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| 02:42 Uhr

Mit Spaten und Hacke zur Mietergemeinschaft

Das ist der harte Kern von ehemals 18 Familien, die im Dezember 1970 gemeinsam in die Ponickauer Straße 20-24 eingezogen sind.
Das ist der harte Kern von ehemals 18 Familien, die im Dezember 1970 gemeinsam in die Ponickauer Straße 20-24 eingezogen sind. FOTO: asw1
Ortrand. Einige Mieter der Ponickauer Straße in Ortrand haben kürzlich ein besonderes Jubiläum gefeiert: 45 Jahre Wohngemeinschaft. Die lange gemeinsame Zeit und die Entstehungsgeschichte dieser außergewöhnlichen WG sind einmalig. Peter Aswendt

Um das Außergewöhnliche zu verstehen, muss man sich in das Jahr 1968 zurückversetzen. Die damalige DDR kam mit dem staatlichen Wohnungsbau nicht hinterher. Wer eine Wohnung wollte, musste kinderreich sein oder den heißen Draht zum Parteisekretär pflegen. Wohnungen wurden über die Betriebe verteilt. Materialknappheit und lange Bauzeiten taten ihr Übriges. Das Zauberwort hieß "Initiativbau". Das Motto: "Wenn du eine Wohnung haben willst, dann baue sie dir selbst".

So erging es auch 18 Ortrander Familien, die in den umliegenden Betrieben wie Eisenhütte oder Gummiwerk tätig waren: "Für uns war das wie ein Sechser im Lotto", erinnert sich Reiner Hofmann. "Wir lebten ja noch mit Zinkbadewanne und Plumpsklo übern Hof", lacht er. An die Wohnungszuteilung gebunden waren Pflichtstunden zur Eigenleistung, und die waren nicht ohne: "Da mussten die ganze Familie, die Verwandten und auch Bekannten mit ran", beschreibt Heinz Schalge die Arbeitseinsätze. Für eine Zweiraumwohnung mussten 500 Stunden erbracht werden, für eine Dreiraumwohnung 550 und 600 Stunden für eine Vierraumwohnung - wohlgemerkt neben der täglichen Arbeitszeit.

Mit der Vermessung im Oktober 1968 begann die lang ersehnte Bauzeit: "Wir haben jeden Kabelgraben, das Fundament und alle möglichen Schachtarbeiten nur mit Spitzhacke und Spaten gemacht", beschreibt Gotthard Apitz. "Einige sind auch in den Wald gefahren, um Holz für die Dachlatten zu schlagen." Christa Hofmann erinnert sich: "Einige unserer Männer waren sogar beim Betonplattengießen in Elsterwerda dabei."

Dass in dieser wilden Bauzeit auch so mancher seinen Schutzengel über die Gebühr strapazierte, ist heute vielen klar. "Der damalige Bauleiter Fritz Sickert war dem Schock nahe, als er sah, wie wir das Dach mit den schweren Betonsteinen deckten und jegliche Statik ignorierten", beschreiben die Mieter nur eine brenzlige Situation auf der Baustelle.

Aber nichts konnte die wackeren Neumieter damals aufhalten. Und so kam der Moment des Einzuges nach zweijähriger Bauzeit im Dezember 1970: "Wir wollten so schnell wie möglich in die neue Wohnung", weiß noch heute Christa Hofmann. "Weihnachten wollte wir im eigenen Bad mit Badeofen und Badewanne ganz gemütlich baden", sagt sie über das Ziel. Am 22. Dezember 1970 zog Familie Hofmann als eine der letzten Familien in die Ponickauer Straße ein. Dass die Umzugsquerelen über die Weihnachtsfeiertage hinaus und somit auch zum Jahreswechsel die Mieter beschäftigte, störte niemanden: "Wir haben immer Januar 1971 kräftig nachgefeiert", kommt es aus den Reihen der WG-Jubilare.

Wie beeindruckend die Leistungen der Mieter waren, zeigen nur einige Zahlen: 8900 Pflichtstunden mussten alle Mieter gemeinsam leisten, tatsächlich wurden aber 17431 Arbeitsstunden von den Mietern und deren Angehörigen geleistet. Manche Familien inklusive Verwandtschaft mit acht Personen auf dem Bau. So viel Engagement schweißt natürlich zusammen. Fortan war die Ortrander WG eine eingeschworene Gemeinschaft, die sich mit einem Swimmingpool mit 15 000 Liter Wasserinhalt ihr eigenes Strandfeeling schuf. "Nach manchen Partys sind wir schon mal ohne Badesachen hineingehüpft", wirft Renate Bachus mit einem schelmischen Lächeln ein. In den darauffolgenden Jahren gewann die WG der Ponickauer Straße dreimal den Wanderpokal der staatlichen Wohnungsgesellschaft. Er ist noch heute im Klubraum der Mietergemeinschaft zu bewundern.

Die vielen Überstunden wurden in der damaligen Zeit ordentlich abgegolten: "3,50 DDR-Mark gab es für jede mehr geleistete Stunde", so der WG-Statist Gotthard Apitz. Reiner Hofmann schiebt nach: "Davon konnten wir zehn Jahre unsere Sommerfeste finanzieren." Die gemeinsame Kasse gibt es heute noch. Im selbst eingerichteten Klubraum mit eigenen Zählern für die Versorgung wird von jedem zwischen einem und zwei Euro eingezahlt, um die Kosten zu decken. Einmal pro Monat steht ein Treffen an, bei dem über viele Dinge, die die Mieterwelt bewegt, geredet wird. Oder es werden Feste vorbereitet.