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| 21:01 Uhr

Interview
„Seen schützen Senftenberg vor Hochwasser“

 Wasserwirtschaftler Reinhard Heepe kämpft bereits seit Jahren für die Einbindung der Tagebauseen im Rahmen des Hochwasserschutzes, bislang allerdings mit überschaubarem Erfolg.
Wasserwirtschaftler Reinhard Heepe kämpft bereits seit Jahren für die Einbindung der Tagebauseen im Rahmen des Hochwasserschutzes, bislang allerdings mit überschaubarem Erfolg. FOTO: Torsten Richter-Zippack
Senftenberg. Wasserwirtschaftler Reinhard Heepe kämpft für die Nutzung des Lausitzer Seenlandes als Hochwasserspeicher und für die entsprechende Bewirtschaftung der Seen. Von den Behörden fühlt sich der 78-Jährige jedoch nicht ernst genommen.

Sie beklagen seit langem die schleppende Tätigkeit der Behörden bezüglich der Nutzung der Tagebauseen in der Region für den Hochwasserschutz. Was motiviert Sie, dennoch dran zu bleiben?

Reinhard Heepe Mir stehen schon die Tränen in den Augen. Erst kürzlich habe ich mich gemeinsam mit dem pensionierten Bergmann Walter Karge, ebenfalls wie ich ein Senftenberger, mit Fragen zum künftigen Hochwasserschutz an der Schwarzen Elster an das zuständige Ministerium gewandt. Von dort kam die lapidare Antwort, man habe uns schon alles gesagt. Die Bürger werden offenbar einfach nicht ernst genommen. Mich motiviert aber die Überzeugung, mit unseren Ideen dem Seenland und vor allem den dort lebenden Menschen im Hochwasserfall, aber auch bei Niedrigwasser der Schwarzen Elster, weiterhelfen zu können.

Bitte erläutern Sie Ihre Vision: Wie könnte Hochwasser der Schwarzen Elster im Seenland zurückgehalten werden?

 Blick auf den Einleiter von der Schwarzen Elster zum Neuwieser See. Einem Hochwasser wäre dieses Bauwerk nicht gewachsen.
Blick auf den Einleiter von der Schwarzen Elster zum Neuwieser See. Einem Hochwasser wäre dieses Bauwerk nicht gewachsen. FOTO: Torsten Richter-Zippack

Heepe Alles Wasser der Elster über einen Mindestabfluss hinaus gehört in die Seenkette zwischen Hoyerswerda und Senftenberg. Das ist baulich bislang aber nicht möglich. Zwar gibt es am Neuwieser See einen Einleiter, der einst aber zur Flutung dieses Gewässers bestimmt war. Für die Aufnahme eines Hochwassers ist dieses Bauwerk viel zu klein. Wir brauchen dort also einen entsprechend großen und robusten Einlauf. Darüber hinaus sollte eine weitere Einleitstelle in den Partwitzer See entstehen. Diese beiden Einleitstellen machen wasserwirtschaftlich tatsächlich Sinn, um zur Qualitätsverbesserung der Seen vorteilhafte Fließverhältnisse zu schaffen.

Wie hoch schätzen Sie das Speichervolumen der Restlochkette ein?

Heepe Laut meinen Berechnungen handelt es sich um insgesamt rund 65 Millionen Kubikmeter. Dafür hat der Bergbau den Schwankungsbereich des Wasserspiegels entsprechend vorbereitet. Die Behörde geht hingegen von nur 60 Millionen Kubikmetern aus. Zudem möchte ich auf eine weitere Nutzung der Seen hinweisen, denn gespeichertes Wasser steht in den Trockenzeiten für eine Niedrigwasserbewirtschaftung der Schwarzen Elster zur Verfügung. Wenn das zuständige Landesamt für Umwelt nun der Meinung ist, dass eigentlich kein Hochwasser zusätzlich abgeschöpft werden kann, dann sage ich, dass eine kompetente Bewirtschaftung der Gewässer auf jeden Fall die Übernahme von Hochwässern ermöglicht. Denn 60 Millionen Kubikmeter Wasser sind für die Niedrigwasserbewirtschaftung nicht erforderlich.

Wie würden die Senftenberger und die Menschen weiter stromabwärts entlang der Schwarzen Elster profitieren, käme es zu einem Ausbau der kompletten Restlochkette zu einem Hochwasserspeichersystem?

Heepe Meines Erachtens blieben dann die Seestadt und die Elsteranrainer mindestens bis Plessa von Hochwassern verschont. Oder anders gesagt: Das Seenland würde künftig Senftenberg vor einem Zuviel an Wasser schützen, und weiter unterhalb wäre die Hochwasserwelle entsprechend niedriger.

Das Landesamt für Umwelt kommt aber zu anderen Ergebnissen. Demnach müssten die Menschen in Senftenberg und weiter elsterabwärts trotz des Speichers der Tagebauseen mit Hochwasser rechnen. Wie erklären Sie sich diese Differenz?

Heepe Den Leuten wird doch immer erklärt, dass etwas nicht funktionieren würde. Ich sage aber: Geht nicht, gibt’s nicht. Meiner Ansicht nach wird das Lausitzer Seenland als Wasserspeicher behördenseitig noch immer unterschätzt. Ich weiß bis heute nicht, wie die Behörde zu ihren Zahlen kommt. Man muss den Leuten einfach die ganze Wahrheit sagen. Es ist aber nicht zu leugnen, dass bei einer Hochwassersituation in der Region durch die Große Röder ein erheblicher Wasserzulauf vorhanden sein wird, der ab Elsterwerda Schutzmaßnahmen unumgänglich macht.

Woher haben Sie Ihre Zahlen?

Heepe Ich bediene mich öffentlich zugänglicher Quellen, beispielsweise bei der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV). Da ich selbst Wasserwirtschaftler bin, weiß ich die Kenngrößen entsprechend einzuordnen und die notwendigen Berechnungen anzustellen.

Haben Sie Ihre Projekte bereits mit entsprechenden Investitionssummen unterlegt?

Heepe Wissen Sie, über Geld spreche ich nicht. Im Hochwasserschutzprogramm des Bundes sind 250 Millionen Euro für den Ausbau der Tagebauseen als Wasserspeicher eingestellt. Und vielleicht noch eine womöglich provokative Anmerkung: Wer redet denn heute noch über die massiven Kostensteigerungen während des Baues des Koschener Kanals vor rund zehn Jahren? Alle freuen sich über die gelungene technische Lösung. Ich habe diese Meisterleistung vor Jahrzehnten nicht für möglich gehalten.

Welche Aktionen planen Sie für die Zukunft?

Heepe Das Landesamt für Umwelt hat angekündigt, seine vielen Studien zur Wasserproblematik im Lausitzer Seenland im kommenden Herbst vorzustellen. Darauf bin ich bereits sehr gespannt. Mich interessieren dabei in erster Linie die Berechnungsgrundlagen der Behörde. Dazu werde ich mit Sicherheit einige Fragen haben.