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| 19:45 Uhr

Modellregion Spree-Neiße/Oberspreewald-Lausitz
Rikscha-Taxi soll Senioren mobil machen

Premiere für das Rikscha-Taxi: Vor dem Schloss in Hohenbocka haben Alice Bartilla und Uwe Weidlich das neue Gefährt getestet.
Premiere für das Rikscha-Taxi: Vor dem Schloss in Hohenbocka haben Alice Bartilla und Uwe Weidlich das neue Gefährt getestet. FOTO: Verein Neue Wege
Senftenberg. Das neue Angebot des Senftenberger Vereins Neue Wege ist eines der Ergebnisse eines Bundesmodellvorhabens. Von Jan Augustin

Einfach mal rauskommen – für Menschen mit eingeschränkter Mobilität ist das gar nicht so leicht. Mit dem neuen Rikscha-Taxi vom Verein Neue Wege aus Senftenberg soll das aber genau möglich werden. Eine Spazierfahrt auf den Wochenmarkt oder die altbekannte Umgebung neu entdecken – alles kein Problem, sagt Detlef Ritter vom Verein. Seit vier Jahren habe der Verein, der Familien mit demenzerkrankten Angehörigen unterstützt, ein Auge auf das Rikscha-Angebot geworfen. „Wir wussten aber nie, wie wir das finanzieren sollen“, erklärt Ritter. Denn das mit einer Elektrobatterie ausgestattete Fahrrad kostet immerhin rund 7000 Euro. Dass sich der Verein das teure Gefährt nun doch leisten konnte, ist einem Förderprogramm zu verdanken.

Das zu 90 Prozent vom Bund finanzierte Rikscha-Taxi ist eines der umgesetzten Projekte aus dem Bundesmodellvorhaben „Langfristige Sicherung von Versorgung und Mobilität in ländlichen Räumen“. Gemeinsam mit Spree-Neiße hat der Oberspreewald-Lausitz-Kreis in den beiden vergangenen Jahren an diesem Förderprogramm teilgenommen. In beiden Kreisen schrumpft die Bevölkerung, und sie wird immer älter. Prognosen gehen davon aus, dass die Einwohnerzahl in einigen Regionen bis zum Jahr 2040 um 30 Prozent und mehr sinken wird. Derzeit leben rund 112 000 Menschen in Oberspreewald-Lausitz, etwa 116 000 in Spree-Neiße. Der Anteil der Senioren über 65 Jahren soll von 24,5 Prozent (im Jahr 2011) auf 55 Prozent (2040) ansteigen. Der Anteil der Hochbetagten wird sich fast verdoppeln. Indes gibt es immer weniger Jüngere im erwerbsfähigen Alter, erläutert der Geschäftsführer des Iges-Instituts, Christoph Gipp.

Prognosen gehen von einer sinkenden Einwohnerzahl in OSL und SPN aus.
Prognosen gehen von einer sinkenden Einwohnerzahl in OSL und SPN aus. FOTO: LR / Institut für Freiraum und Siedlungsentwicklung

Das Berliner Unternehmen hat unzählige Daten aus OSL und SPN gesammelt, diese ausgewertet und in Konzepte gegossen. „Mobilität ist für Menschen in dünn besiedelten, ländlichen Räumen besonders wichtig und oft besonders schwierig“, betont Gipp. Seine Einschätzung nach zweieinhalb Jahren Arbeit: „Die derzeitige sowie sich zukünftig abzeichnende Versorgungssituation in den beiden Modell-Landkreisen veranschaulicht bereits heute einen akuten Handlungsbedarf.“ In der Stärkung interkommunaler Kooperationen sowie einer engen „Verzahnung der Mobilitätssysteme“ liege aber die Chance, die Lebensqualität aller Einwohner durch gut erreichbare Versorgungszentren zu verbessern.

Rund 480 000 Euro hat das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur für das Programm ausgegeben. Ziel sei es, die Daseinsvorsorge, Nahversorgung und Mobilität besser zu verknüpfen, um die Lebensqualität zu verbessern und wirtschaftliche Entwicklung zu ermöglichen. Neben den entstandenen Konzepten sind auch sechs konkrete Projekte gefördert worden: das Rikscha-Taxi, barrierefreie Rastplatzsitzgruppen am Senftenberger See, das Sozialmobil für das Mehrgenerationenhaus in Lauchhammer, ein dynamisches Fahrgastinformationssystem und sprechende Haltestellen in Burg im Spreewald, eine mobile Hörschleife für eine bessere Teilhabe sowie eine Haltestelleninfrastruktur in Groß Luja und Trattendorf.

SPN-Landrat Harald Altekrüger (CDU) zieht ein zufriedenes Fazit: „Durch dieses Projekt erhielten wir die Möglichkeit, zwei für jede Region wichtige Entwicklungsbausteine auf den Prüfstand zu stellen, Defizite zur erkennen und Handlungsempfehlungen abzuleiten: die Mobilität und Daseinsvorsorge.“ Altekrüger räumt ein, dass es in beiden Kreisen Defizite bei der Daseinsvorsorge gibt. Bei der Analyse sei deutlich geworden, dass der öffentliche Personennahverkehr zum „jetzigen Zeitpunkt vergleichsweise gut aufgestellt ist. Jedoch ist absehbar, dass sich die Erreichbarkeit von Versorgungseinrichtungen jeglicher Art in Zukunft verschlechtern wird, wenn wir nicht alle gemeinsam versuchen gegenzusteuern“.

Die umfangreiche Datenerhebung, Altekrüger nennt sie Datenschatz, müsse jetzt und zukünftig als „solide Arbeitsgrundlage genutzt werden“ – auch damit Projekte wie das Rikscha-Taxi keine Eintagsfliegen bleiben. Detlef Ritter vom Verein Neue Wege schwärmt: „Das ist ein Projekt, dass für die Landkreise beispielgebend sein könnte“. Als er mit seiner Mutter kürzlich eine Testfahrt unternommen hat, standen ihr vor Freude die Tränen in den Augen, berichtet er.