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| 06:57 Uhr

Forschung
Mit grüner Kohle gegen braunes Wasser

Im Kleinstversuch klappt es bereits: Hans-Jürgen Schmager gibt die stark eisenhaltige Substanz auf die Biokohle. Heraus kommt, zumindest optisch, klares Wasser.
Im Kleinstversuch klappt es bereits: Hans-Jürgen Schmager gibt die stark eisenhaltige Substanz auf die Biokohle. Heraus kommt, zumindest optisch, klares Wasser. FOTO: Richter-Zippack
Senftenberg. Der Senftenberger Hans-Jürgen Schmager  will mit Pflanzenkohle Flüsse und Fließe vom Eisenocker befreien. Von Torsten Richter-Zippack

Was lange währt, wird gut: Beispielsweise bei Hans-Jürgen Schmager aus dem Senftenberger Ortsteil Brieske: „Eigentlich hatte meine Mutter schon vor rund 70 Jahren die zündende Idee für mein Projekt. Jedes Mal vor dem Wäschewaschen hängte sie ein Säckchen unter den Wasserhahn. Die darin befindliche Holzkohle säuberte die schmutzige Flüssigkeit, die damals aus der Leitung kam. Als Kind habe ich über das saubere Wasser gestaunt, das anschließend in den Eimer floss“, erinnert sich der heute 78-Jährige.

Damals ahnte der gebürtige Senftenberger nicht, dass ausgerechnet die Holzkohle der Mutter sieben Jahrzehnte später einem Experiment den Weg ebnete, das möglicherweise über die Lausitzer Grenzen hinaus für Furore sorgen könnte. Denn Kohle, so erklärt Hans-Jürgen Schmager, ist längst nicht nur zum Verbrennen und zur Brikettierung geeignet, sondern besitzt auch hervorragende Filtereigenschaften. Damit könne nicht nur Mutters Waschwasser gesäubert werden, sondern ganze Fließe und Flüsse. Viele dieser Gewässer in der Lausitz sind durch Eisenschlamm belastet. Diese ocker­farbene, lebensfeindliche Substanz gelangt durch den Bergbau bedingt in das Wasser, sorgt für die braune Farbe und schränkt den Raum für Pflanzen und Tiere massiv ein. Bislang gibt es in der Wissenschaft noch keinen Durchbruch, wie die betroffenen Gewässer nachhaltig gereinigt werden können.

Ausgerechnet mit Kohle will Schmager das Problem angehen. Allerdings nicht mit dem Bodenschatz aus Lausitzer Tagebauen, sondern mittels Biokohle. Dieses Produkt entsteht aus biogenen Abfällen. Besonders in Süddeutschland und den Alpenländern wird die grüne Kohle bereits in Größenordnungen hergestellt. Entweder wird aus den Abfällen unter Druck und hohen Temperaturen der Kohlenstoff herausgelöst, sodass eine schlammige Masse übrigbleibt, die anschließend getrocknet wird. Oder aber mittels einer sauerstoffarmen Verbrennung des Biomülls, der Pyrolyse. Das fertige Produkt werde unter anderem als Kompost beziehungsweise als Spezialerde für diverse Kulturen genutzt. Der Kubikmeter sei für rund 300 Euro zu haben.

„Die grüne Kohle hat ähnliche Eigenschaften wie Holzkohle“, sagt Hans-Jürgen Schmager. Dank der porösen Oberfläche könne die Substanz den Eisenschlamm aufnehmen. „Sozusagen ein echter Filter. Am Ende kommt sauberes Wasser heraus“, erzählt der ehemalige Landwirt und Meliorationsingenieur. Allerdings, so schränkt er ein, sei das „Restwasser“ chemisch bislang noch nicht untersucht worden. Das sei aber zwingend notwendig.

Die mit Eisenschlamm gefüllte Biokohle müsse anschließend nicht deponiert, sondern könne weiterverwendet werden. Denn wird das Produkt in den Boden eingearbeitet, gebe es die aufgenommenen Stoffe nach und nach wieder ab. Also auch das Eisen, das nach Stickstoff, Phosphor und Kalium als viertwichtigster Pflanzennährstoff gilt. Doch wie soll die grüne Kohle in die Lausitzer Fließe gelangen? Auch dafür hat Hans-Jürgen Schmager eine Lösung: „Mittels spezieller Körbe kann die Substanz an ganz bestimmten Stellen im Wasser versenkt werden“, erklärt der Ingenieur.

Inzwischen interessieren sich auch die Bergbausanierer von der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) für das Projekt des Senftenbergers. Für den 9. April sei ein Gespräch anberaumt, dem kurz darauf der Feldversuch folgen solle. „Bislang kennen die LMBV-Experten das Projekt nicht, sodass es auch noch in keiner Weise bestätigt werden konnte. Unsere Fachleute können daher erst nach dem Termin entscheiden, ob es sich für die Praxis der Bergbausanierung eignet oder auch nicht“, sagt LMBV-Sprecher Uwe Steinhuber.

Gemeinsam mit dem Nabu-Regionalverband Senftenberg soll im Rahmen des Experiments das fast ausgetrocknete Naturschutzgebiet Mariensumpf auf der Kippe südwestlich von Großräschen wiederbelebt werden. Konkret ist geplant, einen stark mit Eisenschlamm belasteten Graben anzuzapfen, das Wasser mittels der grünen Kohle zu säubern und anschließend in den Sumpf zu leiten. Falls das funktioniert, könnte das Verfahren lausitzweit zum Einsatz kommen. „Meine Vision ist es, die Zuflüsse zur Spree und zur Schwarzen Elster zu säubern. Dann sollten sich auch die größeren Gewässer regenerieren“, erklärt Schmager.

Inzwischen hat sich auch Siegurd Heinze,. Landrat des Oberspreewald-Lausitz-Kreises eingeschaltet. „Wer bezüglich des Eisenschlamms die Patentlösung hinbekommt, ist für mich nobelpreisverdächtig.“ Er wolle das Projekt mit seinen Behörden unterstützen.

Apropos Patent: Mit seinem Vorhaben ist Hans-Jürgen Schmager inzwischen beim Deutschen Patent- und Markenamt vorstellig geworden. Inzwischen gibt es dafür bereits einen Sponsor. Der Umweltfachmann Joseph Fischl aus Großräschen ist von der Idee so angetan, dass er sich bereit erklärt, sich an den Gebühren zu beteiligen.