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Plinse-Marathon auf dem Bauernhof

Marino Römuss ist der Viertgeborene der elfköpfigen Familie Römuss und Öko-Landwirt. Zu den Flächen, die der 40-jährige Einzelunternehmer bewirtschaftet, zählen mehrere Äcker vor und hinter dem Dorf, das zur Gemeinde Altdöbern zählt.
Marino Römuss ist der Viertgeborene der elfköpfigen Familie Römuss und Öko-Landwirt. Zu den Flächen, die der 40-jährige Einzelunternehmer bewirtschaftet, zählen mehrere Äcker vor und hinter dem Dorf, das zur Gemeinde Altdöbern zählt. FOTO: Uwe Hegewald/uhd1
Peitzendorf. Der Oberspreewald-Lausitz-Kreis umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Station heute: Peitzendorf (Gemeinde Altdöbern). Uwe Hegewald / uhd1

"In Peitzendorf werden Plinse nur auf einer Seite gebacken. Weil auf der anderen Seite keine Häuser stehen", heißt es in einem Kalauer, der immer dann zitiert wird, wenn in einem Ort nur an einer Straßenseite Häuser stehen. In Peitzendorf ist das der Fall. "Selbstverständlich werden Plinse auch hier von beiden Seiten gebacken", stellt Karen Römuss richtig. Als die 64-Jährige vor 30 Jahren den Tiegel auf den Herd stellte, bahnte sich ein Plinsebacken-Marathon an. "Schuld" waren Sandra, Janine, Aldo, Marino, Miguel, Daniella, Norina, Djamila, Guido, Dario und Nico - allesamt Kinder von Karen Römuss und ihrem 2014 verstorbenen Mann Günther. "1976 sind wir hierher gezogen. Zu der Zeit ging gerade der Tagebau Greifenhain an Peitzendorf vorbei", erzählt die elffache Mutter. Für die Nähe und Betreuung der Sprösslinge von Vorteil: Der Arbeitsplatz befand sich nur wenige Schritte vom Wohnhaus entfernt. "Nachts ging es rüber in den Stall, um die Milchkühe zu melken, anschließend zurück, um den Kindern das Frühstück zu machen und die Schulbrote zu schmieren."

Schmerzlich: In Peitzendorf gab es noch nie eine Verkaufsstelle für Lebensmittel. "Alles musste mit dem Fahrrad aus dem drei Kilometer entfernten Altdöbern herangeschleppt werden", blickt Karen Römuss zurück. Und auch das hat die taffe Mutter nicht vergessen: "1979 haben wir an Honecker geschrieben, die Situation geschildert und um vorzeitige Zustellung eines Autos gebeten. Vier Wochen später stand der Wartburg Tourist auf dem Hof." Als großen Gewinn sieht sie es an, dass heute zweimal wöchentlich ein Bäcker- und ein Fleischerauto im Dorf halten.

Peitzendorf hat das Gesicht verändert. Als der Tagebau vorbeizog, türmten die Absetzer den Abraum zu einer gewaltigen Hochkippe auf, die den Ort einen Hauch von Thüringer Wald vermittelte. Doch die Hochkippe mit ihrer zurückgekehrten Flora und Fauna sorgt auch für Sorgenfalten. An der Nahtstelle zum Dorf stehen Sperrschilder, die das Betreten und Befahren der Kippenflächen untersagen. "Das gilt aber nur in eine Richtung und nur für Menschen. Wildschweine ignorieren die Anweisung", hadert Marino Römuss. Rotten von bis zu 80 Wildschweinen habe er schon gezählt, die seinen Weg kreuzten. Auf Schwarzkittel ist der 40-Jährige gar nicht gut zu sprechen, verursachen diese doch Schäden in Größenordnungen. 2014 hatte er den seit 1994 geführten Landwirtschaftsbetrieb Römuss von seiner Mutter übernommen, den er jetzt als landwirtschaftlicher Einzelunternehmer weiterführt - mit Herausforderungen, deren Ursachen ebenfalls in der Tagebaufolgelandschaft liegen. Ein unzureichendes Wassermanagement sorge im Frühjahr und bei intensiven Niederschlägen für vernässte Felder. Zudem bahnen sich Unkräuter ihren Weg von Sperrflächen auf die Peitzendorfer Äcker. "Als Öko-Landwirtschaftsbetrieb kann ich diesen nur mechanisch ohne den Einsatz von Unkrautbekämpfungsmitteln begegnen", begründet Marino Römuss. Wie lange der Aufwand überhaupt noch lohne, wisse keiner. Schon einmal musste die Familie die Reißleine ziehen, als sie sich von der Rinderzucht verabschiedete. Gesundheitliche Gründe und Attacken von Kolkraben auf Kälber machten den Schritt erforderlich. Eine Wiederaufnahme der Tierproduktionen will der Landwirt nicht ausschließen, das hänge aber auch von der Weiterentwicklung der Wölfe auf der Altdöberner Hochkippe ab. "Ab und zu blickt er schon mal durchs Kiefern dickicht", erzählt Karen Römuss.

Anneliese Gericke kann das bestätigen. "Wir haben den Wolf schon am helllichten Tag gesehen, ebenso Spuren, die Richtung Dorf führten", so die Rentnerin. "Für meine Kaninchen, Enten und Hühner wird er sich wohl nicht interessieren", sagt die Besitzerin eines Wachhundes. Anders habe sich die Situation im Sommer 1889 dargestellt. Damals wurden auf den Wiesen bei Peitzendorf australische Bennett-Kängurus ausgesetzt, die dort über acht Jahre lang durchs Terrain hüpften und danach ausgemerzt wurden. Kontakte nach Australien bestehen bis heute. Momentan ist die dorthin ausgewanderte Enkeltochter mit ihrem Mann zu Besuch bei Anneliese Gericke. Im Wohnhaus geboren, hat die rastlose Seniorin alle jüngeren Epochen im Dorf miterlebt. "Wir hatten eine relativ unbeschwerte Kindheit und auch immer eine große Anzahl an Kindern, sodass es nie langweilig wurde", erzählt sie. Der Zusammenhalt sei prächtig gewesen und der Kontakt zu Einwohnern, die früher im Dorf gelebt haben, nie abgerissen. "Wenn Nachbarn zum Einkaufen nach Altdöbern gefahren sind, haben sie immer gefragt, ob sie etwas mitbringen können", lobt sie

Zum Thema:
Peitzendorf stand stets in enger Verbindung zum Rittergut Altdöbern. Bei Besitzerwechseln gab es das Dorf immer als Bonus dazu. Hier befanden sich auch ein Pferdestall der Altdöberner Edelleute sowie eine Reitanlage. Heute leben 13 Einwohner im Dorf an der L 523, die einst eine imposante Roteichenallee bildete. In den zurückliegenden Jahren mussten zahlreiche kranke Bäume gefällt werden. Als Auslöser gelten der Wasserüberschuss und eine daraus resultierende, permanente Vernässung.