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| 17:33 Uhr

Erschütternder Fall am Amtsgericht Senftenberg
Mutter quält Sohn psychisch

 Eine Mutter aus Lauchhammer steht in Senftenberg vor Gericht, weil sie ihren Sohn über Jahre psychisch und physisch misshandelt haben soll.
Eine Mutter aus Lauchhammer steht in Senftenberg vor Gericht, weil sie ihren Sohn über Jahre psychisch und physisch misshandelt haben soll. FOTO: Ramesh Amruth
Senftenberg. Das Amtsgericht Senftenberg verhandelt wegen der Misshandlung eines Schutzbefohlenen. Jahrelang soll eine Mutter ihren Sohn in Lauchhammer misshandelt und gequält haben. Von Jan Augustin

Die Anklageschrift, die Staatsanwalt Markus Richter verliest, ist nur schwer zu ertragen. Die Vorwürfe klingen unfassbar. Markus Richter spricht von einem Martyrium: Über Jahre soll eine Mutter ihren Sohn in Lauchhammer physisch und psychisch misshandelt und gequält haben. Los geht es demnach im Säuglingsalter. Das ist 1993. Einmal soll sie die Milch viel zu heiß gemacht und verabreicht haben, ein anderes Mal den Brei. Das Baby soll vor Schmerzen geschrien haben, erläutert der Staatsanwalt am Donnerstag vor dem Schöffengericht in Senftenberg.

Die vorgetragenen Peinigungsmethoden sind vielfältig. So soll sie ihren Sohn des Öfteren so lange gegrabbelt haben, dass er zu weinen anfängt. Auch soll sie ihm regelmäßig in den Arm gekniffen oder an den Kopf und ans Ohr geschnipst haben – etwa, wenn er beim Abendbrot zu laut gekaut hat. Mit einem Ohrstäbchen soll sie das Trommelfell eingerissen haben, dass es blutet. Auch von einer heftigen Backpfeife, von Prügel mit Gürtel und Schuhanzieher und Hämatomen ist die Rede. Die physische Quälerei dauert den Angaben von Staatsanwalt Markus Richter zufolge bis etwa zum zehnten Lebensjahr an.

Die Gewalt soll auch psychischer Natur gewesen sein. Die Mutter macht das Licht im Bad aus oder lässt die Rollos im Kinderzimmer herunter, obwohl ihr Junge Angst vor der Dunkelheit hat. Sie zerstört Spielzeug oder versteckt es. Sie ignoriert ihn, wo sie kann oder stellt ihm zum Frühstück die Tasse mit dem traurigen Gesicht auf den Tisch.

Das alles berichtet Staatsanwalt Markus Richter zum Auftakt der Verhandlung, während die heute 47-Jährige die ihr gemachten Vorwürfe zunächst gefasst aufnimmt. Dass sie ihren Sohn körperlich misshandelt haben soll, bestreitet sie vehement. Dass sie den Brei einmal zu heiß gemacht haben soll, könne sein. Das habe sie aber nicht vorsätzlich getan. Sie räumt ein, ihren Sohn nicht gut behandelt zu haben. Auch die heftige Ohrfeige gibt sie zu. „Es war eine Frustreaktion“, sagt sie. Ihr Sohn, der damals mit 14 das erste mal richtig betrunken gewesen sein soll, habe zuvor ein Regal mit Erinnerungsstücken von ihr umgerissen. Beim Haareschneiden sei es auch mal vorgekommen, dass ein Haarbüschel mit rausgerissen wurde. Einmal sei sie aus Versehen mit der Schere ans Ohr gekommen.

Im Gegensatz zu der später geborenen Tochter habe sie sehr wenig Bezug zu ihrem Sohn gehabt. „Ich habe ihn öfter durchgekitzelt. Irgendwann mochte er das nicht mehr. Ich habe dann einfach weitergemacht. Ich weiß auch nicht warum“, antwortet die Angeklagte auf eine Nachfrage von Strafrichter Harald Rehbein. „Und das Schnipsen ans Ohr?“, fragt Rehbein. „Ja, das gebe ich zu. Das hat mein Vater auch immer gemacht.“ Sie habe das nicht anders gekannt. „Ich habe versucht, ihm zu schaden, zu quälen mehr auf die psychische Art“, sagt sie.

Die Erklärungsversuche für ihr Handeln reichen weit zurück. „Meine Kindheit war nicht rosig“, sagt die Krankenpflegerin. Sie ist die zweite Tochter von vier Kindern. Der Vater sei sehr gewalttätig gewesen, habe ihre Mutter und die Kinder geschlagen. Einmal habe er versucht, sie zu vergewaltigen. „Ich hatte immer einen Hass auf Männer“, sagt die Angeklagte. Später beginnt sie eine Lehre weit weg von Zuhause. Sie lernt ihren Mann kennen und wird schwanger. Bis zum Tag der Entbindung glaubt sie anhand der Ultraschallbilder daran, dass es ein Mädchen wird. Doch dann kommt ein Junge zur Welt.

Heute, 26 Jahre später, berichtet er vor Gericht von den Erlebnissen in seiner Kindheit. Immer wieder schaut der Altenpfleger zu seiner Mutter. „Ich würde mir wünschen, dass sie eine ordentliche Strafe bekommt für das, was sie getan hat“, erklärt er seine Motivation dafür, warum er sie angezeigt hat. Das war vor vier Jahren, als er aus dem Elternhaus in Lauchhammer auszieht und bei einer Freundin unterkommt. Hier habe er erfahren, wie eine Familie auch miteinander leben kann. Die Freundin habe ihn ermutigt, Anzeige zu erstatten.

Ein Urteil ist noch nicht gesprochen worden. Am kommenden Montag ist der seit drei Jahren getrennt lebende Ehemann der Angeklagten als Zeuge geladen.