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| 13:26 Uhr

Meine Heimat Oberspreewald-Lausitz
Um Haus, Hof und Heimat gekämpft

 Herbert Glatz besitzt noch ein handgemaltes Bild von seinem Elternhaus. 1929 ist dieses einem massiven Wohnhaus gewichen, in dem der Rentner seit 1934 lebt. Ehefrau Helga wollte nicht mit aufs Foto. „Keiner will in der Zeitung eine alte Frau sehen“, schob sie als Grund vor. Am 14. Juli 2012 würde sie eine Ausnahme machen, wenn das Paar Eiserne Hochzeit feiert.
Herbert Glatz besitzt noch ein handgemaltes Bild von seinem Elternhaus. 1929 ist dieses einem massiven Wohnhaus gewichen, in dem der Rentner seit 1934 lebt. Ehefrau Helga wollte nicht mit aufs Foto. „Keiner will in der Zeitung eine alte Frau sehen“, schob sie als Grund vor. Am 14. Juli 2012 würde sie eine Ausnahme machen, wenn das Paar Eiserne Hochzeit feiert. FOTO: Uwe Hegewald
Pritzen. „Heimat ist, wo wir unseren Lebensfaden festgemacht haben“, sagt ein Sprichwort. Die RUNDSCHAU besucht Menschen, um zu erfahren, wann, warum und wo sie ihren Lebensfaden im Kreis festgemacht haben. Heute: Helga und Herbert Glatz (Pritzen). Von Uwe Hegewald

Zum nunmehr 20. Mal bittet der Heimatverein Pritzen Ende Juni zum Heimatfest. Trotz gesundheitlicher Einschränkungen wird es sich Herbert Glatz nicht nehmen lassen, bei dem Fest vorbeizuschauen, das „seine“ Helga vor zwei Jahrzehnten mit ins Leben gerufen hat.

Sie war auch die Ideengeberin, dem klassischen Dorffest den Namen „Heimatfest“ zu verleihen. „Unser Ansatz war es, auch jene Gäste an unserem Heimatfest teilhaben zu lassen, die ihre Heimat verloren haben“, nennt sie den Hintergrund. Nebendorf, Neudorf, Klein- und Groß Jauer, Buchholz zählt sie auf – allesamt Dörfer, die dem Braunkohletagebau Greifenhain weichen mussten.

Auch Pritzen stand kurz vor der Devastierung. 477 Einwohner hatten ihre Grundstücke aufgegeben, den Ort und somit ihre vertraute Heimat verlassen. Bis auf Helga und Herbert Glatz, die sich weigerten. „Wir verkaufen unser Grundstück nicht“, sagte sich das Paar. Auch in der Sorge, fortan Repressalien ausgesetzt zu sein. Unvergessen bleiben Momente, als Helga Glatz bei einer nächtlichen Heimfahrt dauerhaft von einem Auto verfolgt wurde oder als ihr Mann mitten in der Nacht von fremden Personen abgeholt wurde. „Mir schossen tausende Gedanken durch den Kopf“, so die Pritzenerin, die nur noch ungern über das Erlebte spricht. „Man muss damit auch mal abschließen. Es sind genug Tränen vergossen worden“, sagt sie. Ehemann Herbert ergänzt: „Wir wussten, dass der Tagebau nicht wegen uns anhalten wird, sahen uns aber im Recht, den Preis zu verlangen, den unser Grundstück wert ist.“

Nicht mit Geld aufzuwiegen seien der Verlust der Heimat und der Wegzug aus dem Dorf, in dem er geboren wurde und im dem das Elternhaus stand. Ein handgemaltes Bild erinnert an das schilfgedeckte Bauernhaus, das 1929 einem massiven Neubau gewichen ist. 90 Jahre sind dem neuen Wohnhaus nicht anzumerken, in dem die Töchter Gudrun und Gisela aufwuchsen und in dem zur Wendezeit Funktionäre um Einlass baten, um mitzuteilen, dass der Bergbau kein Interesse mehr am Kauf des Grundstücks habe. Fortan leben Helga und Herbert Glatz in der Gegenwart, blicken in die Zukunft und lassen die Vergangenheit hinter sich zurück.

1994 erfolgte die Restauskohlung des Tagebaus Greifenhain, Pritzen blieb als Halbinsel stehen, frühere und neue Bewohner kehrten zurück. „Wir leben zwar etwas abgelegen, aber dafür ausgesprochen ruhig. Es ist hier einfach wunderschön“, beschreibt Helga Glatz die Wohnsituation in der Ortslage von Altdöbern. Auch wenn die Kern-Gemeinde Altdöbern rund 15 Kilometer entfernt liegt, weil immer um den Altdöberner See herumgefahren werden muss. Viele Mosaiksteine hätten sich zusammengefügt, und auch die Familie sei enger aneinandergerückt. „Nebenan lebt unser Enkelsohn André Lehnigk mit seiner Frau Michaela und den Kindern Willy (17) und Anna (11). Dass sie hierhergezogen sind, ist ein Segen für uns“, stellt das Paar klar.

Mit größter Bewunderung berichten sie, wie sich die Enkel-Schwiegertochter, eine ausgebildete Altenpflegerin, um den teils pflegebedürftigen Schwieger-Opa kümmert. „Sie macht das mit einer Hingabe und Fürsorglichkeit, obwohl sie das als angeheiratete Enkeltochter gar nicht müsste“, schwärmt Helga Glatz. Und sie schwärmt vom gesamten Dorf, das wieder ins Lot gekommen sei. Das Gros der Mitbürger bringe sich ein, wenn es Traditionen zu pflegen gilt, der Maibaum aufgestellt und Kirmes gefeiert wird.

Seit vergangenem Jahr passiert das gemeinsam mit dem benachbarten Lubochow (Gemeinde Neu-Seeland). Der dortige Verein LaLeLu (Landleben Lubochow) und der Heimatverein Pritzen hätten die gemeinsame Kirmes auf eine neue, höhere Stufe gehoben. „Das ist schon fast wie früher, als zur Kirmes alle Fenster geputzt und mehrere Bleche Kuchen gebacken wurden“, blickt Helga Glatz mit einem Augenzwinkern zurück. Dass es mit den beiden Dörfern funktioniert, wie nie zuvor, machen sie und Ehemann Herbert auch am Pritzener Vereinsvorsitzenden fest: Frank Heinrich. Ein Zugezogener, der an Pritzen hänge, wie Leute, die tief mit dem Dorf verwurzelt sind.

Wie innere Verbundenheit zum Ort aussieht, ist bei den jährlichen Heimatfesten zu erleben, wenn sich Personen in den Armen liegen, die sich lange nicht begegnet sind. Mit dem Treffen schafft der der Heimatverein eine Wiedersehenskultur. Das alles wird gewürzt mit einem kleinen Unterhaltungsprogramm, frischen Bohnenkaffee, Blechkuchen und anregenden Plaudereien über Pritzen, das von der Überbaggerung für die Kohle verschont geblieben ist. Aber auch über benachbarte verschwundene Dörfer, deren Bewohner weniger Glück hatten.

 Herbert Glatz besitzt noch ein handgemaltes Bild von seinem Elternhaus. 1929 ist dieses einem massiven Wohnhaus gewichen, in dem der Rentner seit 1934 lebt. Ehefrau Helga wollte nicht mit aufs Foto. „Keiner will in der Zeitung eine alte Frau sehen“, schob sie als Grund vor. Am 14. Juli 2012 würde sie eine Ausnahme machen, wenn das Paar Eiserne Hochzeit feiert.
Herbert Glatz besitzt noch ein handgemaltes Bild von seinem Elternhaus. 1929 ist dieses einem massiven Wohnhaus gewichen, in dem der Rentner seit 1934 lebt. Ehefrau Helga wollte nicht mit aufs Foto. „Keiner will in der Zeitung eine alte Frau sehen“, schob sie als Grund vor. Am 14. Juli 2012 würde sie eine Ausnahme machen, wenn das Paar Eiserne Hochzeit feiert. FOTO: Uwe Hegewald