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| 17:36 Uhr

Erst der Naturschutz und zuletzt der Tourismus
Nabu-Protest gegen Abtragen von Insel-Land im Senftenberger See

Vorbereitung für die Inselsanierung: Ein Boot der LUG Engineering GmbH fährt am Mittwoch für Vermessungsarbeiten auf dem Senftenberger See.
Vorbereitung für die Inselsanierung: Ein Boot der LUG Engineering GmbH fährt am Mittwoch für Vermessungsarbeiten auf dem Senftenberger See. FOTO: Rasche Steffen / STEFFEN RASCHE
Senftenberg. In wenigen Tagen beginnen die Sicherungsarbeiten an der Insel im Senftenberger See. Jetzt sorgt eine Bekanntmachung vom Naturschutzbund-Regionalverband Senftenberg, der den Tourismus an letzter Stelle sieht, für Wirbel. Von Jan Augustin

Statt Ausflugsdampfern schippern Sanierungsboote in den nächsten Tagen über den Senftenberger See. An der Insel werden akut rutschungsgefährdete Bereiche abgebaggert und in tiefe Stellen versenkt. Grund dafür ist die Erdbewegung Mitte September, als unweit von Niemtsch eine 250 mal 200 Meter große Fläche der Insel ins Wasser abbrach. Eine Rotte Wildschweine soll wahrscheinlich der Auslöser gewesen sein. Zunächst wurden Teilbereiche, dann der komplette See samt Ufer gesperrt. Das ist noch immer so. Zum Saisonstart im April 2019 soll der See aber wieder freigegeben sein. Kurz vor dem Beginn der Sanierungsarbeiten sorgt jetzt ein Memorandum des Naturschutzbundes für Wirbel.

Unterschrieben ist das zweiseitige, im Namen des Nabu-Regionalverbandes Senftenberg veröffentlichte Schreiben von Naturschützer Dr. Klaus Uhl. Der gebürtige Vogtländer, Mediziner und Vogel-Experte war einer der Ersten in der Region, die nach der Wende dem Nabu beigetreten sind. Uhl hat eine Prioritätenliste für den Senftenberger See aufgestellt. Drei Punkten schenkt er Wichtigkeit. Punkt 1: die wasserwirtschaftliche Nutzung bei Hoch- und Niedrigwasser. Punkt 2: der Naturschutz. Punkt 3: Tourismus.

„Diese Nutzung muss an letzter Stelle stehen, da sie an vielen Stellen der Seenkette durchgeführt werden kann“, schreibt er. Ein ständige Zunahme des Tourismus könne nicht erfolgen, da sonst der Begriff sanfter Tourismus konterkariert werde. „Die Zahl der Wasserfahrzeuge muss limitiert werden“, fordert er. Insbesondere die Boote mit Verbrennungsmotoren sind ihm ein Dorn im Auge. Deutlich spricht er sich gegen die durch das Brandenburger Landesbergamt angeordnete „Sofortmaßnahme am Senftenberger See“ aus: „Ein Abtrag der Finger im Nordosten der Insel verbietet sich aus Naturschutzgründen, zumal er auch viel Geld kostet.“

Rutschung im Senftenberger See FOTO:

Senftenbergs Bürgermeister Andreas Fredrich (SPD) bringt diese Resolution auf die Palme. Nachdem er sich kurz nach der Rutschung wie alle anderen beteiligten Behörden öffentlich in Zurückhaltung üben musste, weil nur das federführende Bergamt relevante Auskünfte zum Thema erteilt hat, findet er nun klare Worte: „Für mich hat der Tourismus die oberste Priorität. Dann kommt eine ganze Weile nichts und das war’s.“ Der Senftenberger See solle Fredrichs Meinung nach weg von der wasserwirtschaftlichen Betrachtung hin zu einer rein touristischen. Die geplante Beseitigung der Untiefen sei aus sicherheitsrelevanten Gesichtspunkten notwendig. Und er habe einen nützlichen Nebeneffekt: Die Nutzbarkeit des See könne so wieder größer werden.

Der Senftenberger See hat eine Gesamtgröße von 1456 Hektar. Davon stehen 886 Hektar Land- (347 Hektar) und Wasserfläche (539) unter Naturschutz. Saison für Saison werden deshalb Absperr-Tonnen um die Insel gelegt. Zuletzt vergrößerte sich diese Fläche. Der gesamte See ist als Fauna-Flora-Habitat europaweit geschützt.

Dass der Tourismus wichtig ist, weiß auch der Vizechef vom Nabu-Landesverband, Dr. Werner Kratz. Es müsse aber ein naturnaher sein. Dem Senftenberger Verband gibt er Rückendeckung. „Der Wasserbereich der Insel hat eine Vielzahl hochschützenswerter Pflanzen.“ Kratz war jahrelang Referatsleiter im Landesumweltamt. Heute setzt er sich unter anderem für die Umsetzung der EU-Wasserrahmenrichtlinie ein. Sollten sich im Nahbereich der Finger Arten befinden, die auf der Roten Liste stehen, behalte sich der Nabu juristische Schritte vor. Kratz betont aber auch: „Der Naturschutz ist auf keinen Fall Verweigerer.“ Strategie sei es, möglichst einvernehmlich und konfliktfrei nach Lösungen zu suchen.

„Ein Abtrag der Rippen und der Flachwasserbereiche könnte ein Verlust des Schutzstatus bedeuten“, warnt auch die Berliner Biologin Gabriele Weiß. Unter Federführung der Stiftung NaturSchutzFonds Brandenburg ist sie an der Entwicklung des Managementplanes für die Insel beteiligt. Das Werk befindet sich in der Endfassung. 43 Arten, die auf der Roten Liste stehen, seien nachgewiesen worden. Die meisten davon im Wasser. Mit dem Strandling und dem Knoten-Laichkraut gebe es sogar zwei Pflanzen, die vom Aussterben bedroht sind. Unklar sei auch, wie sich das Verteilen von Erdmassen auf die wasserchemische Qualität auswirkt. „Das gesamte Gewässer könnte umkippen.“ Gabriele Weiß zeigt andererseits auch Verständnis für die Entscheidung des Bergamtes: „Die Sicherung ist für den Menschen“, sagt sie.