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| 03:01 Uhr

Nach Unglück köchelt Bahnhof auf Sparflamme

Hosena. Das Zugunglück auf dem Bahnhof Hosena, das vor einem Vierteljahr einem Stellwerker aus Brieske das Leben kostete und ein Trümmerfeld aus 30 ineinander verkeilten Waggons hinterließ, gilt als eines der schwersten der vergangenen Jahre im Land Brandenburg. Aus Sicht der Bahn wird es noch Jahre dauern, bis alle Unfallfolgen beseitigt sind. Das Ersatz-Stellwerk soll 2014 stehen. Die Unglückslok mit Totalschaden wird demnächst verschrottet. Andrea Budich

Für die Bahnreisenden sind kaum noch Spuren der Zerstörung sichtbar. Die Signale stehen wieder auf Grün, die Weichen sind gestellt, der Regionalexpress zum Bahnhof Leipzig rollt wie eh und je pünktlich ein. Für den Eisenbahnbetrieb hingegen sind die Auswirkungen des Unglücksabends vom 26. Juli gravierend. Die Kapazität des Hosenaer Bahnhofes ist um die Hälfte reduziert. "Die Durchlassfähigkeit des Bahnhofes musste drastisch zurückgefahren werden", bestätigt Dieter Prautzsch, Leiter Produktionsdurchführung bei der DB Netz und verantwortlich für Hosena. Vor dem Zusammenprall zweier Güterzüge auf einer Bahnhofsweiche waren täglich 80 Züge in den Bahnhof eingefahren. Davon 50 Güterzüge.

Heute können im Bahnhofskopf noch immer keine Weichen gestellt werden. Die Strecke in Richtung Brieske bleibt vorerst unbefahrbar. Die Bahn arbeitet daran, diese Fahrtrichtung im Frühjahr 2013 behelfsmäßig wieder in Betrieb zu nehmen. Zudem ist jede Rangierfahrt der Güterzüge von der Basalt AG Großkoschen oder der Quarzsandwerke Hohenbocka mit enormem Aufwand verbunden.

Größte Herausforderung ist der Wiederaufbau des gänzlich zerstörten Stellwerkes, in dem ein 54-jähriger Bahnmitarbeiter ums Leben kam. Die Planungen für einen Neubau sind angelaufen. 2014 soll das neue Stellwerk stehen.

Das Ziel ist ehrgeizig. Die üblicherweise mehr als fünf Jahre dauernden Planungs- und Bauzeiten für ein Stellwerk will Dieter Prautzsch mit seiner Mannschaft auf zwei Jahre verkürzen. Ersetzt werden soll das mechanische Stellwerk aus dem Jahr 1908, das in der Unglücksnacht wie ein Kartenhaus zusammengedrückt und dem Erdboden gleich gemacht wurde. Das allein wird mehrere Millionen Euro kosten.

Die Schadensbegutachtung ist von seiten der Bahn noch nicht abgeschlossen. Das bestätigt Pressesprecherin Erika Poschke-Frost. Mit einem Schaden in zweistelliger Millionenhöhe wird gerechnet. Bei der privaten Eisenbahngesellschaft ITL kommt ein weiterer Schaden im Millionenbereich dazu. Ihr gehören die beiden verunglückten Loks und die 30 beschädigten und teilweise restlos zerstörten Waggons. Pressesprecherin Stefanie Diekmann von der ITL Eisenbahngesellschaft, einem Unternehmen der Captrain Deutschland GmbH, bestätigt einen Sachden "im hohen einstelligen Millionenbereich". Gutachterlich ist in der Zwischenzeit bestätigt, dass die Unglückslok Totalschaden erlitten hat und demnächst verschrottet wird. Derzeit steht sie im Bahnbetriebswerk in Dresden.

Der schwer verletzte Lokführer des auffahrenden Zuges ist nach Angaben seines Arbeitgebers weiterhin krankheitsbedingt nicht im Dienst. Gegen den Mann ermittelt die Staatsanwaltschaft Cottbus unter anderem wegen Verdachts auf fahrlässige Tötung. Der Beschuldigte soll vor der Abfahrt nicht bemerkt haben, dass die Hauptbremsleitung zwischen Lokomotive und Waggons geschlossen war. Ob es bereits eine Vernehmung gegeben hat, ist dem Arbeitgeber nicht bekannt.

Auf dem Hosenaer Bahnhof gehen die Arbeiten indes weiter, wenngleich in kleinen Schritten. Seit Anfang September rollen die Züge wieder über zwei Hauptgleise. Dafür mussten fünf neue Weichen gebaut werden. Jede davon eine maßgeschneiderte Spezialanfertigung. 3500 Meter Oberleitung sind ausgerichtet und teilweise neu gespannt worden. Im Dezember wird in Nähe des verschwundenen Stellwerkes ein Container für die Zugbeobachtung aufgestellt. Zudem sollen zwei neue Lichtsignale in Betrieb gehen. "Wir arbeiten uns vor", sagt Dieter Prautzsch, für den das Hosenaer Unglück das schwerste ist, das er in seinem 35-jährigen Eisenbahnerleben erlebt hat. Mit Schienenersatzverkehr während der Bauphasen müssten die Reisenden daher immer wieder rechnen. Daran werde sich in den nächsten zwei Jahren nur wenig ändern. Die Havarie-Situation bleibe für Hosena bestehen. Und weil der Bahnhof ein wichtiger Knotenpunkt und ein sensibles Nadelöhr sei, ist er laut Dieter Prautzsch auch besonders störanfällig.

Das Beseitigen aller Unfallfolgen hat die Bahn zur absoluten Chefsache gemacht. Dieter Prautzsch ist regelmäßig vor Ort, um die Arbeiten zu koordinieren und voranzutreiben. Über den Jahreswechsel soll es bis zum Frühjahr gelingen, vorübergehende Fahrmöglichkeiten in Richtung Senftenberg-Brieske zu schaffen.

Den Normalbetrieb des Bahnhofes Hosena wird es aber erst wieder geben, wenn das Stellwerk in zwei Jahren steht.