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| 18:57 Uhr

Ausstellung im Schloss
Mit Fantasievögeln auf die Reise gehen

Christine Przybilski in ihrem Atelier.
Christine Przybilski in ihrem Atelier. FOTO: privat
Senftenberg. „Nichts ist mir zu klein“ heißt die von der Lausitzer Kunstsammlung initiierte Ausstellung der Schmuckdesignerin Christine Przybilski, die bis zum 24. Juni auf Schloss und Festung Senftenberg zu sehen ist. Die RUNDSCHAU war mit der 66-jährigen Künstlerin auf Entdeckungsreise in der Schau. Von Heidrun Seidel

„Ich habe es fast immer bei mir“, sagt Christine Przybilski. Sie nestelt in ihrer Umhängetasche und holt ein Büchlein heraus. In ihm trägt sie Gedichte mit sich herum. Eigentlich hat sie diese ohnehin in Kopf und Herz dabei, nur, wie zur Vergewisserung, muss sie diese noch einmal Schwarz auf Weiß und zum Anfassen in der Hand halten. Es sind Gedichte, die sie berühren und inspirieren bei ihrer künstlerischen Arbeit. Und die „als Hörbuch bei mir in einer Schleife laufen“, weil sie sich in ihnen wiederfindet. Neben Rainer Maria Rilke, dessen Textzeile „Nichts ist mir zu klein“ das Ausstellungsmotto beschreibt, hat es ihr vor allem die deutsche Lyrikerin und Schriftstellerin Hilde Domin (1909 bis 2006) angetan. Deren lyrische Texte haben in Przybilskis Arbeiten Gestalt angenommen. Texte über Liebe, Hoffnung, Mut, Loslassen, der Suche nach sich selbst und dem So-sein-dürfen-wie-ich-Bin, vom fantasievollen Schweben und Träumen, vom ewigen Streit zwischen Geborgenheit und Gefangensein. Oder von der Frage: Will ich in meinem Leben Adler oder Ameise sein?

Ob mit Ringen, Arm- oder Halsschmuck, Ansteckern, Medidationsketten, ob als Skulpturen, in kleinen und größeren Wandbildern, Collagen oder Assemblagen, den Collagen mit plastischen Objekten – in den zwischen 1974 und 2017 geschaffenen Werken, die die Ausstellung zeigt, ist diese andauernde Suche zu entdecken. Sie wird noch deutlicher durch die unterschiedlichen Materialien und Techniken. Vor allem Silber gehört zu ihren bevorzugten Metallen, weil es „so tolle Farbverläufe“ möglich macht. Aber auch Gold, Aluminium, Eisen, Kupfer, Platin und Titan kommen zum Einsatz. „Ich liebe Metalle“, gesteht sie – und die Begeisterung über den anscheinend so nüchternen und unter ihren Händen doch lebendig werdenden Stoff lässt ihre Augen strahlen. So hat sie anfangs oft nächtelang in ihrer Werkstatt gesessen, um das Verhalten und die Veränderungen der jeweiligen Metalle und Edelmetalle in den unterschiedlichsten Techniken, ob geschleudert, gewalzt, getrieben, der Ver- und Bearbeitung zu studieren. „Ich habe in den ersten Jahren richtige Versuchsreihen aufgebaut“, berichtet sie lächelnd. Gern denkt sie auch an die fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Seidewinkler Metallgestalter Manfred Vollmert.

Die Lust am Experimentieren und Entdecken ist wohl einer der Wesenszüge der Senftenberger Künstlerin, die einer Familie mit langer Goldschmiedetradition entstammt und nach absolvierter Ausbildung in diesem, zu den ältesten Metallhandwerken gehörenden Beruf, die Fachschule für Angewandte Kunst in Heiligendamm 1975 als Diplom-Designerin beendet hat. Die Experimentierlust hat sie auch zu ganz anderen Materialien geführt, wie Filz, Acryl, Halb- oder Edelsteinen, Elfenbein. Ein anderer Wesenszug ist die Energie, mit der sie sich immer wieder einbringt, um das Bildnerische Schaffen im Oberspreewald-Lausitz-Kreis sichtbar zu machen. Davon zeugen die Initiative zur Teilnahme der Künstler des Kreises an den jährlichen Brandenburger Tagen des offenen Ateliers, die regelmäßigen Pleinairs auf dem Sauer-Platz vor ihrem Atelier und die Aktivitäten der Künstlergruppe 07, zu deren Mitbegründern sie gehört.

Etwas mehr von dieser Energie gehört mit 66 Jahren der Familie: Christine Przybilski hat keine zwingenden Öffnungszeiten mehr für ihr Ateliergeschäft ausgewiesen. „Seit der Laden geschlossen ist, habe ich mich breit gemacht“, gesteht sie: „die Werkstatt auf die Ladenfläche ausgeweitet.“ Denn ihrer Arbeit bleibt sie treu, und sie wird ihre künstlerischen Ideen auch weiterhin in freier Arbeit umsetzen und Neues probieren.

An der Bahnhofsstraße 12 hat sie seit 1997 ihr Atelier und damit nicht nur einen neuen Anziehungspunkt an der alten Kaufhauskreuzung geschaffen, sondern auch an den einstigen Besitzer, den Chronisten der Niederlausitz, Dr. Rudolf Lehmann, erinnert. Mit diesem Standort war für die freiberuflich tätige Künstlerin damals auch eine schwierige Zeit zu Ende gegangen. Seit 1981 freischaffend, war mit der Wende das Interesse der Kundschaft weggebrochen. „Es gab keinen staatlichen Kunsthandel mehr – und wir mussten lernen, uns selbst zu vermarkten“, erinnert sie sich. Ein Jahr habe sie Tag und Nacht geschuftet, aber keinen Pfennig verdient. „Das war eine harte Zeit, in der ich manchmal verzweifelt war und nicht wusste, wie es weitergehen sollte.“ Aber von ihrer Kunst wollte und konnte sie nicht lassen. Erst allmählich wuchs wieder die Nachfrage nach außergewöhnlichem Designerschmuck.

In der aktuellen Ausstellung sind auch eindrucksvolle Stücke aus jener Zeit zu sehen. Außerdem gehen die Fantasievögel auf die Reise, die sie in unterschiedlichen Formen und Größen aus 0,2 Millimeter starkem Aluminium gefertigt hat, lassen der Märchenbrunnen und die Gänseblümchenwiese auf Filz die Gedanken schweifen, oder entführen die Collagen „Über und unter den Wolken“ und die unterschiedlichen Variantionen ihrer faszinierenden „Gitter und Netze“ zum Nachdenken und Nachfühlen über grenzenlose Freiheit und über deren Grenzen.

Die Ausstellung der Schmuckdesignerin Christine Przybilski ist bis zum 24. Juni zu den Öffnungszeiten des Museums zu sehen: dienstags bis sonntags von 10.30 Uhr bis 17.30 Uhr.

Zeit, Zeit heißt dieses Objekt von Christine Przybilski in der aktuellen Sonderausstellung in Schloss und Museum Senftenberg.
Zeit, Zeit heißt dieses Objekt von Christine Przybilski in der aktuellen Sonderausstellung in Schloss und Museum Senftenberg. FOTO: Landkreis OSL
Halskette von Christine Przybilski.
Halskette von Christine Przybilski. FOTO: Landkreis OSL