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| 12:48 Uhr

Donner beim Festungsspektakel in Senftenberg
Zur Eintrittskarte gibt es Ohrstöpsel für das Schlachtgetümmel

Die Sächsische 12-Pfünder Kanone lässt es gewaltig donnern. Die Kanoniere von der „Sächsischen Artillerie Alter Stolberg“ beherrschen ihr Handwerk in Perfektion.
Die Sächsische 12-Pfünder Kanone lässt es gewaltig donnern. Die Kanoniere von der „Sächsischen Artillerie Alter Stolberg“ beherrschen ihr Handwerk in Perfektion. FOTO: Aswendt Peter / PETER ASWENDT
Senftenberg. Die Festung Senftenberg ist beim großen Spektaktel am Wochenende wieder in heimischer Hand geblieben. Die Sachsen haben die Preußen geschlagen. Sächsische 12-Pfünder Kanone nach der großen Schlacht in Waterloo jetzt in Senftenberg abgefeuert. Mit  Mehl aus dem Supermarkt als Kugelersatz. Von Peter Aswendt

Kanonenschläge wie Gewittergrollen, Musketenschüsse, die Pulverwolken in den Himmel aufsteigen lassen, Säbelrasseln und kämpferisches Gebrüll dringen hinter dem Festungswall des Senftenberger Schlosses hervor. Die Besucher tauchen ein in das 18. Jahrhundert. Da flanieren schicke sächsische Hofdamen in üppigen Kleidern umher, Soldaten sitzen vor ihren Zelten und putzen ihre Musketen, Kinder spielen und Handwerker kommen ihrer Arbeit nach.

Die Hitze tat der Freude der Teilnehmer keinen Abbruch, endlich mal wieder die aufwendige Kleidung des Barocks ausführen zu können. „Das sind alles natürliche Materialien und wir tragen auch stilechte Leinenunterwäsche“, weiß Monique Taraba von der Gesellschaft Baroque de Saxe. Sie flaniert mit ihren Damen in korsettgeschnürten Kleidern durch den Schlosshof.

Zum fünften Mal in Folge wird nun schon in der Senftenberger Festung die Zeit zurückgedreht und ein lautstarkes Spektakel aufgeführt. „Wir wollen das Leben in einer bestimmten Epoche zeigen“, erklärt Museumsdirektor Stefan Heinz. „Eigentlich gab es gar keine Kämpfe in oder um die Senftenberger Festung in dieser Epoche. Sie war eher ein Rückzugsort für ältere Offiziere vom sächsischen Hof“, lacht er. Also auch im Barock, so um anno 1750, gab es schon Seniorenstifte, in denen es sich gut Leben lies.

Die Preußen versuchen die Sachsen aus der Festung zu verdrängen. Mit wechselnden Erfolgen behalten schließlich die Sachsen die Oberhand.
Die Preußen versuchen die Sachsen aus der Festung zu verdrängen. Mit wechselnden Erfolgen behalten schließlich die Sachsen die Oberhand. FOTO: Aswendt Peter / PETER ASWENDT

Natürlich gehörten zum barocken Leben auch Mode und Unterhaltung. Mit Modenschauen und barocken Tänzen im Innenhof des Schlosses bekamen die Besucher Einblicke in diese Zeit anschaulich präsentiert. Erstmals wurden auch alle vier Bastionen der Festung in das Spektakel mit einbezogen. Unter anderem konnten Kinder ein mit Muskelkraft angetriebenes, historisches Karussell genießen oder dem Puppentheater frönen.

Aber kein Spektakel ohne Blitz und Donner. Und so versuchte, wie in jedem Jahr, die preußische Armee den sächsischen Ruhesitz per Schlachtgetümmel in ihren Besitz zu bekommen.

Immerhin 70 Freunde der barocken Zeit haben sich in Senftenberg als Mitstreiter des Spektakels eingefunden. Darunter auch das Königlich Preußische Infanterieregiment Nummer 4, unterstützt von den „Langen Kerls“ aus Potsdam, um die Sachsen aus der Festung zu vertreiben. „Wir freuen uns jedes Mal, wenn wir unsere, mit Liebe zum Detail, gefertigten Uniformen anlegen können“, freut sich Richard Puhlmann aus Erfurt, der ein Obristenleutnant im preußischen Diensten darstellt. Die Sachsen ließen sich aber nicht lumpen und hatten mit der „Leichten Sächsischen 12-Pfünder-Kanone“ ein gewichtiges Gegenargument zur Eroberung. Der originalgetreue Nachbau des Kriegsgerätes war sogar international im Einsatz: „Wir waren bei der Nachstellung der großen Schlacht von Waterloo dabei, mit 6000 Teilnehmern“, berichtet nicht ohne Stolz Toni Fischer von der Gemeinschaft „Sächsische Artillerie Alter Stollberg“. Die zwölf Mitglieder haben die 20 000 Euro teure Kanone rund zehn Mal im Jahr im Einsatz.

Dass so ein 12-Pfünder neben der Durchschlagskraft gehörigen Krach macht, bekamen die zahlreichen Gäste auf dem Festungswall hautnah zu spüren. Gleich am Eingang bekamen die Gäste mit der Eintrittskarte Ohrstöpsel gereicht. Nach dem Kanonenschuss-Unfall beim Spektakel vor zwei Jahren eine neue Sicherheitsvorkehrung.

„Wir hätten nicht gedacht, dass es so laut ist“, sind sich Ester und Gerhard Schlegel aus Schwarzheide erstaunt. Familie Günther aus Riesa hatten ihren fünfjährigen Sohn Gorden noch Kopfhörer übergestülpt. „Wir hatten so etwas schon einmal gesehen, deshalb kannten wir den Krach“, so die Eltern.

Mittlerweile lockt das Festungsspektakel auch viele Urlauber des Seenlandes nach Senftenberg. Matei Zschimek aus Tschechien, der mit seiner Familie in Geierswalde Urlaub macht, ist voll des Lobes: „Es ist total spannend zu sehen, wie es hier damals zuging“, ist er begeistert. Bernd und Ida Drescher aus Dresden sind durch die umfangreiche Werbung auf das Spektakel aufmerksam geworden. „Wir haben ein Banner in Dresden gesehen, und da wir solche Spektakel mögen, haben wir uns auf den Weg gemacht“, erzählen beide. Mit einem Augenzwinkern zeigen sie sich natürlich stolz, dass zum Ende immer die Sachsen in Senftenberg gewinnen und die Festung sozusagen in heimischer Hand bleibt.

Die Sächsische 12-Pfünder-Kanonne donnerte übrigens am Sonntag für dieses Jahr zum letzten Mal. Sie wird mit Mehltüten aus dem Supermarkt als Kugelersatz geladen.