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| 13:24 Uhr

Karneval
Narren in Hohenbocka feiern 50 Jahre Karneval

Theresa Leuschner (23) und Philipp Lindow (24) sind das Prinzenpaar der Jubiläumssession des Hohenbockaer Karnevalvereins.
Theresa Leuschner (23) und Philipp Lindow (24) sind das Prinzenpaar der Jubiläumssession des Hohenbockaer Karnevalvereins. FOTO: Kay-Uwe Feike
Hohenbocka. Eine Polizistin lässt die Sau raus. Die Krankenschwester wechselt in den Job der Prinzessin. Und der Prinz kommt von der Müllabfuhr. Von Josephine Japke

Werden Aina Gutschmidt, Marion Lindow und Beate Leuschner vom Hohenbockaer Karnevalsclub gefragt, was ihnen Karneval bedeutet, überschlagen sich die Meinungen. „Jeder kann sich beim Karneval verwirklichen und mal die Sau raus lassen. In unserem Alltag ist das so nicht möglich“, erklärt Gutschmidt. Die derzeitige Präsidentin des Vereins weiß wovon sie spricht, denn eigentlich ist sie Revierleiterin der Polizei in Lauchhammer.

Doch auch andere Mitglieder wissen, was sie meint, wie zum Beispiel die diesjährige Prinzessin Theresa Leuschner (23). Sie ist im wirklichen Leben Krankenschwester. Karneval bietet da den perfekten Ausgleich. „Viele sind nicht im Verein, um im Rampenlicht zu stehen, sondern wegen der sozialen Aspekte. Hier treffen sich Freunde, die zusammen aufgewachsen sind und das Leben teilen“, sagt sie entschieden. Sie selbst ist im Alter von vier Jahren Karnevalistin geworden. Ihr Tanzpartner, der diesjährige Prinz Philipp Lindow (24), sogar schon mit zwei Jahren. Kein Wunder, ist doch die ganze Familie im Verein tätig. „Karneval gehört für mich zum Leben dazu. Keine Ahnung, was ich im Februar machen würde, wenn da kein Karneval wäre“, erklärt Prinz Philipp, der eigentlich bei der Müllabfuhr arbeitet.

Doch bevor die Saison beginnt und die Partys am kommenden Wochenende und im Februar 2018 steigen können, muss das Programm erst einmal auf die Beine gestellt werden. Schon seit September trifft sich das Präsidium des Vereins mehrmals die Woche und schmeißt alle Ideen in einen Topf. Anregungen finden sie auf Reisen, im Fernsehen oder im Internet. Steht die Idee, werden die Kostüme bestellt. „In der DDR haben wir alles selbst genäht. Heute bestellen wir bei Ebay oder Amazon und verzieren dann selbst“, erklärt Marion Lindow, Mutter von Philipp. Seit ihrem Vereinsbeitritt 1988 bewahrt sie jedes Kostüm in einem eigenen Karnevalszimmer sorgsam auf.

Die Funkengarde des Vereins trainiert im selbstgeschmückten Gasthaus Zur Linde.
Die Funkengarde des Vereins trainiert im selbstgeschmückten Gasthaus Zur Linde. FOTO: Josephine Japke

In diesem Jahr begeht der Hohenbockaer Karnevalsclub nun sein 50-jähriges Bestehen. Das Motto der Saison ergab sich da von selbst: Best of 50. „Wir wären ja blöd, wenn wir diesen riesigen Fundus nicht nutzen würden“, erklärt Aina Gutschmidt. Bei der Frage, was ihre persönlichen Lieblingsaufführungen waren, schwelgen die drei Frauen für ein paar Minuten in Erinnerungen. Jeder Satz beginnt mit „Weißt du noch als…?“, bevor schallend gelacht wird.

Doch denken sie an die letzten 50 Jahre zurück, erinnern sie sich auch automatisch an ihren verstorbenen Präsidenten Roland Rieger. Seit der Gründung des Vereins vor 35 Jahren war er der Vorstehende der Karnevalisten. „Er fehlt uns an jeder Ecke. Wir haben uns geschworen, dass wir unser bestes für den Karnevalsverein geben, wie auch er stets sein bestes gab,“ versichert Gutschmidt. Umso wichtiger ist der 11. November für den Verein. Er markiert nicht nur den Start in die fünfte Jahreszeit, sondern auch den zweimonatigen Todestag ihres ehemaligen Präsidenten. Bevor Traurigkeit aufkommt, lacht Philipp Lindow los: „Sein prägendster Satz zu mir war: Mensch, endlich gibt es mal einen dicken Prinzen.“

Gerade in schweren und stressigen Zeiten schleicht sich auch mal der Gedanke ans Hinschmeißen ein. „Manchmal geht einfach nichts mehr. Dann haben wir keine Ideen, kein Sketch funktioniert, die Tänze sitzen nicht“, gibt Aina Gutschmidt zu. Schlussendlich sei Karneval eben Stress und Stressabbau zugleich. Aus der Liebe zur Heimat bleiben sie am Ball.

Diese Heimatliebe spürt auch Anne Sinde (27). Seit zehn Jahren ist sie im Verein, doch für das Studium zog sie vor ein paar Jahren nach Darmstadt. Ihre Wurzeln hat sie nicht zuletzt wegen des Karnevals in Hohenbocka. „Ich habe so eine Heimatverbundenheit entwickelt, dass ich auch nach meinem Umzug im HKC blieb.“ Heutzutage sei das kein Problem mehr, denn die Tänze kriegt sie als Video über WhatsApp geschickt, bevor sie zum Wochenend-Training wieder in die Heimat reist. „Im Februar bin ich von 28 Tagen bestimmt 18 in Hohenbocka“, lacht sie.

Um die Zukunft macht sich das Präsidium keine Sorgen. Der Verein zählt über 80 Mitglieder im Alter von vier bis 75 Jahren. Schon unter den jüngsten von ihnen findet sich großes Potential. „Das diesjährige Kinderprinzenpaar geht in die erste Klasse. Und da drüben steht schon das Paar für das nächste Jahr“, sagt Leuschner und zeigt dabei auf ein kleines blondes Mädchen, das den Großen gespannt bei der Probe zuschaut und jeden Schritt auswendig beherrscht.