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Patienten-Angst und Pflege-Stress wegen einer Umleitung

Pflegehelferin Heike Dix studiert den Tourenplan mit Umwegen.
Pflegehelferin Heike Dix studiert den Tourenplan mit Umwegen. FOTO: Scholz
Allmosen/Sedlitz. Die gesperrte B 169 sorgt für Frust bei einem Pflegedienst aus Allmosen. Die Kommune verbietet den Pflegern die Sondernutzung einer Ausweichstrecke. Jan Augustin

Wütendes Herzrasen beim Pflegedienst "Pflege mit Herz" aus Allmosen: Seitdem Anfang Mai die Bundesstraße 169 Richtung Sedlitz gesperrt worden ist, müssen Mitarbeiter bis zu viermal am Tag einen langen Umweg über Großräschen in Kauf nehmen, um ihre Patienten in Sedlitz und Senftenberg zu versorgen. Pflegekräfte sind frustriert, Patienten verunsichert und verängstigt. Das bestätigt Pflegedienst-Leiterin Simone Scholz. Dabei gäbe es eine Lösung für das Problem. Auf einer kleinen Nebenstrecke, die zu Teilen der Lausitzer- und Mitteldeutschen Verwaltungsgesellschaft (LMBV) sowie der Stadt Senftenberg gehört, würden sich die Mitarbeiter die Umleitung sparen.

Das aber will die Stadt Senftenberg nicht zulassen. "Für uns ist das nicht nachvollziehbar. Zumal die Bewilligung einer Sondererlaubnis zur Nutzung sowohl von der LMBV als auch von der Straßenverkehrsbehörde bereits eingeräumt worden ist", ärgert sich Simone Scholz. Für die mit elf Mitarbeitern relativ kleine Pflegestation bedeutet die Abfuhr längere Arbeitszeiten und einen erhöhten Kraftstoffverbrauch. Die Absage der Stadt habe jedoch nicht nur Folgen für ihr Unternehmen. "Eine pünktliche und damit fachgerechte Versorgung insbesondere der Patienten in Senftenberg und Sedlitz gerät derzeit in eine enorme Schieflage", erläutert die 49-Jährige. So kämmen Insulin-Patienten mit den Spritz-Ess-Abständen völlig aus dem Rhythmus. "Patienten, die zusätzlich auf Fahrdienste - wie zum Beispiel zur Dialyse - und damit auf die pünktliche Versorgung durch die Pflegekräfte angewiesen sind, werden durch die entstehenden Verzögerungen verunsichert und verängstigt. Ganz zu schweigen von den Patienten in der Palliativ-Versorgung, die eine Schwester jederzeit und auf Abruf benötigen."

Senftenbergs Bürgermeister Andreas Fredrich (SPD) habe Verständnis für das Anliegen von Simone Scholz - eine Nutzungsgenehmigung für das städtische Weggrundstück könne er dennoch nicht erteilen. Das antwortet das Stadtoberhaupt auf die Anfrage des Pflegedienstes. Der Brief liegt der RUNDSCHAU vor. Das Grundstück ist aktuell nicht als öffentliche Verkehrsfläche gewidmet, begründet Fredrich darin. Insbesondere im Hinblick auf die einsetzende Saison und einen damit verbundenen Rad- und Fußgängerverkehr würden die Stadt, der Zweckverband Lausitzer Seenland und die Straßenverkehrsbehörde des Landkreises OSL Konflikte mit einem möglichen Individualverkehr befürchten. Lediglich die Agrargenossenschaft Großräschen, die mit ihren Fahrzeugen nicht auf Bundesstraßen unterwegs sein darf, sowie der saisonale touristische Verkehr der Seeschlange, hätten eine Sondergenehmigung. "Auch nach dem Gleichheitsprinzip ist es mir nicht möglich, hier eine Ausnahme zu machen", teilt Andreas Fredrich weiter mit.

Simone Scholz ist stinksauer über die Argumentation der Stadt. Dort würden die Interessen der Touristen des Seenlandes über die Bedürfnisse der auf Hilfe angewiesenen, alten oder kranken Bürger gestellt, mutmaßt sie. "Kann es daran liegen, dass der Tourismus Geld in die Stadtkasse bringt, ein kranker Mensch aber leider nicht?", fragt sie verbittert.

Und die Aussichten auf eine wieder pünktliche Versorgung ihrer Patienten sind nicht gerade rosig. Nachdem die Sperrung voraussichtlich kommende Woche wieder aufgehoben wird, stehen die nächsten Baumaßnahmen an der B 169 an. Im Juni sollen die Knotenpunkte mit der B 156 (Richtung Spremberg) und mit der B 96 (Richtung Großräschen) unter halbseitiger Sperrung und Ampelverkehr erneuert werden.