Das Video, das im Saal des Senftenberger Amtsgerichtes gezeigt wird, ist verstörend. Es dauert etwa eine Minute. Es ruckelt leicht und und zeigt zwei Polizisten, die in etwa drei Metern Abstand vor einem Mann stehen, der etwas in der rechten Hand hält. „Waffe weg“, schreit einer der Beamten. Nichts passiert. Die Polizisten reden weiter eindringlich auf ihn ein. Die Stimmen klingen angespannt. Dann ein lauter Knall. „Hinlegen“, ruft ein Polizist.

Obwohl gerade eine Pistolenkugel in die rechte Schulter des 24-jährigen Asylbewerbers aus dem Tschad eingedrungen ist, bleibt der Mann zunächst stehen. Einen Augenblick später wird er von den Beamten niedergerungen. „Ich habe Dich gewarnt“, ist noch zu hören. Dann ist das Video zu Ende.

Handyvideo dient als Beweismittel

Der mit einem Handy gedrehte Film ist aus einiger Entfernung aufgenommen worden. Im Hintergrund ist der graue Plattenbau der 2014 eröffneten Gemeinschaftsunterkunft in Lauchammer-Ost zu erkennen. Nun dient das anfangs über soziale Medien verbreitete Video als Beweismittel.

Verantworten muss sich der heute 25-Jährige für insgesamt sieben Handlungen, die ihm die Staatsanwaltschaft Cottbus vorwirft. An dem Tag im Juni vergangenen Jahres soll er vor dem Eintreffen der Polizisten im Heim – offenbar unter Drogen – randaliert haben. Einen Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes soll er eine Rippe gebrochen und ihn im Gesicht verletzt haben. Zuvor soll er mit einer Astschere das Kabel einer Überwachungskamera durchschnitten und mit einer Metallleiste die Brandmeldeanlage außer Gefecht gesetzt haben.

Angeschossener Asylbewerber wird am Krankenhausbett fixiert

Zwei Tage später soll er im Klinikum in Senftenberg versucht haben, die bewachenden Beamten zu stoßen, und er soll sie arg beleidigt haben. Schließlich wurde der Mann wegen seines aggressiven Verhaltens am Bett fixiert.

Vor dem Schöffengericht um Strafrichter Harald Rehbein bestreitet der Angeklagte die Taten zum Prozessauftakt, der beinahe geplatzt wäre, weil der Angeklagte trotz Vorladung nicht im Gerichtssaal erscheint. Richter Rehbein ordnet eine polizeiliche Vorführung an – 90 Minuten später startet die Verhandlung. Zur Aufklärung des Sachverhaltes steuert der Angeklagte allerdings nichts bei. Stattdessen stört er das Gericht immer wieder mit Selbstgesprächen, bei denen er an die Decke schaut und mit seinen Händen gestikuliert. Zwischendurch lächelt er unvermittelt. Dann ist er wieder ganz ruhig und hört bereitwillig zu.

Anwalt zweifelt Verhandlungsfähigkeit seines Mandanten an

Neben dem Angeklagten sitzt ein bestellter Übersetzter, eine Verständigung erweist sich trotzdem als kompliziert. Selbst Rechtsanwalt Mark Swatek dringt offenbar nichts zu seinem Mandanten vor. „Ich habe versucht, mit ihm zu sprechen. Das gestaltet sich als sehr schwierig. Ich habe gewisse Zweifel daran, dass er verhandlungsfähig ist“, sagt er.

Doch kann der Sachverständige Dr. Jürgen Rimpel eine psychische Störung, die dafür vorliegen müsste, nicht feststellen. Rimpel führt das „impulsive“ Verhalten eher darauf zurück, dass der Angeklagte die hiesigen Gepflogenheiten nicht kenne.

Wachmann kann sich Tat nicht erklären

Die beiden als Zeugen geladenen Wachmänner haben den Mann bis zu dem Vorfall eher als unauffällig wahrgenommen. Der bei dem Zwischenfall verletzte Sicherheitsmitarbeiter könne sich die Tat nicht erklären. „Ich bin mit dem Angeklagten immer sehr gut zurecht gekommen“, sagt er. An dem Tag habe er dem Mann auf seine Bitte hin eine Astschere ausgehändigt. Das sei üblich, weil die Asylbewerber auf dem Gelände arbeiten können und sich so ein bisschen Geld dazuverdienen. „Da gab es nie Probleme“, versichert er.

Noch nicht gehört worden sind die beiden im Einsatz gewesenen Polizisten. Am kommenden Donnerstag soll die Verhandlung am Amtsgericht Senftenberg fortgeführt werden.