Samstagnacht Punkt elf auf dem Senftenberger Marktplatz: Die Szenerie im „Friedrichs“ ist symptomatisch für diese Kneipennacht. Auf der Terrasse vor dem Restaurant brennen kleine Kerzen, während drinnen der Cottbuser Musiker Tom Buscha für seine wenigen Zuhörer querbeet Klassiker der Rock- und Popgeschichte interpretiert. Fast an jedem zweiten Tisch sind die Stühle leer. „Es ist schade, dass heute kaum Leute unterwegs sind. In Senftenberg werden eben doch um 18 Uhr die allermeisten Bürgersteige hochgeklappt“ , fällt Christina Schmidt am Tresen im „Friedrichs“ ihr Urteil.

Meinung: Termin ungünstig gewählt
Die 47-Jährige sucht mit ihren Freunden nach Erklärungen für die allgemeine Partymüdigkeit: „Himmelfahrt, 1. Mai, Jugendweihen und dann noch Kneipenfest. Der Termin ist ungünstig gewählt.“ Vielleicht wäre es besser, die Senftenberger Kneipennacht künftig an den Peter- und Paul-Markt zu koppeln, äußert Tobias Gruben einen interessanten Gedanken. Draußen vor dem „Friedrichs“ lassen Robert Windelen (21) und Nicole Pachtmann (22) bei schummrigem Kerzenschein, Cuba Libre und einem Café den Tag gemütlich ausklingen. Das junge Pärchen aus Lauchhammer hat den Tag mit einem ausgedehnten Shoppingausflug in Dresden verbracht. „Im vergangenen Jahr war zur gleichen Tageszeit mehr los“ , empfindet Nicole Pachtmann die beschaulichere Abendstimmung trotzdem als angenehm. Auch die Live-Musik im Restaurant am Marktplatz sei nicht so schlecht.
Szenenwechsel: Bei vorangegangenen Kneipenfesten war der Slyne Head Irish Pub in der Thälmannstraße immer ein sicherer Garant für nächtliche Menschentrauben vor der Tür. Als an diesem Samstag kurz vor halb zwölf der legendäre Oldie „California Dreamin“ der Band The Mamas & the Papas den Pub durchzieht, hält sich jedoch auch in der angesagten Szene-Kneipe das Geschubse in Grenzen. Mandy Kaiser (24) zieht traditionell mit Schwester Carina Niemtz (34) und Mutti Angelika Kaiser (51) beim Senftenberger Kneipenfest um die Häuser. „Der Irish Pub ist eigentlich immer unser Treffpunkt“ , erzählt die jüngste Frau aus der Familie. Diesmal findet Mandy Kaiser die Musik nicht so toll, den Eintrittspreis von zehn Euro pro Nase dafür aber „ganz schön teuer“ . Die gute Laune lässt sich das Trio dennoch nicht vermiesen. Später wollen die drei Frauen zunächst im „Pick Up“ vorbeischauen. „Danach landen wir am frühen Morgen bestimmt nochmals im Pub“ , vermutet Mandy Kaiser.
Als nagelneue Location sollte beim Senftenberger Kneipenfest der Sommergarten am „Strike“ in der Bahnhofstraße seine erfolgreiche Premiere erleben. Gegen Mitternacht spricht aus der Miene von Marketingleiter Sebastian Noack vor allem Ernüchterung. Im Biergarten hinter der Bowlingbahn herrscht zur Geisterstunde gähnende Leere. Trostlos wirken die verwaisten Liegestühle am Lagerfeuer, welches zusammen mit den Pflanzen und der dezenten Beleuchtung eine mediterrane Atmosphäre für die Senftenberger Partymeute schaffen sollte. Fast trotzig spielt die Band „Yellow Times“ ihre Songs auch ohne das tanzende Publikum vor der Bühne.

Keine schlüssigen Erklärungen
Warum sind aber so viele Kreisstädter dem Kneipenfest in diesem Jahr ferngeblieben? Sebastian Noack hebt ratlos die Schultern. „Diese offene Frage haben wir uns auch schon gestellt. Einige Leute haben wahrscheinlich das verlängerte Wochenende für einen Kurzurlaub genutzt“ , meint der junge Marketingleiter. Schließlich bietet er einen Vorschlag für die Veranstalter an: Vielleicht sollte die nächste Auflage erst in zwei oder drei Jahren stattfinden, damit der Partyhunger bei den Kneipengängern in der Kreisstadt wieder größer wird.