Reinhard Kißro war ein vielbeschäftigter Mann. Recherchen in Archiven, Gespräche mit Zeitzeugen, Tagungen, Exkursionen: Manchmal war es schwer, den Ortrander Heimatforscher zu erreichen. Doch wer ihn kannte, wusste, wo er so gut wie immer zu finden war. Nämlich jeden Montag im Ortrander Stadtgeschichts- und Schradenmuseum. In diese Einrichtung investierte der gebürtige Burkersdorfer über 50 Jahre sein gesamtes Herzblut. Fast schon Kultstatus besaß die sich an die Museumsarbeit anschließende Diskussion über Neuerwerbungen und den daraus resultierenden Erkenntnissen.

Jetzt hat das Herz des „Vaters des Stadtgeschichts- und Schradenmuseums“ aufgehört zu schlagen. Am 16. Dezember ist mit Reinhard Kißro (71) das letzte Gründungsmitglied des Heimatvereins 1912 für Ortrand und Umgebung verstorben. Gemeinsam mit weiteren Heimathistorikern hatte Kißro den Verein im Jahr 1991 wieder aus der Taufe gehoben.

Forscher und Autor

Der Name Reinhard Kißro besitzt nach Angaben von Danny Duismann, dem Vorsitzenden des Ortrander Heimatvereins, längst nicht nur im 2000 Einwohner zählenden Pulsnitzstädtchen einen hervorragenden Klang. So tragen die beiden heimatkundlichen Standardwerke „Der Schraden“ sowie „Die Großenhainer Pflege“ der Reihe „Werte der deutschen Heimat“ maßgeblich Kißros Handschrift. Darüber hinaus ist der Ortrander Mitherausgeber zweier regionaler Heimatkalender (Großenhain/Bad Liebenwerda) und Mitglied verschiedener regionaler und überregionaler Vereinigungen. „Reinhard Kißro hinterlässt umfangreich aufgearbeitete Geschichte der Nachwelt“, bringt es Danny Duismann auf den Punkt.

Neben der Geschichte Ortrands und der umliegenden Orte befasste sich Kißro mit seinem Mitstreiter Dr. Dietrich Hanspach vor allem mit dem Schradenland. Die Niederungslandschaft zwischen seiner Heimatstadt und Elsterwerda bildete Ausgangspunkt zahlreicher Forschungen. So wurde Ende 2010 die 800-jährige Ersterwähnung des Schradenwaldes entsprechend gewürdigt. Heute existiert vom einst riesigen Wald nur noch ein kleiner Rest unweit von Plessa.

Wie der Schraden vor über 100 Jahren mal aussah, lässt sich noch heute im polnischen Netzebruch nachvollziehen. Reinhard Kißro organisierte daher 30 Jahre lang die „Weißenhöher Himmelfahrt“ in diese Landschaft unweit von Bromberg (Bydgoszcz).

Knapp 20 Jahre ist es her, dass Reinhard Kißro gemeinsam mit Dietrich Hanspach und Frank Mülan als geistiger Vater des Wirtschaftsraums Schraden fungierte. Das Ziel, den touristischen Bekanntheitsgrad des Schradens zu erhöhen, wurde mit der Erschließung der „Fürstenstraße der Wettiner“ erreicht.

Reinhard Kißro kam als waschechter Oberlausitzer am 30. September 1948 zur Welt. Sein Geburtsort Burkersdorf war damals noch selbstständig und gehörte zum Kreis Hoyerswerda. Er wurde als Elektromonteur ausgebildet, qualifizierte sich später zum Elektromeister im Synthesewerk Schwarzheide. In Ortrand wurde Kißro im Jahr 1990 zum letzten hauptamtlichen Bürgermeister gewählt. Maßgeblich war er beim Aufbau des Amtes Ortrand in der Funktion eines kommissarischen Amtsdirektors beteiligt. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete Reinhard Kißro in verschiedenen Funktionen im Amt.

Mit dem Sandmann unterwegs

Bereits von klein auf begeisterte er sich für die Heimatkunde. Mit seinem Großvater Gerhard Sandmann erkundete Reinhard Kißro die Kirchen der Region. Anno 1966 erfolgte die Berufung zum Bodendenkmalpfleger. Ein Jahr später übernahm er die ehrenamtliche Leitung des heutigen Stadtgeschichts- und Schradenmuseums. 1972 begann Kißro mit seinen Vorträgen und mit einer überaus reichhaltigen Publikationstätigkeit. „Mit Reinhard Kißro verlieren wir nicht nur einen großen Kenner der Regionalgeschichte, sondern auch einen guten Freund“, bringt es Danny Duismann im Namen des Heimatvereins 1912 auf den Punkt.

Jubiläum im Jahr 2020


Der Ortrander Heimatforscher Reinhard Kißro ist bei seinen Recherchen auf das wohl älteste Bild eines Ortranders gestoßen. Heinricus de Oderan (Heinrich aus Ortrand) ist im Jahr 1366 erstmals als Mönch erwähnt worden. Von 1370 bis 1379 war er als sechster Abt im Kloster Dobrilugk (heute Doberlug) tätig. Die 650. Wiederkehr seines Amtsantritts im kommenden Jahr wollen die Mitglieder des Ortrander Heimatvereins 1912 entsprechend begehen. Bis heute haben sich zwei Siegelabdrücke des Heinrichs aus Ortrand erhalten. „Ohne die Recherchen von Reinhard Kißro wäre wohl kaum jemand auf dieses Jubiläum gestoßen“, merkt Vereinsvorsitzender Danny Duismann in Hinblick auf den verstorbenen Heimathistoriker an.