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| 16:27 Uhr

Kein Geld für Bahnhofsklo in Ruhland
Pfützen und Häufchen: im neuen Ruhlander Bahnhofstunnel stinkt’s

Urinpfützen lassen den neu gebauten Personentunnel im Bahnhof Ruhland wenige Monate nach seiner Freigabe zum öffentlichen Pissoir verkommen. Solange es kein WC im Umfeld gibt, wird die Pfützenlandschaft wachsen. Bahn und Stadt schieben sich indes gegenseitig den Schwarzen Peter zu.
Urinpfützen lassen den neu gebauten Personentunnel im Bahnhof Ruhland wenige Monate nach seiner Freigabe zum öffentlichen Pissoir verkommen. Solange es kein WC im Umfeld gibt, wird die Pfützenlandschaft wachsen. Bahn und Stadt schieben sich indes gegenseitig den Schwarzen Peter zu. FOTO: Rasche FOTOGRAFIE / Steffen Rasche
Ruhland. Anrüchiges Klo-Problem hängt den Ruhlandern in der Nase. Beim 70-Millionen-Euro-Bahnhofsprojekt gibt es keinen Cent für öffentliche Toiletten. Bürgerprotest wächst. Von Andrea Budich

Das versteht in der Elsterstadt kein Mensch: Der über Jahrzehnte runter gewirtschaftete Bahnhof wird seit drei Jahren mit über 70 Millionen Euro als größtes Infrastrukturvorhaben der Bahn in der Lausitz von Grund auf auf Vordermann gebracht und zu einem leistungsfähigen Knoten mit allem Pipapo ausgebaut. Für ein einfaches Toilettenhaus gibt es aber keinen Cent. Das stinkt den Ruhlandern und vor allem den 1000 Umsteigegästen täglich gewaltig.

Das anrüchige Problem hat bei der jüngsten Stadtverordnetenversammlung für eine hitzige Debatte gesorgt, weil sich das Verständnis der Ruhlander für ein Vorzeige-Millionenprojekt ohne öffentliche Toiletten in Grenzen hält.

Die Bahn hebt abwehrend die Hände. Die Stadt, die mit der Neugestaltung des Bahnhofsvorplatzes zu einem schicken Busbahnhof gleichfalls mit guten zwei Millionen Euro im Boot sitzt, auch. „Da ist es doch vorprogrammiert, dass der neue Personentunnel schon kurz nach der Freigabe zum Pissoir verkommt“, schimpft Brigitta Thürmer. Sie ist selbst Fahrgast, wenn sie zum Arzt nach Cottbus mit der Bahn fährt. „Im neu gebauten Tunnel muss man jetzt schon von Pfütze zu Pfütze mit üblem Uringestank hüpfen“, empört sie sich. Sogar einen Haufen hat sie schon gesehen. Auch für den Ruhlander Horst Raack ist der Bau einer öffentlichen Toilettenanlage unverzichtbar. Er führt Beispiele aus Görlitz, Lübben und Spremberg ins Feld, wo es auch zu Lösungen gekommen ist.

„Mit Görlitz können wir uns von der wirtschaftlichen Finanzkraft her aber nicht vergleichen“, führt Amtsdirektor Roland Adler ins Feld. Innerhalb der Neugestaltung des Busbahnhofes sei seitens der Stadt kein öffentliches WC vorgesehen. Mit dem Bau, Betrieb und Unterhalt einer Toilettenanlage wäre Ruhland aus Sicht des Amtsdirektors restlos finanziell überfordert. Auch im einstigen Bahnhofsempfangsgebäude könnten keine Toiletten eingebaut werden, weil das Haus von der Bahn an einen Privatmann aus der Schweiz verkauft wurde.

Über das Pipi-Problem hat Roland Adler schon mehrfach mit der Bahn und dem Verkehrsverbund diskutiert. Ohne Lösung. „Die Bahn bleibt bei ihrem Nein“, sagt er. Das bestätigt auf Nachfrage auch Bahnsprecherin Erika Poschke-Frost aus Leipzig. Öffentliche Toiletten in kleineren Bahnhöfen vorzuhalten, sei nicht Aufgabe der Deutschen Bahn. „Das ist in erster Linie eine kommunale Sache“, so die Bahnsprecherin. Das sieht die Arbeitsgebietsleiterin Operations der Bahn, Katja Frömter, genauso. Sie verweist in einem Antwortschreiben an Brigitta Thürmer darauf, dass der Busbahnhof ein Bauvorhaben der Stadt sei und damit in keinem Zusammenhang mit dem Bau des Bahnhofes stehe. Den Bürgerhinweis zu den fehlenden Toiletten wolle die Bahn gern an die Stadt weitertragen.

Unterm Strich sei es für die Bahn nicht wirtschaftlich, Toiletten an Bahnhöfen zu betreiben und zu unterhalten. Nur im Einzelfall werde daher geprüft, ob ein Betrieb von Toiletten durch Dritte in einem Nahverkehrsbahnhof unterstützt werde.

Diesem Dritten würde auch die Stadt Ruhland einen roten Teppich ausrollen. Da es ihn aber bisher nicht gibt, bleibt es dabei: Die Bahn verlängert Bahnsteige, baut einen Personentunnel und lässt ihn sogar von Dresdener Künstlern ausgestalten, baut neue Weichen, Gleise und als Sahnehäubchen ein elektronisches Stellwerk - lässt jedoch die Reisenden mit ihrer Notdurft allein zurück. Der Protest dazu wächst in Ruhland.