| 11:09 Uhr

Lausitzer Osterbräuche
Leben, Tod, Auferstehungund die tiefe Liebe zur Heimat

In Ostro sind die Osterreiter bereits bei Sonnenaufgang mit den noch ungeschmückten Pferden unterwegs. Sie umreiten die Felder, bevor es gegen Mittag zur Nebelschützer Kirche geht.
In Ostro sind die Osterreiter bereits bei Sonnenaufgang mit den noch ungeschmückten Pferden unterwegs. Sie umreiten die Felder, bevor es gegen Mittag zur Nebelschützer Kirche geht. FOTO: Richter-Zippack
Senftenberg. Die Lausitz gilt als Osterland der Republik. Zahlreiche Bräuche sind mitunter jahrhundertealt. Und die Menschen leben sie bis heute zum Auferstehungsfest. Von Torsten Richter-Zippack

Der Brauch der Kreuzwegprozession wird am Karfreitag in Görlitz gepflegt. „Die durch die evangelischen Kirchgemeinden begründete Tradition führt auf sechs Stationen von der Peterskirche zum Heiligen Grab. Dort wird die Todesstunde Jesu gefeiert“, erzählt Ruth-Andrea Lammert von der Offenen Kirche in Görlitz. Das Heilige Grab symbolisiere den Berg Golgatha als Erinnerung an das Böse. Die Strecke entlang der Via Dolorosa umfasst 1000 Schritte. Der Prozession wohnen bis zu 500 Besucher bei.

Das Oster- oder Kreuzreiten ist einer der bekanntesten Lausitzer Osterbräuche. An den neun Prozessionen in der sorbischen katholischen Lausitz nehmen Jahr für Jahr etwa 1600 Reiter teil. Darüber hinaus gibt es das Saatreiten am Kloster St. Marienthal bei Ostritz sowie das evangelische Osterreiten in Zerkwitz bei Lübbenau.

Die Wittichenauer Osterreiter während der Abschlussandacht auf dem Marktplatz.
Die Wittichenauer Osterreiter während der Abschlussandacht auf dem Marktplatz. FOTO: Richter-Zippack
Die Wittichenauer Prozession ist mit rund 450 Reiter die mit Abstand größte in der Lausitz.
Die Wittichenauer Prozession ist mit rund 450 Reiter die mit Abstand größte in der Lausitz. FOTO: Richter-Zippack

Die mit Abstand größte, längste und älteste Prozession bilden die rund 450 Reiter, die zwischen Wittichenau und Ralbitz singend und betend die Botschaft der Auferstehung Jesu verkündigen. Bereits seit dem Jahr 1541 wird diese rund zwölf Kilometer lange Strecke geritten. Der Sollschwitzer Tierarzt Dr. Peter Bresan steigt am 1. April 2018 zum bereits 73. Mal in den Sattel, so oft wie bislang kein zweiter, wie der 85-Jährige sagt. „Solange es meine Gesundheit zulässt, reite ich mit“, erklärt der bekennende Katholik. Die Freude in die Herzen der Menschen weiterzutragen, sei seine Aufgabe. Osterreiten sei etwas, das die sorbische Seele in ihrem tiefsten Inneren berührt. Denn das Osterreiten hat alles, was die menschliche Existenz ausmacht: das Leben, den Tod, die Auferstehung, verbunden mit der tiefen Liebe zur Lausitzer Heimat.

Für das Ostereierschieben am Bautzener Protschenberg hat Eierjokel Heiko Harig den Hut auf.
Für das Ostereierschieben am Bautzener Protschenberg hat Eierjokel Heiko Harig den Hut auf. FOTO: Richter-Zippack

Das Waleien von Ostereiern  wird noch in mehreren Lausitzer Orten gepflegt. Legendär ist das Eierschieben am Ostersonntag am Bautzener Protschenberg. Um das Jahr 1550 wurde dieser Brauch erstmals als Eierrollen erwähnt. Die vom Hang hinab geworfenen Eier fingen Kinder armer Eltern auf. Im Jahr 2001 wurde der Brauch wiederbelebt. Seitdem fungiert Entertainer Heiko Harig als Eierjokel. Diese Figur, so berichtet Harig, lebte zur vorvorigen Jahrhundertwende im Dörfchen Cölln bei Bautzen. In Bautzen hatte der Eierjokel dann die Ware verkauft. Den Protschenberg hinab gekullert werden heute aus Hygienegründen Bälle, die anschließend gegen kleine Geschenke eingetauscht werden können.

Das Ostereiermalen ist ebenfalls ein in Nieder- und Oberlausitz weit verbreiteter Brauch. In vier verschiedenen Techniken werden Symbole des zu Ostern neu erwachenden Lebens auf die Eierschalen gezaubert. Die Schleifer Eiermalerin Kerstin Hanusch erklärt: „Die Dreiecke stellen für mich das Zeichen der Dreifaltigkeit dar. Ohnehin steht das Ei für das Leben.“ Andere Eiermaler interpretieren die winzigen Dreiecke als Wolfszähne, die das Böse vom innen liegenden Sonnenrad abhalten. In der Lausitz laden während der Passionszeit mehrere Ostereiermärkte ein, beispielsweise in Bautzen, Hoyerswerda, Schleife, Halbendorf, Lübbenau, Neuwiese und Spremberg.

In aller Frühe am Ostersonntag schöpfen die Hornower Frauen Osterwasser. Sprechen ist dabei tabu.
In aller Frühe am Ostersonntag schöpfen die Hornower Frauen Osterwasser. Sprechen ist dabei tabu. FOTO: Richter-Zippack

Nur noch in wenigen Dörfern gibt es hingegen das Osterwasserholen. In Grünewalde bei Lauchhammer ist dieser Brauch zwar seit vielen Jahrzehnten bekannt. Er wurde aber erst im Jahr 2015 wiederbelebt, sagt Ortsvorsteher Reinhard Lanzke. 15 bis 20 Frauen versammeln sich in der Osternacht an der Quelle unweit des Dorfteiches und schöpfen dort das Nass. Das Osterwasser verspricht Schönheit und Gesundheit. „Allerdings“, so erklärt Lanzke, „darf dabei nicht gesprochen werden. Ansonsten verwandelt sich das Osterwasser in Plapperwasser und verliert seine magische Kraft.“ Ein, zwei Männer würden den Frauen auflauern und versuchen, diese zum Reden oder zum Lachen zu bringen.

In sehr vielen Niederlausitzer Orten, hier in Welzow, finden am Karsonnabend Osterfeuer statt.
In sehr vielen Niederlausitzer Orten, hier in Welzow, finden am Karsonnabend Osterfeuer statt. FOTO: Richter-Zippack

Beliebt in der Lausitz ist ebenso das Osterfeuer. Der Brauch wird vor allem in der Niederlausitz gelebt. Nur ganz wenige Oberlausitzer Dörfer entzünden die großen Reisighaufen. Beispielsweise Bluno in der Elsterheide. „Wir zünden unser Osterfeuer in der Osternacht erst um Punkt Mitternacht an“, erzählt Wehrleiter Jens-Uwe Zink. Bereits gegen 23.45 Uhr bewaffne sich die Jugend mit Fackeln, um eine Viertelstunde später den hölzernen Haufen auf dem Sportplatz in Brand zu stecken. „Damit wird symbolisch der Winter vertrieben“, sagt Zink. Dass in vielen Niederlausitzer Orten die Feuer bereits mit Anbruch der Dunkelheit lodern, kommentiert der Blunoer Feuerwehrchef wie folgt: „Wir wollen die alte Tradition erhalten. Und wir haben Geduld und warten bis 24 Uhr.“

Im Jahr 2017 wurde das Schleifer Ostersingen wiederbelebt. Neben der Kirche auf der Dorfaue verkünden die Frauen singend die Auferstehungsbotschaft.
Im Jahr 2017 wurde das Schleifer Ostersingen wiederbelebt. Neben der Kirche auf der Dorfaue verkünden die Frauen singend die Auferstehungsbotschaft. FOTO: Richter-Zippack

In der Mittel- und der Oberlausitz wird die Tradition des Osterschießens gelebt. Beispielsweise im Dörfchen Rauden, das zur Gemeinde Boxberg gehört. „Wir haben uns extra dafür vier Kanonen gebaut“, erzählt Uwe Rentsch von der Feuerwehr. Mittels Karbid und Wasser werden am Karsonnabend an der Kulturscheune Bälle verschossen. „Früher haben wir mit Kaffeebüchsen und Milchkannen geschossen“, erzählt Rentsch, der diesen Brauch bereits seit Kindertagen kennt. „Mit den lauten Geräuschen soll der Winter vertrieben werden“, sagt der Kamerad. Das Osterschießen wird auch auf dem Weißiger Eichberg bei Lohsa, auf dem Löbauer Berg sowie in Schirgiswalde betrieben.

Pathetisch wird die Stimmung beim Jänschwalder Ostersingen, wenn die Sonne aufgeht.
Pathetisch wird die Stimmung beim Jänschwalder Ostersingen, wenn die Sonne aufgeht. FOTO: Rosemarie Karge

In der sorbischen/wendischen Lausitz ist das Ostersingen verbreitet. Früher gab es fast in jedem Dorf Frauen, die während der Osternacht die Auferstehungsbotschaft verkündeten. So war es auch in Jänschwalde bis in die frühe DDR-Zeit, wie Diana Schuster von den Sängerinnen weiß: „Wahrscheinlich hat unser Ostersingen vor genau 60 Jahren letztmalig stattgefunden.“ Über die Gründe könne sie nur spekulieren. Möglicherweise gab es keine Vorsängerin mehr. Oder aber hatten die Leute durch die Kollektivierung der Landwirtschaft andere Sorgen. Jedenfalls wurde das Jänschwalder Ostersingen erst im Jahr 2011 wiederbelebt. Ostersonntag werden die zehn Frauen dabei sein, die sich gegen 4 Uhr zum Anziehen der wendischen Tracht treffen und zwei Stunden später wendisch und deutsch singend losziehen. „Der größte Lohn sind für uns die Leute, die hinter den Fenstern stehen und uns anlächeln“, erzählt Schuster.

In Burg im Spreewald sorgt der Kirchgang der Frauen in wendischer Tracht alljährlich für Hunderte Besucher. Diese Tradition wurde vor 16 Jahren wiederbelebt. Die zehn bis 15 Frauen, so berichtet Dagmar Lehmann von der Chorgemeinschaft „Concordia“, laufen in ihren tiefschwarzen wendischen Festtagstrachten vom Hafen zur Kirche, wo sie dann in zwei Reihen die Auferstehungslieder singen. „Sollte es regnen, tragen wir zusätzlich die Polka, ein schwarzes Samtjäckchen, oder aber Stulpen über den Armen“, erklärt Lehmann. Die Burgerin schätzt die pathetische Atmosphäre während des Singens: „Wenn unsere Lieder ertönen, dann ist wirklich Ostern.“

Die polnischen Nachbarn begehen alljährlich am Ostermontag „Smigus-dyngus“. Der Brauch ist über 1000 Jahre alt. Anno 966 ließ sich der polnische Herrscher Mieczko I. taufen und damit stellvertretend alle Polen. So bespritzen sich sehr viele Menschen mit Wasser. Die in Cottbus lebende Polnisch-Lehrerin Marzena Feind erzählt:  „Wir spritzen nur ein wenig. Ich erinnere mich, dass es in meiner Kindheit anders war. Wir warteten sehnsüchtig auf diesen Tag. Die Jungs bespritzten uns mit Wasser. Wir mussten uns oft umziehen. Es war eine schöne Zeit.“