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| 17:59 Uhr

Reihenhaus-Neubau sorgt im Urlauberdorf am Senftenberger See für Ärger
Reihenhaus-Neubau bedroht Dorffrieden

Der Bagger hat am Montag Stellung bezogen, die Baugrube ist inzwischen ausgehoben. Den Niemtschern bleibt nur der öffentliche Protest.
Der Bagger hat am Montag Stellung bezogen, die Baugrube ist inzwischen ausgehoben. Den Niemtschern bleibt nur der öffentliche Protest. FOTO: Steffen Rasche
Ein 22-Meter-Haus sorgt in Niemtsch für Ärger. Petition mit mehr als 100 Unterschriften an den Landrat übergeben.

Von Andrea Budich

Niemtsch Im idyllisch gelegenen Urlauberdorf am Senftenberger See mit Campern, Seglern, Schafswiese und Mühle haben sich die Fronten seit Montag verhärtet: Auf der einen Seite eine Baustelle mit einem großen Berg Erdaushub für den Bau eines Reihenhauses, auf der anderen Seite weiße Bettlaken mit der Aufschrift „Kein Reihenhaus im Ortskern“. In der Seegemeinde mit 357 Bewohnern brennt kurz vor Saisonstart die Luft.

Der Unfrieden entzündet hat sich am Bau eines 22 Meter langen und knapp neun Meter hohen Reihenhauses mitten im Dorf. Hauptargument der Gegner: „Die Optik des Dorfes wird massiv zerstört“. Hinzu kommen die Sorgen der unmittelbaren Nachbarn aus dem betroffenen Wohngebiet „Altes Schloss“. Sie befürchten, eine zu enge und klotzige Bebauung könnte ihre Lebensqualität im Grünen deutlich mindern.

Es aber allein auf einen Nachbarschaftsstreit zu reduzieren, lehnt Ortsvorsteher Sven Muntel entschieden ab. „Mindestens das halbe Dorf steht hinter den unmittelbar betroffenen Eigenheimbesitzern“, erklärt er dazu. Ausdruck dessen sind mehr als 100 Unterschriften unter einer Petition, die jetzt bei Landrat Siegurd Heinze (parteilos) auf dem Tisch liegt. „Es wollen noch etliche Niemtscher mehr unterschreiben, die jetzt erst von der Sache Wind bekommen haben. Wir mussten aber schnell handeln und haben daher die Petition erst einmal mit dem Stand der 110 Unterschriften eingereicht“, erklärt Frank Müller. Er gehört zu den beiden Hausbesitzern, die das neue Reihenhaus direkt vor die Grundstückskante gesetzt bekommen. Rückenwind bekommen die verärgerten „Neu-Schloss-Bewohner“ aber von den alteingesessenen. Edelgard Noack und Ulrich Drochol gehören dazu. Beide sind Niemtscher Urgesteine und sich einig: So ein Klotz passt nicht ins Dorf!

Was den Zoff ums Reihenhaus zusätzlich befeuert, ist der ursprüngliche - mit dem Bauschild auch öffentlich gemachte - Plan des Investors, auf dem Land zwölf Eigenheime zu errichten. Dass jetzt nach acht gebauten Einfamilienhäusern ein Reihenhaus dazukommt, ist für die Schloss-Bewohner ein Wortbruch. Sie fühlen sich hinters Licht geführt und sehen den Wert ihrer Grundstücke schwinden.

Gegen diese Vorwürfe wehrt sich Bauträger Robby Dohnt als Geschäftsführer der ALB Dohnt GmbH . Er habe niemanden hinters Licht geführt, weil allen Bewohnern bekannt ist, dass das Areal zum nicht beplanten Innenbereich gehört. Einen Bebauungsplan, der eine bestimmte Geschossigkeit oder Hausgröße vorschreibt, gibt es nicht. Dies haben die Neu-Schloss-Bewohner gewusst und von der seitens der Stadt Senftenberg gewährten Freiheit in der Bauplanung selbst profitiert.

Die Sorge der Niemtscher, dass es sich bei dem neuen Reihenhaus um einen Klotz handelt, der die dörfliche Idylle verschandelt, versucht er zu entschärfen. Das Gebäude habe die Abmaße eines normalen Doppel-Einfamilienhauses mit einem Erd- und einem Obergeschoss mit Dachschrägen. „Wir halten uns an den Eigenheimcharakter mit anderthalber Geschosshöhe“, will er die Luft aus der Sache nehmen. Und er führt einen Vergleich an: Auf den knapp 900 Quadratmetern Fläche wäre auch Platz gewesen für zwei Stadtvillen mit zwei Vollgeschossen. „Dann hätten wir locker eine Höhe von elf oder zwölf Metern erreicht“, erklärt Robby Dohnt. Zu seiner Verteidigung führt der Bauträger auch ins Feld, dass es in Niemtsch bereits mehrere größere Gebäude gibt. Dazu gehören das frühere Kutscherhaus gleich gegenüber und das weitaus größere Reihenhaus in der Niemtscher Straße, Richtung Ortsausgang. Auch was den Abstand zu den Grundstücksgrenzen der Nachbarn betrifft, werden zwei Meter mehr Platz gelassen als es die Brandenburger Bauordnung vorschreibt.

Glücklich mit dem Reihenhaus an markanter Stelle sind die Niemtscher dennoch nicht. Gegen die von der Unteren Bauaufsichtsbehörde des Landkreises am 28. März erteilte Baugenehmigung haben sie Widerspruch eingelegt und auch Bürgermeister Andreas Fredrich (SPD) zu einem Vor-Ort-Termin eingeladen. „Wir verstehen nicht, warum die Stadt Senftenberg ihr Einvernehmen zu dem Bauvorhaben erteilt hat“, sagt ein enttäuschter Heiko Hausmann als unmittelbar betroffener Nachbar.

In Erklärungsnot gerät Bürgermeister Andreas Fredrich dazu nicht. „Ich bin auch der Meinung, dass das geplante Gebäude nicht ins dörfliche Bild passt, aber rechtlich kann ich nichts gegen den Bau tun“, erklärt er. Auf einen Bebauungsplan habe die Stadt bewusst verzichtet, um allen Bauwilligen ein großes Maß an Freiheit innerhalb der gesetzlichen Vorschriften für die Verwirklichung ihrer Hausbauträume gewähren zu können. „Rechtlich musste aber das Einvernehmen mit dem Bau erteilt werden“, betont Andreas Fredrich.

Auch Landrat Siegurd Heinze verteidigt die Verwaltungsentscheidung zur Erteilung der Baugenehmigung. Er kann die Befürchtungen der Niemtscher zwar durchaus nachvollziehen, verweist aber andererseits darauf, dass sich seine „Mitarbeiter in der Unteren Bauaufsichtsbehörde in ihren Entscheidungen gesetzeskonform an den bestehenden bauordnungsrechtlichen Belangen“ orientieren müssten. Um die Wogen zu glätten bietet der Landrat an, mit Baudezernentin Grit Klug mit den Niemtschern ein Vor-Ort-Gespräch zu führen. Einen Terminvorschlag dazu wird er in den nächsten Tagen unterbreiten. Bis dahin bleibt es dabei: ein Dorf - zwei Fronten. Der Erdaushub geht weiter, die Bettlaken künden vom Zorn der Niemtscher.