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| 02:44 Uhr

Neue Stolpersteine für Senftenberger Schicksale

Die vier neuen Steine auf dem Senftenberger Markt sollen an Max und Ehefrau Lea Elisa sowie an Tochter Charlotte und Sohn Günther Stefan erinnern. Ihnen gelang die Flucht nach Palästina.
Die vier neuen Steine auf dem Senftenberger Markt sollen an Max und Ehefrau Lea Elisa sowie an Tochter Charlotte und Sohn Günther Stefan erinnern. Ihnen gelang die Flucht nach Palästina. FOTO: Jan Augustin
Senftenberg. Senftenberg hat seit Freitag sieben neue Stolpersteine. Die Messingtafeln verlegte Bildhauer Gunter Demnig für die Familien Jacobowitz und Marcus. Die Schicksale der vom NS-Regime verfolgten Menschen erforschten Schüler der Bernhard-Kellermann-Oberschule. Jan Augustin

Tammy Porat-Jacobi steht am Rednerpult im Foyer des Senftenberger Rathauses; in der rechten Hand ein Taschentuch, zur Sicherheit. Ihre eigene Rede, die von ihrer Großcousine Sabine Schulz vorgetragen wird, bewegt sie selbst. Und die etwa 70 Menschen, die vor ihr sitzen. Mann und Tochter sind dabei. Bürgermeister und Landrat. Politiker. Alle lauschen. Tammy Porat-Jacobi kämpft mit den Tränen, sie lächelt aber auch immer wieder. "Dank der Forschungsarbeit der wunderbaren Schüler der Bernhard-Kellermann-Oberschule kann die Geschichte der beiden Familien vor und während des Krieges erzählt werden", sagt sie. Dann erzählt die 54-Jährige von ihrer Familie, zeigt Erinnerungsstücke. Einen Holz-Kleiderbügel aus dem Geschäft des Großvaters zum Beispiel. Bis 1933 führte Max Jacobowitz das Manufacturen-Geschäft am Markt 4 in Senftenberg. Für ihn, für seine Ehefrau Lea Elisa, Tochter Charlotte und Sohn Günther Stefan verlegt der Kölner Künstler Gunter Demnig im Anschluss an die Feierstunde vier neue Stolpersteine auf dem Markt. Dafür ist Tammy Porat-Jacobi mit ihrer Familie extra aus Israel angereist.

Erforscht und nun öffentlich gemacht hat das Schicksal der Familie eine kleine Gruppe Jugendlicher von der Bernhard-Kellermann-Oberschule gemeinsam mit der Historikerin Cathleen Bürgelt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung und Schulsozialarbeiterin Veronika Pohl. "Am 31. März 1933 wurde auch in Senftenberg zum Boykott jüdischer Geschäfte, Arztpraxen und Kanzleien aufgerufen", schildert Cathleen Bürgelt. Für den 1880 im polnischen Suschen geborenen Max Jacobowitz bleibt nur die Flucht. Mit seiner zweiten Frau, Lea Elisa, sowie mit dem gemeinsamen Sohn Günther Stefan gelingt die Ausreise nach Haifa, Palästina. Ein Jahr später folgt Charlotte Jacobowitz, die Tochter aus erster Ehe.

Recherchiert haben die jungen Forscher noch ein weiteres Familienschicksal aus Senftenberg. Es beschreibt die Flucht der Familie Marcus. "Auch in Senftenberg zogen am 10. November 1938 SA-Männer durch die Stadt und holten jüdische Bürger brutal aus ihren Wohnungen und trieben sie auf dem Markt zusammen", erläutert Cathleen Bürgelt. Unter den Opfern ist auch die Familie Marcus. Sie muss später ihre Wohnung in der Fichtestraße 12 verlassen und in die Baracken in der Sternstraße umziehen. Das Schuhgeschäft in der Bahnhofstraße 28, wo sich heute ein Pizza-Lieferservice befindet, wird geplündert. Mit Frau Else und Tochter Edith, die 1932 in Senftenberg zur Welt kommt, flieht Ludwig Marcus am 29. Juli 1939 über Genua nach Shanghai. Nach mehreren Wochen erreichen sie am 28. August das "Exil der kleinen Leute". Auch für sie verlegt Gunter Demnig am Freitag drei Stolpersteine.

Seit 2006 erforscht die Arbeitsgruppe "Stolpersteine für Senftenberg" Namen, Lebensdaten und die Schicksale von Senftenberger Bürgern, die während des Nationalsozialismus gedemütigt, entrechtet, verfolgt und ermordet worden sind. Initiiert wurde das Projekt von Eva Klein ( 2014). Beteiligt sind Einzelpersonen, Schüler, Vertreter der evangelischen Kirchgemeinde, der Stadt Senftenberg und der Rosa-Luxemburg-Stiftung.

Zum Thema:
Der Kölner Künstler Gunter Demnig (69) erinnert an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten selbst gewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir einlässt. Inzwischen liegen Stolpersteine in 1099 Orten Deutschlands und in 20 Ländern Europas. Mit den Steinen vor den Häusern soll die Erinnerung an die Menschen, die einst hier wohnten, lebendig werden. Für 120 Euro kann eine Patenschaft für die Herstellung und Verlegung erworben werden.