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Neue Ideen für mehr Bauland in Ortrand

Das Stelzenhaus ist ein Referenzbeispiel aus Landau/Pfalz.
Das Stelzenhaus ist ein Referenzbeispiel aus Landau/Pfalz. FOTO: TU Kaiserslautern
Ortrand. Die beschaulich an der Pulsnitz gelegene Stadt Ortrand ist als Wohnort attraktiv. Auch junge Familien aus dem Speckgürtel der sächsischen Landeshauptstadt zieht es in den schönen Vorgarten Dresdens.

Eine gute Verkehrsanbindung und erschwingliche Grundstückspreise locken. Doch die Scholle für die eigenen vier Wände ist schwer zu finden. Auch, weil der Fluss hier Segen und Fluch zugleich ist.

Angehende Stadt- und Raumplaner der Technischen Universität (TU) Kaiserslautern haben das Stadtgebiet untersucht - mit dem ungetrübten Blick von außen und dem großen Vorteil, alles denken und aussprechen zu dürfen.

Der Aufbau einer Baulandbörse, eines im Internet einsehbaren Katasters, wird empfohlen. Das soll alle baureifen Grundstücke ohne Rücksicht auf die bestehenden Eigentumsverhältnisse aufzeigen, erklärt Kevin Brüll. Etwa 30 000 Quadratmeter geeignete Fläche haben die Studenten innerhalb der Stadtgrenzen ausgemacht. Und zwei Brachen ganz in der Nähe der liebevoll sanierten historischen Innenstadt werden mittel- und langfristig als Wohnstandorte ins Auge gefasst: das Areal um das Lehnsmühlschloss, ehemals als Sägewerk genutzt, und die Ruinenlandschaft der Kunstseide-Betriebsstätten jenseits der Bahnlinie von Dresden nach Cottbus.

In zentraler Lage zwischen dem Stadtzentrum und der Schule sowie der Kindertagesstätte bildet das Gebiet um das Schlösschen das Scharnier. Einfamilienhäuser und Stadtvillen nach dem Vorbild der schmucken Häuser an der Bahnhofstraße kann sich Marc Reifenschneider gut vorstellen. Ringförmig um das Lehnsmühlschoss sollten Baugrundstücke in drei Bauabschnitten flottgemacht werden. Im äußeren Ring seien moderne Stelzenhäuser eine Variante, wirft der Student ein ganz neues Thema in der Kleinstadt in die Diskussion. Im Verlauf der alten Pulsnitz sei das Unterkellern von Gebäuden keine gute Idee. Und das Fundament solle auch nicht nass werden, wagt er den Blick auf die auch unberechenbare Pulsnitz. Die Aussicht auf den Heimatfluss aber wäre wirklich toll, wirbt Marc Reifenschneider für den gemeinschaftlichen Vorschlag der Studenten. Die angehenden Raumplaner wissen sehr wohl, dass das Terrain im natürlichen Überschwemmungsgebiet der Pulsnitz liegt und der Hochwasserschutz - zumindest derzeit - keine Baugenehmigungen erwarten lässt. Die Ortrander Rathausspitze, die dem Mangel an Betreuungsplätzen trotzend beim Landkreis eine Voranfrage zur möglichen Erweiterung der neuen Kindertagesstätte am Bildungszentrum gestellt hat, ist dahingehend bereits knallhart aufgeklärt worden. Im Überschwemmungsgebiet gibt es keine Baugenehmigungen mehr. Die studentischen Freidenker aber können sich den Luxus leisten, kreativ zu planen. "Wir geben Anregungen", betont Thomas Fischer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachbereich Raum- und Umweltplanung der Universität, der die Studenten in Ortrand betreut hat. Über den Weg und die Arbeit vor Ort haben allein die Stadtverordneten zu entscheiden.

Eine "hohe Freiraumqualität" bescheinigen die angehenden Fachplaner dem Kunstseide-Areal. Die Substanz der Villa, der Mensa, des Dreiseitenhofes und des Bahnwärterhäuschens sei gut erhalten. Der Schornstein rage als Landmarke in den Himmel und stehe genau in der Sichtsachse zur historischen Innenstadt. Als Artenschutzturm solle die ausgediente Esse bewahrt werden. Mehr- und Einfamilienhäuser sind auf dem Gelände gut möglich - denn das Wohnen am Bahnhof und nahe der Eisenhütte ist für Ortrander kein Problem. Im Wohnquartier am alten Schienenweg wird nicht geklagt. Das hat auch Student Marc Baumbusch von den Leuten selbst erfahren.

"Die Ortrander sind sehr nett und nehmen ihre Stadt auch positiv wahr", erklärt Pia Heinrich. Die Kleinstadt an der Pulsnitz hat großes Entwicklungspotenzial - vor allem durch die ausgesprochen günstige Lage und Verkehrsanbindung zum Ballungsraum Dresden. Das, so betont Student Christopher Reinig, ist das schlagende Argument gegen die Absicht der Brandenburger Landesregierung, das Wachsen auch dieser Kleinstadt mit dem nächsten Landesentwicklungsplan restriktiv deutlich zu begrenzen. Die Kommunen an der Entwicklungsachse Autobahn wehren sich. Und das sei angebracht.

Im Fazit zur Stadtmitte gehen die Studenten mit den Ortrander Stadtvätern hart ins Gericht. Gestaltung und Funktionalität des Marktplatzes und des Topfmarktes werden den Ansprüchen an eine lebendige Innenstadt nicht gerecht. "Hier wurde typisch ostdeutsch mit viel Geld schön saniert. Aber Lebensqualität muss erst noch einziehen", sagt Stadtplaner Thomas Fischer. Einige teure Sünden im Stadtbild hält der hoffnungsvolle Nachwuchs den Stadtvätern vor Augen: Der Marktplatz ist teuer gepflastert - und mit Bodenlichtern ausgestattet, die nicht funktionieren. Die Stadtmitte ist ausschließlich Abstellfläche für Fahrzeuge. Der Leerstand wächst. Für einen belebten Marktplatz könnten Freiflächen an der Ladenzeile mit Ruhezonen sorgen, in denen die Leute auch mal Platz nehmen und verweilen könnten. Die Blechkarrossen müssten dafür lediglich weiter von der Häuserfront abrücken. Das sei auch ohne großen Verlust an Parkplätzen sehr einfach möglich. Für ein Café am Altmarkt biete sich die leer stehende Fahrschule neben dem Rathaus an. Die Verbindung zum benachbarten Topfmarkt müsse wieder sichtbar geöffnet werden. Diese innerstädtische Grünzone ist ein Kleinod, das allerdings vom Denkmalklotz in der Mitte befreit werden sollte. Der große Quader des Gedenkens für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges war in den 30er-Jahren in der damals typischen Architektur errichtet worden. Er steht genau in der Sichtachse zu den schmucken Häusern, die zwar in neuem alten Glanz wieder erstrahlen, aber nicht wirklich gut zu sehen sind. Mit dem Vorschlag, das wissen die Studenten, wird ein höchst sensibles Thema aufgeworfen. Im schon vielfach gescheiterten Ringen, einen sicheren Fußweg vom Marktplatz zur Sparkasse zu schaffen, bestärken die Planer die Stadtväter indes. Der Vorschlag: Die viel befahrene Verkehrsader soll - auch baulich - in den Marktplatz intergriert werden, um den Bereich zu entschleunigen.

Eine weiter heftig umstrittene Entscheidung für das Leben im Herzen der Kleinstadt hat die Ratsrunde jetzt übrigens getroffen: Der Weihnachtsmarkt kommt vom Kirchplatz auf den Marktplatz zurück. Die Bürgervereinigung Ort rand (BVO) hat dies beantragt und mit einer knappen Mehrheit durchgesetzt. "Wir wollen einen Weihnachtsmarkt, der für alle Leute problemlos zugänglich ist", sagt Fraktionsführer Silvio Schielinski. Vor allem betagte Mitbürger, die nicht mehr besonders gut zu Fuß sind, und Mütter mit Kinderwagen beklagen das bei Regen und Schnee schwer begehbare historische Pflaster am Kirchplatz als ungeeignet für das Markttreiben. "Das Ambiente ist zweifelsfrei im Advent besonders schön. Aber für uns zählt die allgemeine Zugänglichkeit zu Ereignissen, die Ortrand lebendiger machen, einfach mehr. Wir wollen damit niemanden ärgern, im Gegenteil", betont Schielinski.

Zum Thema:
Studenten der Stadt- und Raumplanung der Technischen Universität (TU) Kaiserslautern haben vor der Stadt Ortrand bereits die baulich-räumliche als auch sozial-gemeinschaftliche Analyse der Gartenstadt Marga in Brieske und des Senftenberger Ortsteils Sedlitz erstellt. Der Kontakt ist über die Internationale Bauausstellung (IBA) "Fürst Pückler-Land" entstanden. Die Bewerber werden von Prof. Holger Schmidt, einem anerkannten Experten für Siedlungsentwicklung und Stadtumbau, handverlesen. Ziel sind Zukunftsimpulse für die Orte.