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| 01:33 Uhr

Potsdamer: „Es lohnt sich, nach Senftenberg zu fahren“

Am vergangenen Wochenende besuchte ein Potsdamer Lehrerehepaar die vorerst letzte Aufführung des diesjährigen GlückAuf-Festes der Neuen Bühne Senftenberg. Voll künstlerischer Begeisterung kehrten sie von der „Provinz“ in die Landeshauptstadt zurück.

Andreas Flämig schreibt u. a.:

Da schlagen theaterverwöhnte Potsdamer die Zeitung auf und lesen lobende Rezensionen von einer Inszenierung von Goethes „Faust I und II“ an der Neuen Bühne Senftenberg. Von Potsdam bis nach Senftenberg sind es anderthalb Autostunden. Während dieser Fahrt wird Rückschau gehalten: immerhin ist man mit mehreren „Fäusten“ in verschiedenen Theatern gewaschen. Lohnt es sich da überhaupt, in die „Provinz“ Senftenberg zu fahren„ Hält man das überhaupt durch, neun lange Theaterstunden diesem Klassiker-Text zu lauschen, dessen zweiter Teil eigentlich gar nicht spielbar ist“ Und wie es sich gelohnt hat!
Schon der freundliche Sektempfang am Theatereingang durch den Geheimrat Goethe (Sybille Böversen) lässt aufhorchen. Dem folgen noch weitere, höchst positive Überraschungen, humorvoll-intelligente, musikalische, darstellerische und vor allem inszenatorische, den ganzen Abend lang, der nie Langeweile aufkommen ließ, sondern zum ungeteilten Vergnügen für Auge und Ohr geriet.
An dieser Stelle seien nur einige Gedankensplitter erlaubt, die zuvorderst die Wahl der Aufführungsorte loben müssen! Reichlich zwei Zeitstunden sitzt man, welch glücklicher Regieeinfall, „mitten drin“ im „Faust I“ , ob im Himmel, im Studierzimmer, vor dem Tor, in Auerbachs Keller, Gretchens Zimmer oder Marthes Garten. Pausenlos mischen sich „Zuschauer“ sprechend oder singend in das Geschehen mit ein. Man ist nicht „romantisch glotzender“ Gast, sondern befindet sich auf Augenhöhe mit dem köstlich aufspielenden „Mephisto I“ (Heinz Klevenow). Man möchte den polternden Studenten lieber aus dem Wege gehen oder der erzkomödiantischen Marthe (Catharina Struwe) eine Rose der Begeisterung zuwerfen, desgleichen dem armen, anrührend verzweifelten Gretchen (Anna Hopperdietz). Dieses „Dabeisein“ hält den ganzen Abend an. Per Bustransfer ist man wenig später am Kaiserhof und feiert (in der Sparkasse Niederlausitz) kräftig mit Karneval, Freibier und Konfetti-Regen inklusive, um wenig später von Prof. Wagner (Christian Mark) zu einer naturwissenschaftlichen Vorlesung an der Fachhochschule Lausitz begrüßt zu werden, in dessen Mittelpunkt die Geburt von Homunkulus steht. Im antiken Griechenland (Festungsanlage Senftenberg) hält der rührige Förderverein mediterrane Köstlichkeiten bereit, und in Decken eingehüllt und von wärmenden Feuern umgeben, erlebt man im Renaissance-Schlosshof Helenas Hochzeit mit Faust, aber auch Geburt und Tod ihres gemeinsamen Sohnes Euphorion.
Weit nach Mitternacht sitzt man ein letztes Mal im Bus, wenig später in einer kühlen Maschinenhalle am Rande eines Tagebaus. Auf der einen Seite dieser düster wirkenden Halle trotzt Faust dem Meere Land ab, dabei die Hütte des urkomisch agierenden Paares Philemon und Baucis (Christian Mark und Catharina Struwe) zerstörend, vis á vis stirbt dann Faust mit den berühmten monologischen Worten „Zum Augenblicke dürft' ich sagen . . .“ .
Zu eben jenem neunstündigen Augenblick dieser Senftenberger „Fäuste“ ist in der Tat zu sagen: „Verweilet doch, ihr seid so schön!“
Denn da hat ein „kleines“ Theater ganz groß aufgespielt! Da hat ein, man glaubt es nicht, 17-köpfiges Schauspielensemble ganze Arbeit geleistet! Da durfte man viele Stunden lang wirklich guter vokaler und instrumentaler Musik lauschen, dargeboten von der Gruppe „Wallahalla“ .
Da hat die ganze Belegschaft der Neuen Bühne Hand angelegt, einen höchst anspruchsvollen Klassiker geschultert und sich dabei nicht überhoben. Ganz im Gegenteil!
Da ist eine ganze Region zusammengewachsen, hat Räume zur Verfügung gestellt, Busse gesponsert, hat mitgesungen, mitgespielt und mitgetanzt, Fahrdienste geleistet, und Feuer entfacht, Holzkohlenfeuer und Feuer der Begeisterung - bei eben jenem Ehepaar und bei allen dabei gewesenen Zuschauern!