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| 02:47 Uhr

Private Investoren sind auf dem Vormarsch

Mit Fördermitteln aus dem europäischen Topf der ländlichen Entwicklung sind die schwimmenden Plattformen von Lausitzfloß im Lausitzer Seenland in Fahrt gekommen.
Mit Fördermitteln aus dem europäischen Topf der ländlichen Entwicklung sind die schwimmenden Plattformen von Lausitzfloß im Lausitzer Seenland in Fahrt gekommen. FOTO: Steffen Rasche/str1
Lauchhammer. Der Förderverein für die ländliche Entwicklung zwischen Altdöbern und Ruhland hat die Kriterien für den Sprung auf die Liste der regionalen Prioritäten geändert. Ein Effekt: Der kommunale Straßenbau punktet nicht mehr stark genug. Das löst Freude und Sorge gleichermaßen aus. Kathleen Weser

Aus den europäischen Fördertöpfen der ländlichen Entwicklung ist in der "Energieregion im Lausitzer Seenland" kräftig investiert worden in nunmehr zehn Jahren. Das ist zwischen Buchwäldchen im Amt Altdöbern und Hermsdorf-Lipsa im Amt Ruhland und dem damit südlichsten Zipfel dieser Förderregion spürbar und ersichtlich.

Und ein neuer Trend wird deutlich: Immer mehr private Investoren, die Arbeitsplätze in den Dörfern sichern und neu schaffen, wagen sich an das aufwendige Programm mit hohen bürokratischen Hürden. Die echte Konkurrenz zu den kommunalen Wunschlisten, auf denen nach wie vor noch der Straßenbau steht, ist auch durch bewusst veränderte Bewertungskriterien provoziert. Die Städte und Gemeinden bestimmen im Förderverein - der Lokalen Aktionsgruppe (LAG) - die regionalen Prioritäten maßgeblich mit. Indirekt haben sie sich damit auch ein neues Problem mit organisiert - aber doch zum Vorteil der Region. In der jüngsten abgeschlossenen Förderrunde, in der bis Oktober 3,5 Millionen Euro des bis zum Jahr 2020 etwa 12,3 Millionen Euro schweren Budgets in Projekten gebunden worden sind, haben private Investitionen den kommunalen Straßenbauvorhaben den Rang abgelaufen.

Nach Grünewalde, einem Ortsteil der Stadt Lauchhammer, ist ein weiteres Rebrecht vergeben worden. Torsten Arlt träumt von einer Wein- und Fruchtmanufaktur im Dorf. Er hat gute Chancen auf eine Förderung.

Die neue Radlerpension am Großräschener See, das Haus 4, soll um einen Radverleih mit Reparaturwerkstatt erweitert werden. Zwei Unternehmer aus der Seestadt kooperieren. Zehn Touren- und drei Elektroräder sollen angeschafft werden, um zahlende Gäste auf Tour schicken zu können und Wertschöpfung im Tourismus zu erzielen.

Der begeisterte Hobby-Imker Sascha Leuschner aus Guteborn will im Dorf eine Schauimkerei mit bis zu 100 Völkern und einen Bienen-Lehrpfad errichten. Ein Nebengelass soll zum Hofladen ausgebaut werden.

Im beschaulichen Hermsdorf plant Sylke Balzer, auf dem eigenen Grundstück eine Eiswerkstatt und ein Terrassen-Café einzurichten. Für den Traum hat sie schon die Schulbank gedrückt. An handgemachten Eis-Kreationen, die den Gaumen der Gäste wohlig kitzeln, wird es nicht fehlen. Das steht schon fest.

Dafür hat es das kommunale Straßenausbauprogramm des Amtes Ruhland nicht auf die Förderliste geschafft. Und auch der Aufzug, der das Rathaus in Ruhland barrierefrei zugänglich machen soll, hat die entscheidende Hürde der Förder-Vorrunde denkbar knapp gerissen.

"Wir freuen uns trotzdem darüber, dass privates Engagement jetzt offensichtlich zunimmt und die Antragsteller auch die guten Förderchancen für Vorhaben der Daseinsfürsorge nutzen", sagt Roland Pohlenz (parteilos), der Bürgermeister der Stadt Lauchhammer und Vorsitzende des Fördervereins der Energieregion. Den Zugriff findet er gut und richtig. Die Sorge darüber, dass im Land Brandenburg derzeit kein anderer Fördertopf für die Verkehrsinfrastruktur im ländlichen Raum vorhanden ist, teilt er aber mit seinen Amtskollegen auch. "Trotzdem sind unsere Prioritäten richtig gesetzt", betont Pohlenz.

Projekte, die einen Finanzbedarf von weniger als einer Viertelmillion Euro beanspruchen, punkten stärker für die regionale Förderliste. Nur ein Platz auf dieser erlaubt es, den Antrag auf die Mittel überhaupt zu stellen. Mehr kleinteilige Investitionen im ländlichen Raum sind die Folge.

Die Stadt Großräschen ist mit dem Ausbau der Hafenstraße knapp unter der Viertelmillion-Schwelle geblieben - und hat die Verkehrsader mit den Zusatz-Pluspunkten auf die Prioritätenliste gehievt.

Das Gedränge am Fördertopf bleibt groß. Aber die Mühe lohnt sich. Das belegen inzwischen viele Erfolgsgeschichten. In Hohenbocka ist eine neue Tagespflegeeinrichtung gebaut und in Betrieb genommen worden. Der Pflegebedarf auf dem Lande steigt. Beata und Rocco Schneidereit haben das aufwendige Antragsverfahren bestritten. Wenn die pflegenden Angehörigen tagsüber ihrer beruflichen Arbeit nachgehen, ist die Tagespflege bereit. In diesem Jahr will das Paar noch Hochbeete anlegen. Denn für die betagten Tagesgäste vom Lande gehört das Gärtnern zum erfüllten Leben.

In der laufenden Förderperiode sind bisher 79 Anträge gestellt worden. 64 haben die Mindestpunktzahl erzielt, die sich aus strengen Bewertungskriterien ergibt - die für kommunale und private Vorhaben absolut gleich sind. Zur Förderung empfohlen hat der Vorstand 54. Denn die Budgets sind auch begrenzt. 8,8 der insgesamt etwa zwölf Millionen Euro sind jetzt gebunden. "Das Investitionsvolumen, das im ländlichen Raum damit akquiriert wird, liegt bei 16,2 Millionen Euro", rechnet Michael Franke, der Regionalmanager der Energieregion im Lausitzer Seenland, auf. Bis zum Sommer läuft die nunmehr vierte Antragsrunde. 2,5 Millionen Euro schwer ist die Fördergeldscheibe, die in diesem Jahr bereitsteht. Dann muss schon auf die Punktlandung beim Kassensturz zum Finale der Förderperiode hingearbeitet werden.

Taufrisch ist der Förderbescheid für die geplante Sanierung der Christuskirche in Schwarzheide. Die evangelische Kirchengemeinde der Stadt will 350 000 Euro in das Gotteshaus investieren. Den Antragstellern fällt es teilweise schwer, alle erforderlichen Unterlagen rechtzeitig beizubringen. Baugenehmigungen sind ein Problem, bestätigt Michael Franke. Er rät vor allem dazu, diese Anträge beim Landkreis frühzeitig zu stellen. Denn ohne vollständige Antragsunterlagen darf die Bewilligungsbehörde des Landes das Fördergeld nicht fließen lassen.

Noch vor dem Zieleinlauf ist der Seenlandverband für den Ausbau der touristischen Infrastruktur am Seestrand Großkoschen. Parkplätze und Radwege am Familienpark sind geplant (Investitionsvolumen: 450 000 Euro).

Das Umnutzen eines Nebengelasses auf einem Dreiseitenhof in Saalhausen für Reittouristen und Urlauber mit Haustieren (200 000 Euro) und der zweite Bauabschnitt für den Dorfanger Großkoschen mit der Angerstraße sowie dem Kirchplatz, dem Festplatz und der Streuobstwiese (1,24 Millionen Euro) sind noch offen. Die Projekte sind in der Region hoch bewertet worden, hatten aber Anlaufschwierigkeiten im Antragsverfahren.

Zum Thema:
Das LEADER-Programm ist eine Initiative der Europäischen Union. Es heißt "Liaison Entre Actions de Developpement de I'Economie Rurale", zu deutsch Verbindung zwischen Aktionen zur Entwicklung der ländlichen Wirtschaft. Das Fördergebiet der Energieregion im Lausitzer Seenland erfasst den ländlichen Raum zwischen den Ämtern Altdöbern und Ruhland auf einer Fläche von 728 Quadratkilometern mit 75 000 Einwohnern (103 Einwohner/Quadratkilometer).