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Mit der Seeschlange durch Großräschen

Ulrich Smol aus Großräschen steuert die Seeschlange auf der neuen Rundfahrt durch seine Heimatstadt.
Ulrich Smol aus Großräschen steuert die Seeschlange auf der neuen Rundfahrt durch seine Heimatstadt. FOTO: Andrea Budich
Großräschen. Eine Rundfahrt in der Seeschlange durch Großrä schen. Für dieses Angebot hätten die alten Kohlekumpel aus der Brikettfabrik "Sonne" nur ein müdes Lächeln gehabt und mit großer Wahrscheinlichkeit den Zeigefinger schwungvoll hin zur Stirn geführt. Andrea Budich

Eine Rundfahrt in der Seeschlange durch Großrä schen. Für dieses Angebot hätten die alten Kohlekumpel aus der Brikettfabrik "Sonne" nur ein müdes Lächeln gehabt und mit großer Wahrscheinlichkeit den Zeigefinger schwungvoll hin zur Stirn geführt. Ulrich Smol, Reiseführer und Seeschlangenfahrer in einer Person, war selbst Bergmann. Als Bergbauingenieur hat er bis 1991 im Tagebau Greifenhain gearbeitet. Die "Rundfahrt Großräschen" ist seine Idee. "Die Tour hat er mit viel Herzblut ausgearbeitet. Er führt amüsant erzählend historisch Wertvolles, Kurioses und geschichtliche Schnipsel gekonnt so zusammen, dass selbst gestandene Großrä schener ins Staunen kommen", bescheinigt Eckhard Hoika von Aktiv-Tours seinem Reiseführer wirklich gute Arbeit. Er selbst gilt als Pionier des Tourismus in der neuen Reiseregion in der Bergbaufolgelandschaft und ist inzwischen in seiner 15. Saison mit Gästen unterwegs.

Die Rundfahrt Großräschen ist speziell für Leute gemacht, die in die alte Heimat wieder zurückziehen und Erinnerungen auffrischen wollen. "Wer nach den 50 Minuten aussteigt, weiß, dass Großräschen die zweite Chance ziemlich gut genutzt hat", sagt Ulrich Smol. Er ist in Großräschen-Ost aufgewachsen und hat sie noch selbst erlebt, die Zeit, in der alles schwarz wurde, wenn in der Brikettfabrik die Filter abgestellt wurden. Und genau davon erzählt der Bergmann, der in seinem zweiten Leben Touristiker wurde, seinen Gästen sehr erffrischend und spannend. Wenn er die Seeschlange mit gemütlichen 25 Sachen an historischen Objekten vorbeilenkt, nimmt er auch immer wieder Bezug auf die bergbauliche Geschichte. Und wenn er mit der vollbesetzten Kleinbahn mit 42 Gästen die Allee der Steine entlang tuckert, dann fehlt natürlich auch kein Hinweis zum Aussichtspunkt Victoriahöhe, wo sich einst die Brikettfabrik Victoria befand. "Die Gäste brennen auf die Geschichten aus dem aktiven Bergbau und darauf, wie die Vision vom Lausitzer Seenland schrittweise umgesetzt wird", erklärt er.

Vorbei geht es auch an der Gaststätte "Kristallsaal" mit bleuchtetem Tanzboden und dem Kino, in dem die älteren Großräschener noch saßen. 1928 war der Spielbetrieb aufgenommen worden. Ulrich Smol gestattet seinen Gästen einen Blick hinüber zum alten Dorfanger von Kleinräschen mit rundlingsartigem Abschluss. Dann lässt er die Bahn über die Bundesstraße rollen, einst die legendäre Fernstraße 96, die von Saßnitz über Großräschen nach Zittau führte. Weiter geht es durchs Malerviertel mit der Kultgaststätte "Lausitz", die zum Caritas-Integrationszentrum umgebaut wird. Nach einem Abstecher in die Grüne Mitte wird das Freizeit- und Erholungszentrum angesteuert, später der nördliche Stadtrand.

Vergangenheit und Zukunft kann Ulrich Smol spielend auch am Bahnhof lebendig werden lassen. 1874 erbaut, hatte er nach der Erweiterung sechs Haupt- und neun Nebengleise. Bis zu 880 Waggons wurden hier früher täglich abgefertigt. Der Bahnhof hat in den Jahrzehnten vor der Wende große Güterströme erlebt - aus den Brikettfabriken, Klinkerwerken, Glasfabriken und anderen Industrieunternehmen. Interessante Züge waren in den 70er- und 80er-Jahren vor allem die Autoganzzüge, die Trabant, Wartburg und Lada zum zentralen IFA-Auslieferungslager nach Großräschen brachten. Heute ist der einstige Eisenbahnknotenpunkt ein Gesundheitsstudio.

Erinnerungen werden bei den Fahrgästen auch wach, wenn Ulrich Smol vom Lunapark erzählt, von der Betriebssportgemeinschaft "Aufbau", die in den 50er-Jahren in der ersten DDR-Liga kickte, und davon, wie er Weihnachten mit seinem Vater im Tagebau Sedlitz stand. "Ich will zeigen, wie viel Großräschen heute zu bieten hat", sagt Ulrich Smol bescheiden. Dass er mit der neuen Tour den Nerv der Leute trifft, beweist die überraschend große Nachfrage.

Zum Thema:
Die Rundfahrt Großräschen ist neu im Angebot von Aktiv-Tours und startet wieder am 17. September 2017 um 11 Uhr an den IBA-Terrassen in Großräschen. Die Gäste erfahren Interessantes über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Großräschen. Dabei wird ein Eindruck von den großen Herausforderungen für die Stadtentwicklung vermittelt, die Großräschen zu meistern hat.Eine thematische Ganztagestour durch die Region startet am 27. August 2017, ebenfalls um 10 Uhr an den IBA-Terrassen in Großräschen. Sie steht unter dem Motto "So ändern sich die Zeiten - Welzow , die Stadt am Tagebau". Reservierungen und Informationen bei Aktiv-Tours unter Telefon 03573 810333. www.iba-aktiv-tours.de

Auch am Bahnhof wird ein kurzer Zwischenstopp eingelegt.
Auch am Bahnhof wird ein kurzer Zwischenstopp eingelegt. FOTO: Budich