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| 01:10 Uhr

Pfiffiges Duo kurbelt am Job-Motor

Senftenberg/Hoyerswerda.. Als Frischgemüse sind Shii-Take aus Lausitzer Produktion seit gut einem Jahr in der Region im Handel. Der asiatische Kulturpilz, dem im Fernen Osten heilende Wirkung nachgesagt wird, wächst im Gewerbegebiet Kühnicht bei Hoyerswerda. Das ist eigentlich dem Zufall zu verdanken – und dem Umstand, dass ein Vollblut-Wissenschaftler einen cleveren Wirtschaftsförderer getroffen hat. Von Kathleen Weser

Das pfiffige Doppel: Prof. Dr. Klaus-Peter Stahmann, Prodekan des Fachbereichs Bio-, Chemie- und Verfahrenstechnik der Fachhochschule Lausitz (FHL), und Dr. Günter Seifert, Senior-Consultant der Entwicklungsgesellschaft Scheibe. Das interkommunale Unternehmen haben die kreisfreie Stadt Hoyerswerda und die Einheitsgemeinden Lohsa und Spreetal (Landkreis Kamenz) ins Leben gerufen. Um eine neue gewerbliche Struktur in der Lausitz zu schaffen, die auf vielen Arbeitsfeldern basiert und eben nicht beim nächsten großen Wackeln wieder den Zusammenbruch einer ganzen Region hervorruft, wie in der Ära „nach der Kohle“ geschehen.
Zunächst ohne Kenntnis der lokalen Initiative hat der Fachhochschul-Professor mit Studenten einen Verein gegründet, „denn auchg eigentlich Fremden wird hier schnell klar: In der Region muss was getan werden“ , stellt Klaus-Peter Stahmann rückblickend fest. Zur Pilz-Forschung hat er im Lausitzer Technologiezentrum (Lautech) Hoyerswerda einen Vortrag gehalten. Das war vor drei Jahren. Dr. Günter Seifert, der vor der Wende für die Entwicklung des Gaskombinates „Schwarze Pumpe“ verantwortlich war, saß unter den Gästen - und wurde sofort hellhörig. Als langfristig erschließbare heimische Ressource gilt der Waldreichtum der Lausitz. Shii-Take wachsen entgegen dem Champignon, der am besten auf Nährboden aus Geflügel- oder Pferdemist gedeiht, bestens auf einem Holz-Nährstoff-Gemisch. Der Gewerbestandort Kühnicht hatte noch mehrere leer stehende Hallen zu bieten. Interessenten aus der Region wurden durch persönliche Kontakte gefunden. Inzwischen ist mit der Integra GmbH ein Unternehmen gegründet worden, das die Pilz-Produktion macht. Neben „Globus“ nehmen die Klinikum-Küche und mehrere Restaurants die wohlschmeckend-würzigen Pilze ab. Das Frische-Produkt aus der Lausitz geht im Handel so gut, dass die Anlage bereits erweitert werden musste.
Die Wirksamkeit dieses herausragenden (kleinen) Wirtschaftsförderprojektes für den gebeutelten Arbeitsmarkt hält sich freilich (noch) in Grenzen. Beschäftigungsintensiv ist es nicht. Aber die Aussicht darauf, dass die Job-Maschine durch die asiatischen Kulturpilze in der Lausitz richtig anspringt, besteht durchaus.
Neben der „bäuerlichen Arbeit“ widmen sich Wissenschaftler und Studenten im Rahmen des gegründeten „Netzwerkes für Angewandte Bioproduktion Lausitz e.V.“ der Shii-Take-Forschung. Die heilende Wirkung des Pilzes ist zwar seit Jahrhunderten bekannt. In Japan sind nach dem regelmäßigen Verzehr neben der Stärkung des Immunsystems auch Senkungen der Blut-Cholesterinwerte nachgewiesen worden. Doch die Studien sind in Europa nicht anerkannt. Genaue Daten über Inhalt und Menge von heilenden Wirkstoffen sollen für die Hoyerswerdaer Pilze deshalb erfasst und ausgewertet werden - damit neue Geschäftsfelder eröffnet werden können. „Ein gutes Beispiel für Lebensmittel mit gesundheitsfördernder Wirkung sind Nestle LC 1 und Becel Pro Activ“ , erklärt Prof. Klaus-Peter Stahmann. Produkte, die neben einer schmackhaften Ernährung einen oder mehrere zusätzliche Effekte für die Gesundheit aufweisen können, sind zwar teuer - aber gefragt. Vor allem auf cholesterinsenkende Stoffe trifft das zu. Auf die „neue Welle“ könnten die Shii-Take-Produzenten aufsatteln - vorausgesetzt es gelingt, dieses Potenzial im Pilz nachzuweisen. Exponierte Mikrobiologen wie Stahmann versuchen, die Inhaltsstoffe zu analysieren und die Wirkstoffe zu isolieren, ihre Struktur aufzuklären und das chemische Gegenstück zu synthetisieren, um überzeugende Argumente für den Nachweis zu finden. Wenn das gelingt, stehen außerdem noch die Fragen, wie der Stoff in das Immunsystem gelangt und ob die Shii-Take-Pilze den „heilenden Stoff“ in ausreichender Konzentration hergeben. Eine spannende Forschungsarbeit, „die viele Jahre in Anspruch nehmen und auch mit negativem Ergebnis ausgehen kann“ , sagt Prof. Dr. Klaus-Peter Stahmann. Das hohe Risiko des Miss-Erfolgs sei ein Grund dafür, dass praxisorientierte Forschung in dem Sinne kaum möglich sei, schätzt der Prodekan des Fachbereichs Bio-, Chemie- und Verfahrenstechnik an der Fachhochschule Lausitz kritisch ein. Neben dem berufsbedingten Interesse am asiatischen Pilz zeigt sich Stahmann aber sehr optimistisch, denn: „Selbst wenn das mit dem Nachweis der heilenden Wirkung nicht funktionieren sollte, was passieren kann, der schmackhafte Speisepilz bleibt.“