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| 02:38 Uhr

Reiter verkünden singend und betend das Wunder

Das Osterreiten gehört in der Lausitz zu den meistbekannten und populärsten Bräuchen. Jahr für Jahr ist es ein Erlebnis, wenn hunderte Reiter singend und betend von Dorf zu Dorf das Wunder von der Auferstehung Jesu verkünden. Doch wer den wahren Zauber des Oster- und Kreuzreitens erleben will, muss zeitig aufstehen. Torsten Richter /

Wittichenau. Während am frühen Ostermorgen die meisten Hoyerswerdaer noch schlafen, herrscht im benachbarten Wittichenau bereits emsiges Treiben. Es scheint, als sei das ganze Städtchen auf den Beinen. Die Uhr zeigt 4.45 Uhr, und die Menschen eilen zur Pfarrkirche "St. Mariä Himmelfahrt". In deren altehrwürdigen Mauern beginnt um 5 Uhr der Gottesdienst der Kreuzreiter. Es gibt nur Stehplätze, die Kirchenbänke bleiben am Ostermorgen den Reitern vorbehalten. Sie strömen aus der Stadt und den umliegenden Dörfern ins Gotteshaus, Deutsche und Sorben. Der bewegendste Moment ist gekommen, wenn rund 430 Reiterkehlen das Lied "Nun ist erfüllet, nun ist vollbracht" anstimmen. Dann dürfte es kaum jemanden geben, der keine Gänsehaut verspürt.

Nach der Kirche eilen die Reiter auf ihre Höfe. Schließlich müssen die Pferde vorbereitet werden. Am frühen Vormittag treffen Rösser und Reiter vor der Kirche ein. Das Reiterpaar an der Prozessionsspitze bekommt die Kirchenfahnen, der Kreuzträger das Kreuz Jesu. Dann geht es los. Zunächst wird dreimal um die Kirche geritten, anschließend geht es singend und betend, teils in Deutsch, teils in Sorbisch, durch mehrere Dörfer bis nach Ralbitz. Die dortigen Reiter sind im Gegenzug nach Wittichenau aufgebrochen. Begegnen werden sich beide Prozessionszüge niemals, dass würde Unglück bedeuten.

Geritten wird immer. Weder Regen, noch Schnee, weder Faschismus, noch Kommunismus konnten diese Tradition verhindern. Selbst am Ostersonntag 1945 machten sich Wittichenauer Reiter auf den Weg nach Ralbitz auf. Sowjetische Tiefflieger donnerten über die Prozessionen, aber es fiel nicht ein Schuss. In der DDR war der durch die Kollektivierung der Landwirtschaft bedingte Mangel an Reitpferden das größte Problem. Manche Prozessionen, beispielsweise zwischen Bautzen und Radibor, wurden eingestellt (1969) und erst nach der Wende (1993) wiederbelebt.

Ursprünglich sind die Wurzeln des österlichen Reitens in der vorchristlichen Zeit zu suchen. Die damaligen Menschen wollten eine Art "Schutzkreis" um ihre Äcker und Wiesen ziehen, erklärt die sorbische Publizistin Gisela Bruk. Seit dem Jahr 1541 ist das Kreuzreiten zwischen Wittichenau und Ralbitz nachweislich belegt. Zuvor waren die Wittichenauer nach Angaben des sorbischen Autors Alfons Frenzel nach Hoyerswerda geritten. Insgesamt gibt es in der Oberlausitz vier Prozessionspaare sowie eine Einzelprozession mit zusammengenommen rund 1700 Teilnehmern. Während zwischen Wittichenau und Ralbitz ausschließlich von Kreuzreitern gesprochen wird, sind in den anderen Orten die Osterreiter unterwegs. Besonders eindrucksvoll ist es, wenn diese aus dem Kloster St. Marienstern in Panschwitz-Kuckau ein- und ausreiten. Für eine Gänsehaut wird ebenso garantiert, wenn die Bautzener Reiter die Friedensbrücke vor der Kulisse der tausendjährigen Altstadt überqueren.

Neben dem eigentlichen Kreuz- beziehungsweise Osterreiten im katholischen sorbischen Dreieck zwischen Hoyerswerda, Bautzen und Kamenz gibt es zwischen Ostritz an der Neiße und dem Kloster St. Marienthal das ähnliche Saatreiten. Darüber hinaus wird auch in der Niederlausitz geritten. Und zwar in Zerkwitz bei Lübbenau. Dieser Brauch wurde im Jahr 1998 wiederbelebt. Das einst bis zum Jahr 1600 in der Gegend nachweisliche Procedere wird durch evangelische Christen gepflegt.

Die Gläubigen appellieren an die Besucher, sich still an den Rändern der Straßen und Wege zu verhalten. Zudem sollte ein ausreichend großer Abstand zu den Pferden gewahrt werden. Eine Kommerzialisierung des Kreuz- beziehungsweise Osterreitens gibt es nicht. Die einhellige Ansicht der Reiter lautet, dass es sich um kein Touristenspektakel handele, sondern um die Fortführung eines christlichen Brauches. Deswegen suchen unkundige Besucher Imbisswagen vergebens.