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| 17:19 Uhr

Naturschutz
Plakette für echten Kirchenschatz

Hier bringen Dirk Ilgenstein (l.) Präsident des Landeamtes für Umwelt, und der Ortrander Amtsdirektor Kersten Sickert die Fledermaus-Plakette an.
Hier bringen Dirk Ilgenstein (l.) Präsident des Landeamtes für Umwelt, und der Ortrander Amtsdirektor Kersten Sickert die Fledermaus-Plakette an. FOTO: Richter-Zippack
Großkmehlen. „Wir geben der Fledermaus ein Haus“ heißt es jetzt am Großkmehlener Gotteshaus. Von Torsten Richter-Zippack

Die Großkmehlener Sankt-Georgs-Kirche ist weit über die Gemeinde- und Landesgrenzen hinaus bekannt. Schließlich beherbergt sie die weltberühmte Silbermann-Orgel, die anno 2018 seit genau 300 Jahren besteht. Doch gibt es im Gotteshaus einen weiteren echten Kirchenschatz. Einen, der sogar lebt. Denn hoch oben im Kirchturm leben rund 400 Große Mausohren in ihren Wochenstuben. Die Tiere mit einer Flügelspannweite bis zu 45 Zentimetern sind die größte heimische Fledermausart. Wochenstube bedeutet so viel wie Kindergarten. Schließlich bringen dort die weiblichen Tiere ihren Nachwuchs zur Welt und ziehen ihn auf. Mehr noch: In ganz Brandenburg, so erklärt Jens Teubner vom Landesamt für Umwelt, gibt es lediglich 19 Wochenstuben des Großen Mausohres. „Es handelt sich daher um einen unserer wertvollsten Naturschätze“, resümiert der Experte. Etwa ein Zehntel des landesweiten Bestandes lebe im Großkmehlener Kirchturm.

Jetzt wurde an einen Pfeiler des Kircheneingangsbereiches eine Tafel des Landesamtes für Umwelt angebracht. „Wir geben der Fledermaus ein Haus“ ist dort zu lesen. Und tatsächlich: „Unsere Kirchgemeinde bietet nicht nur den Gläubigen Platz“, sagt Pfarrer Thomas Brilla. Es ist in Großkmehlen bereits die zweite Plakette. Bereits im Sommer 2014 wurde ein Exemplar an eine Familie im Oberweg verliehen.

Gisela Uhl aus Grünewalde hat sich rund drei Jahrzehnte um die Kmehlener Fledermäuse gekümmert. Die Grünewalder Naturschützerin erinnert sich, dass die Tiere nicht immer im Kirchturm wohnten. „Dieses Wochenstuben-Quartier ist seit dem Jahr 1985 bekannt. Es befand sich ursprünglich im gegenüberliegenden Schloss“, sagt Uhl. Dort war zu DDR-Zeiten ein psychiatrisches Pflegeheim untergebracht. Tag für Tag wurde dort für die Bewohner das Essen gekocht. Und über dem Abluft-Kamin mit seinen warmen Dämpfen fühlten sich die geflügelten Säuger offenbar sehr wohl. „Die Leute im Heim fragten mich immer, wenn ich zur Zählung kam, ob ich wieder zu meinen Mäusen gehe“, erinnert sich Gisela Uhl schmunzelnd.

Nach der Wende zogen die Behinderten aus. Das Schloss wurde umfassend rekonstruiert. Haben die Fledermäuse anfangs das Pochen, Sägen und Hämmern noch hingenommen, auch dank einer aufgespannten Plane zwischen Arbeitern und Wochenstube, zogen sie dann doch aus. Das Vorkommen, so Gisela Uhl, verteilte sich auf drei Standorte, zum einen auf die Ruhlander Kirche und ein Wohnhaus in der Elsterstadt, auf das Gotteshaus in Lindenau und eben auf die nur einen Steinwurf entfernte Sankt-Georgs-Kirche Großkmehlen. So bezogen die Großen Mausohren einen, für Menschen nur mit großen Mühen erreichbaren Bereich im Turm.

Inzwischen hat Gisela Uhl ihre Beobachter- und Zähltätigkeit in jüngere Hände übergeben. Der Großräschener Günter Walczak kümmert sich nun um die geflügelten Säuger. Zweimal im Jahr komme er und zähle die Fledermaus-Weibchen durch. Erst im Mai sei er vor Ort gewesen. „Da hängen sie eine Etage tiefer. So lässt sich der Bestand besser abschätzen“, erklärt der Naturschützer. Ansonsten seien die Tiere im engen Gebälk über den Glocken anzutreffen. In diesen Tagen werde indes der Nachwuchs erwartet. Jedes Weibchen bringe pro Jahr lediglich ein Junges zur Welt. Dafür können die Säuger bis zu 25 Jahre alt werden.

Übrigens: Die Großen Mausohren jagen um Umkreis von zehn bis 15 Kilometer um ihr Zuhause. Hauptnahrung sind Insekten. Eine einzige Fledermaus kann in wenigen Monaten bis zu 60 000 Mücken vertilgen. Wer bei schönem Wetter in der Abenddämmerung zum Kirchturm kommt, kann den Ausflug der nachtaktiven Jägerinnen hautnah miterleben.

Der Großkmehlener Fledermaus-Kindergarten soll dauerhaft erhalten werden. Falls es mal wieder zur einer Dachsanierung kommt, empfiehlt Experte Jens Teubner, die Arbeiten unbedingt außerhalb der Wochenstuben-Zeit durchzuführen. „September und Oktober wären dafür günstige Monate.“

Indes würden immer mehr Menschen beim Landesamt für Umwelt anrufen und ihre Fledermaus-Beobachtungen auf heimischem Grund und Boden durchgeben. Brandenburgweit, so schätzt Teubner, gebe es zwischen 60 bis 80 ehrenamtliche Naturschützer, die sich um die Fledermäuse kümmern. „Wer an seinem Haus entsprechende Tiere feststellt, sollte sie entweder bei uns oder bei den unteren Naturschutzbehörden melden. So bekommen wir zeitnah einen guten Überblick.“