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Neu-Seeländer auf dem Weg nach Neuseeland

Beate Paulisch ist Leiterin des ersten und einzigen Waldkindergartens im Oberspreewald-Lausitz-Kreis. Ein kräftiges Frühstück bildet die Grundlage für ausgedehnte Entdeckungstouren rund ums beschauliche und abseits gelegene Kunersdorf. In die "Kindergärtnerei" eingebettet ist die Tagespflegestelle von Anke Sniegocki.
Beate Paulisch ist Leiterin des ersten und einzigen Waldkindergartens im Oberspreewald-Lausitz-Kreis. Ein kräftiges Frühstück bildet die Grundlage für ausgedehnte Entdeckungstouren rund ums beschauliche und abseits gelegene Kunersdorf. In die "Kindergärtnerei" eingebettet ist die Tagespflegestelle von Anke Sniegocki. FOTO: Uwe Hegewald
Kunersdorf. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, mehreren Gemeinden oder Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU-Station heute: Kunersdorf (Gemeinde Neu-Seeland). Uwe Hegewald

Am 19. September heißt es für Paul Paulisch Abschied nehmen. Abschied vom vertrauten Heimatdorf, von der Familie, von Freunden, Bekannten und den Fußballern des SSV Alemannia Altdöbern. Es ist eine lange Reise, die der 19-Jährige antritt. Sie führt über eine Entfernung von rund 18 000 Kilometern auf die Südhalbkugel der Erde: Der Neu-Seeländer fliegt nach Neuseeland. Neun bis zehn Monate währt der Auslandsaufenthalt über das Projekt "Work and Travel" (Arbeiten und Reisen), berichtet Beate Paulisch. "Für eine Mutter ist es nicht ganz einfach, den Sohn in so großer Entfernung zu wissen", räumt sie ein. Ihm die Reise auszureden oder das Sammeln von neuen Eindrücken und Erfahrungen zu verwehren, waren jedoch zu keiner Zeit ein Thema. Sie hält es mit dem wertvollen Zitat: "Den Kindern Wurzeln, aber auch Flügel geben." Davon profitieren konnte bereits Tochter Marie Josefine (17), die zuletzt ein Freiwilliges Ökologisches Jahr im Naturpark Stettiner Haff absolvierte. Ihre beiden, inzwischen erwachsenen Kinder, krönten seinerzeit den Umzug von Beate Paulisch (Senftenberg) und Lebensgefährte Klaus-Peter Wanderer (Großräschen) ins beschauliche Kunersdorf (Amt Altdöbern). "Mit Geschwistern und Freunden waren wir viel mit dem Fahrrad in Dörfern der Region unterwegs, um nach leerstehenden Gebäuden zu schauen, die sich als Wohnsitz eignen", erzählt sie. In Kunersdorf wurde man schließlich fündig. Gespräche mit der LMBV wurden angeschoben und im Juni 1997 der Kaufvertrag für das ehemalige Gasthaus "Zur Linde" unterzeichnet - ein Anwesen mit großer Geschichte. "Für eine historische Wiederbelebung des Gasthauses fehlte jedoch die touristische Infrastruktur aufgrund des noch fehlenden Radwegenetzes. Außerdem hätten wir überdimensionale Fußstapfen füllen müssen, die das frühere Wirtshauspaar Nasdal hinterlassen hat", blickt Beate Paulisch zurück.

Eine Idee, das Anwesen privat und beruflich zu nutzen, kam mit der Geburt von Sohn Paul und Tochter Marie Josefine. Der angehende Wahl-Neuseeländer und die temporäre Haff-Expertin waren die ersten Zöglinge von Tagesmutti Beate Paulisch, die als ausgebildete Erzieherin das erforderliche Rüstzeug im Gepäck hatte. "Ich habe es als unglaubliches Glück empfunden, die Kinder inmitten der Natur, abseits von stark befahrenen Straßen aufwachsen zu sehen. Daran wollte ich auch andere Kinder teilhaben lassen", so die Kunersdorferin. 2008 gesellte sich Tagesmutti Anke Sniegocki hinzu wodurch die Kunersdorfer Einrichtung den Status einer Doppelpflegestelle erhielt.

2011 öffnete dann der erste und einzige Waldkindergarten im Landkreis OSL. Grundlage bildete eine Empfehlung des Landesjugendamtes. Phänomen: Wenn alle 18 Knirpse in Kunersdorf aufschlagen, verdoppelt sich mal eben so die Personenzahl im Ort, der nur wenige Schritte vom Altdöberner See entfernt ist. Beate Paulisch konstatiert "großes Interesse an einen Platz in der Kindergärtnerei". Warum sich Eltern bereits vor der Geburt im Waldkindergarten bei ihr vorstellen, liegt auf der Hand: naturnahes Konzept, eigene Köchin, die Produkte aus dem angrenzenden Garten verarbeitet sowie das generelle Miteinander im Dorf.

"Ginsterhof" nennt sich der lokale Verein, der kulturelle Veranstaltungen anschiebt, wie etwa das multikulturelle Fest "Herbstzeitlose". Durchgeführt wird dieses Ende September auf dem Hof der Familie Steffen Lachmann. "Eine überaus sympathische und rührige Familie, wie auch Nachbar Prof. Dr. Ulrich Paetzold. Bei ihnen stoßen wir jederzeit auf offen Türen und Ohren", würdigt Beate Paulisch, die vor drei Jahren Töchterchen Julia Caroline zur Welt brachte. Als jüngste Einwohnerin von Kunersdorf muss auch sie es hinnehmen, dass der große Bruder übers große Wasser fliegt. Ein Gewässer, noch größer als das Neue Buchholzer Fließ, dem "Grenzfluss" in Kunersdorf.

So liegen etwa die benachbarten Halang- und die Bergmühle auf der Gemarkung Lubochow. Es sind die einzig verbliebenen, bewohnten Wassermühlen im einstigen "Tal der sieben Mühlen". "Mal sehen, was ich in Neuseeland zuerst vermissen werde. Ich bin dankbar, dass mir meine Eltern die weite Reise ermöglichen", sagt Junior Paul. Mit Ferienarbeit und Gelegenheitsjobs im Handel und in der Landwirtschaft hat der Cottbuser Abiturient sein Reisebudget etwas anwachsen lassen. "Neuseeland ruft", so der Neu-Seeländer, der schon jetzt gespannt ist, ob die Kiwis ihn wohl als "Landsmann aus der Fremde" wahrnehmen werden.

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Zum Thema:
Kunersdorf zählt 20 Einwohner. Die dort lebende Familie Lachmann betreibt im Nebenerwerb einen Seifenhof, auf dem Naturseifen hergestellt werden. Ende der 1980er-Jahre waren die Grundstücke, darunter auch das Herrenhaus aufgrund des anrückenden Tagebaus Greifenhain verwaist. Etwa 100 Meter vor dem Dorf kam der Tagebau zum Stehen, der sich jetzt zum Altdöberner See füllt. Die Kulturveranstaltung "Herbstzeitlose" findet in diesem Jahr am Samstag, 24. September ab 14 Uhr statt. uhd