist die menschliche Antwort auf eine heftige Verlusterfahrung. Am Verlust eines geliebten Menschen leiden wir ganz anders als am Verlust der Brieftasche. Wer sich verbietet zu trauern, behält den „Sorgenstein“ , wie schon Paul Gerhard feststellte, in sich drin. Und der schlägt uns schwer auf den Magen. Im Ritual dagegen wird das Problem nach außen gekehrt und kann so nach und nach abgetragen werden.
Das tut der Seele gut, und mit der Zeit heilt die Wunde. Auf diese Weise werden Rituale zu einem Vehikel für die innere Gesundung. Achten wir sie nicht gering, denn sie könnten uns die „Krücke“ zum Leben sein.