Von Torsten Richter-Zippack

34 Grundstücke zählt die Ziegelei-Siedlung am südöstlichen Ende der Johannisthaler Straße sowie in der angrenzenden Waldstraße. Zwischen 70 und 80 Menschen leben dort. Sie schweißt ein Ziel zusammen: und zwar die Hosenaer 600-Jahr-Feier im Juni 2020. Die Bewohner „der Ziegelei“, wie die Einheimischen sagen, wollen im historischen Festumzug mehrere Wagen gestalten. „Wir bauen dafür die ehemalige Ziegelei sowie die Bärmühle nach. Außerdem wird ein Handwagen mit dem für die Gegend typischen Torfabbau gestaltet“, kündigt Brigitte Matschke an. Die Bewohnerin hat sich für diese einzigartige Aktion den Hut aufgesetzt. „Ich bin jetzt Rentnerin und habe Zeit“, begründet die pensionierte Fachwirtin für Immobilienwirtschaft ihr Engagement.

Eigens für die Arbeiten wurde auf dem Grundstück von Familie Herrn eine Zeltstadt errichtet. In den insgesamt drei Zelten wird an jedem Sonnabend gewerkelt. Sieben Männer bauen die Ziegelei nach, weitere sieben die Bärmühle. Darüber hinaus ist ein Ältestenrat ins Leben gerufen worden. „Die Mitglieder können sich noch an den Ziegeleibetrieb und an die Mühle erinnern und geben beim Bau entsprechende Anregungen“, sagt Brigitte Matschke.

Dazu gehört auch Fritz Stooff, der mit seinen 85 Jahren der „Alterspräsident“ ist. „Ich komme zwar ursprünglich aus der Magdeburger Börde, aber meine Frau war Hosenaerin. Erstmals war ich vor 65 Jahren in dem Lausitzer Ort. In Erinnerung geblieben ist mir, wie einst die Bauern die in der Ziegelei gebrannten Ziegel mit ihren Fuhrwerken abtransportierten. Später wurde der Betrieb gesprengt. Aus dem Abbruchmaterial haben wir unsere Waschküche gebaut. Und mein Schwiegervater Kurt Woßlick hat das Ziegelei-Telefon mitgenommen. Somit hatten wir den ersten Telefonanschluss in der ganzen Siedlung.“

Ende der 1950er-Jahre mussten sowohl die Ziegelei als auch die Bärmühle dem Tagebau Heide weichen. Die Bewohner sind im Zuge der Devastierung zum Teil in die Johannisthaler und in die Waldstraße gezogen. Heute befinden sich die Standorte von Ziegelei, Bärmühle und Torfstich inmitten des Restloches Heide VI. Die Ziegeleisiedlung liegt davon rund einen halben Kilometer entfernt. Laut der Chronik wurde der Abriss später als Fehlentscheidung interpretiert, da aufgrund manipulierter Bohrungen durch den Braunkohlenbergbau neben der Ziegelei Ton, Quarzsand und Kies vernichtet worden waren.

Jetzt lassen die Leute aus der Ziegeleisiedlung den einstigen Betrieb, die Bärmühle und den Torfstich wieder aufleben. Die Männer sägen, hämmern, schrauben, streichen. Roland und Manuel Mietsch werkeln gemeinsam mit Günter Erdmann, Lothar Urbanek und Dietmar Bandorf am hölzernen Brennofen der Ziegelei. Selbst dutzende Ziegel werden aus Holz hergestellt und im Ofen aufgestapelt. „Während des Festumzuges soll die Konstruktion so beleuchtet werden, dass der Eindruck entsteht, die Ziegel würden gerade gebrannt“, verrät Roland Mietsch. Natürlich darf auch der einstige Schornstein nicht fehlen. Während das Original 60 Meter in die Höhe ragte, misst der Nachbau immerhin noch drei Meter. Mittels einer Nebelmaschine soll aus dem holzummantelten Plastikrohr sogar Rauch aufsteigen.

Gerhard Boesner baut mit seiner Mannschaft indes die Wohngebäude der Bärmühle nach. „Die Giebel sind bereits fertig, jetzt ist das Dach an der Reihe“, erklärt der Karosseriebauer. Als Vorlage dienen den Bastlern alte Fotos sowie eine Skizze der Mühle, die einst am Goldgräbchen ihren Dienst versah.

Ende Oktober sollen die Arbeiten an den bis dahin fertig gestellten Wagenaufbauten beendet werden. Dann müssen die Umzugsutensilien sicher verwahrt über den Winter gebracht werden. So drängt die Zeit langsam. Zum großen Festumzug werden Ziegelei, Bärmühle und Torfstich auf mehreren Festwagen den Besuchern präsentiert. „Damit stärken wir das Gemeinschaftsgefühl in unserer Siedlung“, erklärt Brigitte Matschke.

Der Hosenaer Ortsvorsteher Hagen Schuster lobt die Initiative ausdrücklich: „Es ist beispielhaft, was in der Siedlung geschaffen wird. Das könnte das Initial werden, dass sich noch weitere Hosenaer Siedlungen in unseren Umzug einbringen.“