Sven S.* (45) aus Senftenberg sitzt nicht als unbeschriebenes Blatt auf der Anklagebank. Der Einzelhändler, der als Selbstständiger einen Laden mit Geschenkartikeln in der Stadt geführt hat, reist zur Verhandlung aus der Justizvollzugsanstalt Cottbus an. Hinter schwedische Gardinen, die er bereits kennengelernt hat, ist er eigenen Angaben zufolge von einem ihm nur flüchtig bekannten Mann gebracht worden. Der habe ihn verladen und bei der Polizei angeschwärzt - zu Unrecht.

Oktober 2015: Am Tag der Deutschen Einheit sind Streifenpolizisten in Senftenberg zu nächtlicher Stunde im Einsatz. In Höhe des Einkaufsmarktes an der Bahnhofstraße kontrollieren sie Verkehrsteilnehmer. André M.*, der sich als geladener Zeuge gestern eine Viertelstunde vor Verhandlungsbeginn krankmeldet, beobachtet die Beamten. "Seine Anwesenheit wirkte regelrecht aufdringlich", schildert ein Beamter vor Gericht. Ein Polizist spricht ihn an. Und Andrè M.* fragt, ob die Ordnungshüter nicht lieber echte Polizeiarbeit täten. Er wisse, dass in einer nahe gelegenen Kellerwohnung an der Laugkstraße gerade Kokain-Geschäfte liefen. Die Wegbeschreibung liefert er im Detail mit.

Der des Handelns mit verbotenen Betäubungsmitteln angeklagte Sven S. ist seit 20 Jahren selbst Konsument von Cannabis und Kokain, erklärt Verteidiger Armin Krahl. Und der nicht erschienene Zeuge André M. habe seinen Mandanten gelinkt.

Etwa drei Monate vor der Festnahme soll der einschlägig als Betrüger und Dieb vorbestrafte spätere Tippgeber der Polizei bei Sven S. im Laden aufgetaucht sein und gefragt haben, ob der Gras bei ihm kaufen könne. Dies habe sein Mandant verneint. Später habe der Mann bei Sven S. vorgefühlt, ob dieser Interesse habe, Kokain zu verkaufen. Lediglich eine Kostprobe für 100 Euro habe der Rauschmittelsüchtige für sich erworben. Als André M. darum gebeten habe, das ganze Kokain bei ihm zu lagern, habe Sven S. zugestimmt. Dies sei nur kurze Zeit vor Auftauchen der Polizei und sein Kardinalfehler gewesen. Die hohe Menge Drogen sei ihm untergeschoben worden - und damit "Besitz für einen anderen", so der Rechtsanwalt.

"Dass jemand Betäubungsmittel verkauft und dann die Polizei ruft, habe ich so noch nicht erlebt", erklärt einer der Polizisten im Zeugenstand spürbar an der Story zweifelnd. Sven S. hatte, wie er gestern auch eingeräumt hat, bei der Vernehmung gelogen. Ein Türke, so seine erste Version, sollte ihm die Drogen gegeben haben. Doch die Geschichte hat ihm der Polizist damals nicht abgenommen. "Seine körperliche Haltung ließ darauf schließen, dass er die Dinge nicht aus dem Gedächtnis abrief, sondern eine Geschichte erfand", sagt der erfahrenen Drogenermittler aus. Die Dunstwolke, die den Polizisten aus der Wohnung entgegenströmte, ließ sofort auf Cannabis schließen. Im Küchenbereich der Wohnung wurde eine Einkaufstüte mit Hanfblüten gefunden. Eine Feinwaage wurde entdeckt. Auf dem Tisch war eine Kokain-Line für den Konsum vorbereitet. Und im Schlafzimmer brachte der Griff ins angekippte Kellerfenster das Kokain in deutlich mehr als einer nicht geringen Menge zum Vorschein: konkret 87,69 Gramm mit einem sehr hohen Wirkstoffanteil.

Der Vorwurf des Handelns mit Betäubungsmitteln ist Sven S. nicht nachgewiesen worden. Strafrichter Harald Rehbein hat ihn zu zwei Jahren und acht Monaten Haft verurteilt. Denn auch der Besitz der Drogen, hier zusammen das etwa 16fache der nicht geringen Menge, ist strafbar. Der Mann bleibt im Knast. Gegen das Urteil sind Rechtsmittel möglich. Gegen André M. wird ermittelt. (*Namen geändert)