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Knatsch um Kleingärten in Senftenberg
Niemtscher Laubenpieper in Sorge

Mann der ersten Stunde: Klaus Fuhrmann hat seit fast 40 Jahren einen Garten in der Niemtscher Anlage, die er selbst mit aufgebaut hat. Nach dem Verkauf von mehreren Grundstücken mit einer Gesamtfläche von mehr als 77 000 Quadratmetern ist er nun besorgt, wie es weitergeht.
Mann der ersten Stunde: Klaus Fuhrmann hat seit fast 40 Jahren einen Garten in der Niemtscher Anlage, die er selbst mit aufgebaut hat. Nach dem Verkauf von mehreren Grundstücken mit einer Gesamtfläche von mehr als 77 000 Quadratmetern ist er nun besorgt, wie es weitergeht. FOTO: Jan Augustin / LR
Senftenberg. Von einer der größten Lausitzer Kleingartenanlagen in bester Lage ist ein riesiges Stück verkauft worden. Die Laubenpieper, die das Land einst urban machten, sind wütend und fürchten um ihre Gärten. Von Jan Augustin

Klaus Fuhrmann ist Laubenpieper mit Leib und Seele. Fast täglich schaut der 76-jährige Senftenberger nach dem Rechten. Gerade jetzt in der kalten Jahreszeit. Einbrecher nutzen die dunklen Tage gern, um vermeintlich vorhandene Wertgegenstände aus den Häusern zu stehlen. Klaus Fuhrmann, der Mitglied im Kleingartenverein „Am Rosenrondell“ ist, blieb bisher aber verschont. Ein Leben ohne „seinen“ Garten kann sich der Naturliebhaber nicht vorstellen.

Vor fast 40 Jahren arbeitete der heutige Senior im Gründungsstab für den Kleingartenpark Niemtsch mit. Die Anlage mit etwa 550 Parzellen ist zu einer der größten in der Lausitz gewachsen. Weil auch Klaus Fuhrmann damals seine Aufbaustunden leistet, wird ihm ein Garten zugewiesen. Die Pacht ist überschaubar, genauso wie die Nebenkosten für Strom und Wasser. Rund 200 Euro im Jahr gibt er dafür aus. Ob er den Garten aber auch in Zukunft bewirtschaften darf, ist jetzt ungewiss. Grund ist der Verkauf von Grundstücken in beträchtlicher Größenordnung.

Die Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG) als eine von mehreren Eigentümern des gesamten Kleingartenparks in Niemtsch hat ihren Anteil veräußert. 7,7 Hektar ist die Fläche verteilt auf mehrere Flurstücke groß. Bei einer Versteigerung über die Deutsche Grundstücksauktionen AG im Dezember vergangenen Jahres wechselte das Anwesen den Eigentümer. Das Auktionslimit von 25 000 Euro wurde dabei locker überboten. Der erzielte Kaufpreis: 103 000 Euro. Ein Quadratmeter Land von den insgesamt 77 000 ist so also für rund 1,34 Euro über den Tisch gegangen.

Entsprechend ihrem Privatisierungsauftrag und dem bei derartigen Kleingartenflächen üblichen Verfahren habe das bundeseigene Unternehmen die Flächen zunächst dem Nutzer, dem Bezirksverband der Gartenfreunde Senftenberg und Umgebung, angeboten, teilt BVVG-Pressesprecherin Constanze Fiedler mit. „Der Bezirksverband hat allerdings kein Kaufinteresse bekundet“, sagt sie. Wer hinter dem Kauf steht, darf sie nicht verraten.

Auch der Vorsitzende des Bezirksverbandes der Gartenfreunde, Reiner Moschinski, kenne den neuen Eigentümer persönlich noch nicht. Gespräche gebe es bisher „leider“ nur über die Rechtsanwälte. „Der Bezirksverband bemüht sich gemeinsam mit den anderen Vereinen um eine Lösung im Sinne der Kleingärtner unter Anwendung des Bundeskleingartengesetzes“, erklärt Reiner Moschinski. Kurzum: Die Kleingärten sollen bestehen bleiben. Ob dem aber so ist, kann er nicht garantieren. „Wir können im Moment nicht sagen, wohin der Hase hoppelt“, sagt er in Kleingartendeutsch. Der Niemtscher Fall könnte sogar vor Gericht landen, was der Vorsitzende Moschinski und nach seinen Angaben auch der neue Eigentümer vermeiden wollen.

Reiner Moschinski setzt zum einen auf den Bestandsschutz für den Kleingartenpark, der nach der Wende in das Bundeskleingartenrecht überführt worden sei. Und zum anderen auf den Flächennutzungsplan der Stadt Senftenberg. Dieser sieht für das Gebiet eine „Grünfläche“ mit dem Zusatz „Dauerkleingärten“ vor, wie Stadtsprecher Andreas Groebe bestätigt. „Es ist keine Änderung geplant“, teilt er mit. Auch die Stadt habe sich an der Auktion beteiligt, war jedoch unterlegen. Wenn sie den Zuschlag bekommen hätte, „wäre alles so geblieben, wie es ist“, sagt Groebe. Die Pläne des neuen Eigentümers seien auch der Stadt nicht bekannt.

Auch Klaus Fuhrmann hat keine Ahnung, wie es weitergeht. Seine Furcht formuliert er so: „Die Frage ist: Wollen sie mehr Pacht haben oder soll es Bauland werden?“ Die größte Sorge ist jedoch, dass er seinen Garten verliert: „Wir fürchten, dass wir entschädigungslos rauskommen“, sagt er. Sein Gartennachbar Siegfried Böhm ist ebenso empört. Wie Klaus Fuhrmann ist er einer der Männer der ersten Stunde, die die „Wüste“ erst nutzbar gemacht und mit Wegen, Wasser und Strom erschlossen haben. „Es macht mich wütend, dass man so einen Schritt über die Köpfe der Betroffenen hinweg gemacht hat“, sagt der 80-Jährige.